Aktualisiert 27.06.2011 09:17

Bradls PatzerSo stürzte der Töffgott aus dem Himmel

Er schien perfekt und die Medien in Deutschland feierten ihn schon als Töffantwort auf Sebastian Vettel. Nun hat es Stefan Bradl doch erwischt. Nicht ganz zufällig in Assen.

von
Klaus Zaugg
Assen

Seit Anbeginn der Töff-WM heisst es: Wer in Assen durchkommt, kann Weltmeister werden. Der GP von Holland, der einzige, der seit Einführung der WM (1949) jedes Jahr stattgefunden hat, stellt aus verschiedenen Gründen ganz besondere Anforderungen. Es ist die einzige ausschliesslich für Motorradrennen gebaute Strecke. Sie ist schmäler als jene Rundkurse, die auch für Autorennen genützt werden, die Ideallinie ist noch heikler zu finden. Die Wetterverhältnisse sind in Nordholland seit jeher speziell und belasten die Piloten: Glühende Hitze, Regen, schnelle Wechsel von Regen zu Sonnenschein.

Die Saison tritt Ende Juni in die intensivste Phase ein und die Piloten spüren zum ersten Mal Ermüdungserscheinungen. Wer in den bisherigen Rennen gut gefahren ist, realisiert sehr oft erst in Assen, welche Hoffnungen er mit seinen Leistungen geweckt hat – und welchem Leistungsdruck er unterworfen ist. Assen ist definitiv nichts für Warmduscher.

Bradl, trotz Sturz ein Held

Assen 2011 hat reihenweise prominente Opfer gefordert. Rekordhalter Loris Capirossi (321 GP) verletzte sich bei einem Trainingssturz so schwer (Gehirnerschütterung, Brustverletzungen), dass er aufs MotoGP-Rennen verzichten musste. 125er-WM-Leader Nicolas Terol konnte wegen einer im Training erlittenen Sturzverletzung (Hand) das Rennen ebenfalls nicht bestreiten.

Doch das prominenteste Sturzopfer heisst Stefan Bradl (21). Bradl hat diese Saison die Deutschen Motorradfans aus einer langen, langen Depression erlöst. Der letzte Deutsche Töff-Weltmeister heisst Dirk Raudies (125 ccm/1993). Der letzte Titel in einer grossen Hubraumklasse liegt gar sogar schon 24 Jahre zurück: 1987 gewann Anton Mang die 250er-WM. Inzwischen interessieren sich die Medien in Deutschland dank Bradl wieder für den Töffrennsport. Nach dem GP von Assen ist er nach Mainz ins ZDF-Sportstudio geflogen worden. Bradls erster grosser nationaler TV-Auftritt.

Bradl: «Hatte keine Chance, den Sturz zu vermeiden»

Der Bub von Helmut Bradl (250er-WM-Zweiter 1991) dominiert diese Saison die Moto2-WM. Bei sechs von sieben Grand Prix hat er die Trainingsbestzeit herausgefahren (auch in Assen) und vor Assen hatte er vier von sechs Rennen gewonnen. Einmal kam er auf Platz 5und einmal auf Platz 3.

Weil in der Moto2-WM alle die gleichen Motoren (Honda) und Reifen (Dunlop) haben, spielt das Fahrwerk eine entscheidende Rolle – zur grossen Freude der Fans rückt Bradl auf dem Deutschen High-Tech-Produkt Kalex aus. Ein Deutscher siegt dank deutscher Ingenieurskunst.

Nichts schien Bradl aufhalten zu können. Zuletzt fuhr er in Silverstone selbst im Regen wie auf Schienen. In Assen hat es ihn nun erstmals in dieser Saison erwischt. Vier Runden vor Schluss. Er schilderte sein Missgeschick so: «Mein Ziel war eigentlich der fünfte Platz, das wäre möglich gewesen und den Speed dazu hatte ich. Zu Anfang war ich einfach vorsichtig. Bei solchen Bedingungen kann ein Sturz unverhofft kommen. Dazu war es auch schwierig die Gegner zu überholen, da nur ein kleiner Streifen auf der Ideallinie trocken war. Bei solchen Bedingungen zu fahren ist eigentlich ‹für die Katz›, und man sollte daheim bleiben. Ich hatte keine Chance, den Sturz zu vermeiden. Der Reifen war auf der rechten Seite komplett abgefahren und es passierte ohne Vorwarnung. Vielleicht habe ich die Hinterradbremse etwas zu sehr benützt, jedenfalls hat mich das Hinterrad einfach überholt.»

Wie wirkt sich der Sturz aus?

Die Stürze werden in der Moto2-WM im Training und im Rennen offiziell statistisch erfasst. Assen war erst Bradls zweiter Sturz in dieser Saison. Zum Vergleich: Tom Lüthi und Randy Krummenacher hat es schon fünfmal erwischt, Dominique Aegerter dreimal.

Der erste «Nuller» des neuen Deutschen Töffstars hat allerdings noch keine dramatischen Folgen: Nach wie vor führt Bradl die WM mit 57 Punkten Vorsprung auf den Spanier Marc Marquez (18) an. Unfälle in Assen haben sich im Rückblick oft als dramatische Wendepunkte in einer WM herausgestellt. Doch bei Bradl spricht vieles dafür, dass er durch diesen Sturz nicht aus dem Konzept gebracht wird. Er hat ein sehr gut eingespieltes, kleines Team, das ihm eine perfekte technische Betreuung garantiert, privat starken familiären Rückhalt und einen Vater, der ihn behutsam und doch bestimmt fördert und ein sehr gutes Gespür dafür hat, wann seine Präsenz gefragt ist und wann nicht.

Moto2-WM-Stand (nach 7 von 17 Rennen):

1. Stefan Bradl (De), Kalex, 127 Punkte.

2. Marc Marquez (Sp), Suter, 70.

3. Simone Corsi (It), FTR, 67.

4. Bradley Smith (Gb), Tech3, 63,

5. Yuki Takahashi (Jap), Moriwaki, 56.

6. Tom Lüthi (Sz), Suter, 56.

7. Andrea Iannone (It), Suter, 53,

8. Alex de Angelis (San Marino), Motobi, 53.

9. Julian Simon (Sp), Suter, 49.

10. Michele Pirro (It), Moriwaki, und Esteve Rabat (Sp), FTR.

11. Randy Krummenacher (Sz), Kalex, 36.

Ferner: 16. Dominique Aegerter (Sz), Suter, 24.

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