Ländervergleich - So stark hinkt die Schweiz beim Impfen der Risikogruppen hinterher
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LändervergleichSo stark hinkt die Schweiz beim Impfen der Risikogruppen hinterher

In Spanien sind die Ältesten der Bevölkerung komplett durchgeimpft. Auch Grossbritannien oder Dänemark sind der Schweiz weit voraus. Was machen diese Länder besser?

von
Daniel Graf
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Rund 20 Prozent der älteren Bevölkerungsgruppen sind in der Schweiz noch nicht geimpft. 

Rund 20 Prozent der älteren Bevölkerungsgruppen sind in der Schweiz noch nicht geimpft.

20min/Celia Nogler
Andere Länder sind der Schweiz da voraus: In Spanien, Grossbritannien und Dänemark etwa beträgt die Impfquote bei der älteren Bevölkerung weit über 90 Prozent. 

Andere Länder sind der Schweiz da voraus: In Spanien, Grossbritannien und Dänemark etwa beträgt die Impfquote bei der älteren Bevölkerung weit über 90 Prozent.

20min/Celia Nogler
Die Schweiz hat dafür bei den Jüngeren etwas höhere Quoten. 

Die Schweiz hat dafür bei den Jüngeren etwas höhere Quoten.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Rund 20 Prozent der älteren Bevölkerungsgruppen haben sich in der Schweiz noch nicht impfen lassen.

  • Andere Länder sind uns hier voraus: In Spanien, Grossbritannien oder Dänemark sind die Quoten deutlich höher.

  • Die Taskforce und weitere Experten sind der Meinung, dass die Behörden hier mehr investieren müssen. Sie schlagen vor, die älteren Personen gezielt anzusprechen und die Impfung in ihrem Alltag zum Thema zu machen.

Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, im Spital zu landen oder daran zu sterben, nimmt mit dem Alter exponentiell zu (siehe Grafik unten). Um die Hospitalisationen und Todesfälle tief zu halten, ist es gemäss Experten deshalb zentral, insbesondere die älteren Bevölkerungsteile zu impfen. Darauf gründet in den meisten Staaten die Impfstrategie, so auch in der Schweiz: Als erstes erhielten die Risikogruppen, also ältere Menschen und solche mit Vorerkrankung, Zugang zur Impfung.

Daten und Grafik: Science Taskforce

Daten und Grafik: Science Taskforce

Doch die Schweiz hinkt hier Ländern wie Spanien, Grossbritannien oder Dänemark hinterher. In Spanien und Dänemark sind die über 80-Jährigen bereits seit Ende Mai komplett durchgeimpft. Alle drei Länder weisen in sämtlichen Alterskategorien über 60 höhere Impfquoten auf als die Schweiz (siehe Grafik unten). Hierzulande ist dafür die Impfquote bei den Jüngeren etwas höher.

Taskforce: «Anstrengungen verstärken»

Was machen diese Länder beim Impfen der Risikogruppen also besser? Die wissenschaftliche Taskforce des Bundesrats schreibt dazu: «Bei anderen Infektionskrankheiten ist in der Schweiz die Impfabdeckung hoch im europäischen Vergleich.» Das lege nahe, dass die Differenz bei der Impfung gegen Covid-19 durch «verstärkte Anstrengungen» verkleinert werden könne.

«In England und Spanien wurden zum Beispiel die Menschen ab einem gewissen Alter direkt und persönlich von lokalen Vertretern des Gesundheitswesens kontaktiert, um eine Impfung zu besprechen oder ihnen eine Impfeinladung zukommen zu lassen», schreibt die Taskforce. Auch ein Mitglied der Expertengruppe Immunologie schlug kürzlich gegenüber 20 Minuten vor, dass Impfequippen ältere Personen persönlich besuchen könnten.

Impfen im Café oder beim Jassen?

Jan Fehr, Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich, erwartet jetzt noch einmal einen Effort bei den Risikogruppen – und mehr Kreativität von den Behörden: «Wir müssen uns jetzt wirklich überlegen, wie wir die Menschen so einfach wie möglich erreichen.»

Gerade für ältere Menschen sei das etwa beim Einkaufen, im Café oder beim wöchentlichen Jassen. «Ohne aufdringlich zu sein, müssen wir das Ziel haben, dass die Menschen sich dort impfen lassen können, wo sie sich im Alltag bewegen.» Er könne sich durchaus vorstellen, dass mobile Impfteams ältere Menschen direkt zu Hause besuchen und das Gespräch suchen oder die Impfung direkt anbieten.

«Lehnen die Impfung nicht kategorisch ab»

Fehr glaubt nicht, dass die rund 20 Prozent der über 70-Jährigen, die noch nicht geimpft sind, die Impfung kategorisch ablehnen. «Es gibt viele und teils wohl viel banalere Gründe, weshalb die Impfquote dort im Vergleich zu anderen Ländern noch tief ist. Etwa, dass ältere Menschen mehr Mühe haben, sich online zu registrieren, wenn ihnen niemand dabei hilft.»

Das sieht auch der Genfer Epidemiologe Antoine Flahault so: «Gerade bei älteren Menschen, die ländlich leben, können Zurückgezogenheit und soziale Isolation Gründe sein, dass sie sich nicht impfen lassen. Sie haben oft auch keine Freunde oder Familie, die ihnen bei der Impfung helfen.» Aber auch Migranten und Geflüchtete, welche die Landessprachen nicht sprechen, tragen laut Flahault zur tiefen Impfquote bei. «Die Gesundheitsbehörden sollten mehr Ressourcen in die Identifizierung dieser Personen investieren und auf sie zugehen.»

Dass die Impfquote in anderen Ländern teils höher sind, hat laut Fehr noch andere Gründe: «Viele europäische Länder wurden härter vom Virus selbst oder auch von Einschränkungen wie Ausgangssperren getroffen. Wenn die Krankheit ein Gesicht hat, etwa in Form eine schwer erkrankten Verwandten, oder wenn man selber sehr stark unter den Restriktionen gelitten hat, ist die Bereitschaft zum Impfen wohl höher.»

«Soziales Umfeld extrem wichtig»

Auch habe sich gezeigt, dass die Kantone, welche die Hausärzte stark in ihre Impfstrategie einbezogen haben, nun eine höhere Impfquote bei älteren Menschen hätten: «Zürich hat von Anfang an darauf gesetzt, sehr viele Impfangebote zu schaffen, also auch die Gemeinden, die Hausärzte und Apotheken einzubeziehen. Das hat zu Beginn vielleicht etwas mehr Zeit gebraucht, zahlt sich nun aber aus. Mittlerweile hat Zürich eine der höchsten Durchimpfungsraten der Schweiz – auch bei der älteren Bevölkerung», sagt Fehr.

Ein letzter Punkt, der Fehr wichtig ist, ist das persönliche Gespräch: «Das soziale Umfeld ist extrem wichtig.» Impfdebatten seien vielfach ideologisch aufgeladen, dabei wäre es oft so einfach: «Ein ‹Übrigens, ich habe mich impfen lassen, und ich bereue es keine Sekunde› kann oft mehr bewirken, als stundenlange Debatten», ist Fehr überzeugt.

Beim BAG heisst es auf Anfrage: «Wir stehen eng mit den Kantonen im Austausch, um die Impfbereitschaft weiter zu steigern. Diese Woche findet ein gemeinsamer Workshop statt.» Eine Informationskampagne ab Mitte August zielt erst einmal auf die jüngeren Personen ab.

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