Bibel, Koran, Tora: So stehen die Religionen zu den Abtreibungen

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Bibel, Koran, ToraSo stehen die Religionen zu den Abtreibungen

In den USA steht es den Bundesstaaten nach einem Gerichtsurteil frei,  Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten. Doch was sagen die Religionen zur Thematik?

von
Jean-Claude Gerber
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Abtreibung wird in den heiligen Schriften des Christentums, Islams und Judentums nicht explizit thematisiert.

Abtreibung wird in den heiligen Schriften des Christentums, Islams und Judentums nicht explizit thematisiert.

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Für die katholische Kirche lebt das Ungeborene ab dem Zeitpunkt der Befruchtung. Es abzutreiben verstösst also gegen das in den zehn Geboten formulierte Tötungsverbot.

Für die katholische Kirche lebt das Ungeborene ab dem Zeitpunkt der Befruchtung. Es abzutreiben verstösst also gegen das in den zehn Geboten formulierte Tötungsverbot.

AFP
So erklärte Papst Franziskus 2018 das Thema Abtreibung: «Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen.» Allerdings gibt es innerhalb der Kirche auch andere Auffassungen.

So erklärte Papst Franziskus 2018 das Thema Abtreibung: «Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen.» Allerdings gibt es innerhalb der Kirche auch andere Auffassungen.

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Darum gehts

  • Die Abtreibung wird weder in der Bibel, noch im Koran oder der Tora thematisiert.

  • Dennoch sind Abtreibungen im Christentum, Islam und Judentum grundsätzlich nicht erlaubt.

  • Allerdings sehen alle Religionen Ausnahmen vor, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist.

  • Für Diskussionen sorgt jeweils der Zeitpunkt, ab wann der Fötus «lebt».

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Abtreibungen weder in der Bibel noch im Koran thematisiert werden. Das bedeutet, dass die Standpunkte innerhalb der einzelnen Religionen nachträglich definiert wurden und ihren Ursprung nicht explizit in den heiligen Schriften haben. Sowohl im Christentum als auch im Islam kommt deshalb in der Abtreibungsfrage dem in den Schriften definierten Tötungsverbot eine wichtige Bedeutung zu. Womit sich die Frage stellt, ab wann ein ungeborener Embryo «lebt».

Striktes Verbot in der katholischen Kirche

Für die katholische Kirche lebt das Ungeborene ab dem Zeitpunkt der Befruchtung. Es abzutreiben, verstösst also gegen das in den zehn Geboten formulierte Tötungsverbot («Du sollst nicht töten»). So erklärte Papst Franziskus 2018 zum Thema Abtreibung: «Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen.» Diese Meinung ist in der katholischen Kirche allerdings keineswegs unumstritten. Die Äusserung des Papstes zog denn auch heftige innerkirchliche Kritik nach sich.

In der reformierten Kirche wird die Abtreibungsthematik differenzierter betrachtet. Auch hier gilt das biblische Tötungsverbot. Jedoch wird im Protestantismus auch die medizinische, soziale und wirtschaftliche Situation der Schwangeren gewichtet. So schrieb der Schweizerische Evangelische Kirchenbund 2001 in einer Stellungnahme zur Fristenlösung, der schwangeren Frau sei die volle Entscheidungsfähigkeit zuzuerkennen. Dabei müsse in Betracht gezogen werden, dass der Mensch unter sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebt, leidet und entscheidet. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt die Evangelische Kirche in Deutschland. Eine eindeutige Definition, wann ein Fötus «lebt», gibt es im Protestantismus nicht.

In den orthodoxen Kirchen gelten Abtreibungen als Mord. Ist jedoch das Leben der Mutter gefährdet, ist dieses höher zu gewichten und der Schwangerschaftsabbruch erlaubt.

Islam kennt Ausnahmen vom Verbot

Im Islam gibt es eine Vielzahl von Lehrmeinungen zum Thema Abtreibung. Grundsätzlich ist sie aufgrund des Tötungsverbots nicht erlaubt. Allerdings gibt es Ausnahmen, wenn das Leben der Mutter gefährdet oder das Kind schwer krank ist. Keine Einigkeit herrscht darüber, wann das menschliche Leben beginnt. Die vorherrschende Meinung ist, dass der Fötus nach 120 Tagen beseelt wird. Es gibt jedoch auch die Ansicht, dass dies bereits 40 Tage nach der Befruchtung der Fall ist. Die Regeln sind aber nicht starr, sondern können durch neue Rechtsgutachten (Fatwas) verändert werden, etwa was Abtreibungen nach Vergewaltigungen betrifft.

Judentum: Gesundheit der Mutter steht über allem

Auch in der Tora wird das Thema Abtreibung nicht berührt. Grundsätzlich gilt, dass im Judentum der Schwangerschaftsabbruch verboten ist. Allerdings steht die physische oder psychische Gesundheit der Mutter bis zur Geburt an erster Stelle. Ist sie gefährdet, ist eine Abtreibung zulässig. Im Reformjudentum wird der Begriff der Gefährdung weiter gefasst, es gibt also mehr rechtfertigende Gründe als in der Orthodoxie. Dass die Gesundheit der Mutter einen derart hohen Stellenwert hat, liegt daran, dass das Leben eines Menschen im Judentum erst mit der Geburt beginnt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Fötus kein eigenständiges Leben, sondern Teil der Mutter.

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