Aktualisiert

Polizei muss demos auflösenSo ticken die Lockdown-Demonstranten

Hunderte demonstrierten am Samstag gegen die Corona-Massnahmen des Bundes. Alec Gagneux hielt bereits vor Wochen die erste Mahnwache auf dem Bundesplatz ab.

von
Daniel Graf
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Demonstranten bei einer Demonstration gegen den Coronavirus Lockdown, am Samstag, 9. Mai 2020 in Bern.

Demonstranten bei einer Demonstration gegen den Coronavirus Lockdown, am Samstag, 9. Mai 2020 in Bern.

KEYSTONE
Alec Gagneux (mit Gitarre) hat die «Mahnwachen» gegen den Corona-Lockdown auf dem Berner Bundesplatz ins Leben gerufen.

Alec Gagneux (mit Gitarre) hat die «Mahnwachen» gegen den Corona-Lockdown auf dem Berner Bundesplatz ins Leben gerufen.

Mehrere Hundert Personen versammelten sich in Bern, um gegen den Corona-Lockdown zu demonstrieren.

Mehrere Hundert Personen versammelten sich in Bern, um gegen den Corona-Lockdown zu demonstrieren.

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Darum gehts

  • Am Samstag demonstrierten in mehreren Schweizer Städten Hunderte Menschen gegen die Lockdown-Massnahmen des Bundes.
  • Alec Gagneux war einer der Ersten, die hinstanden und ein Ende des Lockdowns forderten.
  • Die Polizei löste mehrere Demos auf und verzeigte mehrere Dutzend Personen wegen Verstössen gegen die Corona-Vorschriften.
  • Ein Experte für Verschwörungstheorien sagt, von den Demonstranten gehe gleich in mehrfacher Hinsicht Gefahr aus.

Mehrere Hundert Menschen demonstrierten am Samstag in verschiedenen Städten gegen die Massnahmen des Bundesrats zur Bekämpfung der Corona-Krise. Sie missachteten das Veranstaltungsverbot und hielten die Abstandsregeln nicht ein. Der Tenor der Demonstrierenden: Der Staat beraube die Menschen ihrer Grundrechte, die Corona-Massnahmen seien übertrieben.

Laut der Berner Kantonspolizei waren «Personen aller Altersklassen, darunter auch Familien mit kleinen Kindern» vor Ort. Die Teilnehmer hätten ein sehr breit gefächertes Interessenspektrum vertreten und die meisten hätten für die Massnahmen des Bundes keinerlei Verständnis aufgebracht.

«Corona ist ein Geschäft mit der Angst»

Ins Leben gerufen hat die «Mahnwachen» in Bern Alec Gagneux. Der «Friedensaktivist» ist unter anderem als Mitinitiant der Ecopop-Initiative sowie als Unterstützer der Vollgeld-Initiative bekannt. Bei Corona spricht Gagneux von einem «Geschäft mit der Angst». Letztlich gehe es darum, so Gagneux, die ganze Menschheit einer Zwangsimpfung zu unterziehen.

«Die Massnahmen des Bundesrats sind unverhältnismässig. Die Verfassung wird unnötig ausgehebelt, damit sieben Diktatoren das Land regieren können, ohne dass das Parlament oder das Volk etwas dazu sagen können», sagt Gagneux (siehe Video). Er ist überzeugt: «Wenn die Bevölkerung nicht auf die Strasse geht, ist es gut möglich, dass der Bundesrat das Notrecht ins Bundesrecht übernimmt und dass wir noch Jahrzehnte in den heutigen Zuständen leben müssen.»

Alec Gagneux, der als erster in Bern demonstrierte, äussert sich zu seinen Beweggründen.Daniel Graf/Philipp Stirnemann

«Dieser Wahnsinn muss sofort gestoppt werden»

Für Gagneux gibt es nur eine Alternative: «Sofort aufhören mit diesem Wahnsinn.» Dass Menschen an Covid-19 sterben, leugnet er nicht, sagt aber: «Menschen sterben an der Grippe, am Rauchen und am Trinken und an unzähligen anderen Sachen. Gemäss des World Food Progamme der UN wird sich der Hunger wegen der Coronamassnahmen bis Ende Jahr verdoppeln. Wo bleibt die Empathie für dieses extreme Leiden? Weshalb schauen wir jetzt nur noch auf die Corona-Toten? Das ist lediglich ein Geschäftsmodell.»

Der Drahtzieher hinter diesem Modell ist für Gagneux ebenfalls klar: die Bill and Melinda Gates Foundation. Diese sei nicht gegründet worden, um irgendwem zu helfen, sondern hauptsächlich, um Steuern zu sparen. Die Stiftung habe die WHO «in der Hand», nun sollen sieben Milliarden Menschen «zwangsgeimpft» werden, woran die Gates verdienen, sagt Gagneux. Dass Gates den Impfstoff letztlich sieben Milliarden Menschen verabreichen wolle, sagte er kürzlich in einem Interview.

Falschinformationen

Verschwörungstheorien sind nicht gleich Fake News

Zwischen den zwei Begriffen Verschwörungstheorien und Fake News kann ein klarer Unterschied gemacht werden.

Fake News sind bewusst gestreute Falschinformationen. Diese können Bestandteil von Verschwörungstheorien sein oder in solche eingebaut werden, müssen aber nicht.

Eine Verschwörungstheorie hingegen ist die Annahme, dass eine Verschwörung der Ausgangspunkt einer Entwicklung oder eines Ereignisses sei. Oft wird dahinter ein Komplott höherer Mächte oder mächtiger Personen vermutet.

«Demonstranten sind an die falschen Informationen gelangt»

Marko Kovic hat an der Universität Zürich in Kommunikationswissenschaften promoviert. Er ist Gründungsmitglied und früherer Präsident des Thinktanks «Skeptiker Schweiz» und hat sich in der Forschung viel mit Verschwörungstheorien befasst. «Bei den Generationen vom Samstag hat sich ein bunter Haufen eingefunden. Die Verschwörungstheorien, welche derzeit zu Corona kursieren, vereinen offenbar Menschen aller politischer Couleur», sagt Kovic.

Er ist überzeugt: «Die Menschen, welche gegen die Massnahmen demonstrieren, sind nicht dumm. Sie haben sich sogar sehr viele Informationen rund um das Thema Coronavirus beschafft. Sie sind allerdings an die falschen Informationen gelangt.» Und wenn sich im Hirn einmal der Glaube an eine Theorie festgesetzt habe, sei es sehr schwer, diesen wieder loszuwerden, sagt der Experte.

«Irgendwann glauben sie, dass da etwas dran sein muss»

Derzeit kursiere eine unglaublich grosse Menge an Falschinformationen in den sozialen Netzwerken. «Ich bekomme Verschwörungsvideos oder Kettenbriefe von Leuten zugeschickt, die ich wirklich nicht als Verschwörunstheoretiker kenne», sagt Kovic. Doch die vielen Falschinformationen verunsicherten die Leute so lange, bis sie glaubten, dass da etwas dran sein müsse.

Für Kovic sind diese Theorien und ihre Anhänger gleich auf mehreren Ebenen gefährlich: «Einerseits ist bei Demonstrationen, wo niemand sich um die Abstands- und Hygieneregeln hält, das Ansteckungsrisiko hoch.» In den USA gebe es Hinweise darauf, dass die Infektionsrate nach solchen Demonstrationen steigen werde. Doch auch das Gedankengut sei gefährlich: «Diese Menschen haben effektiv Angst vor einer Verschwörung, vor einer neuen Weltordnung. Das widerspiegelt sich in einer verhältnismässig aggressiven Stimmung, etwa in Bern, wo Polizisten angeschrien wurden. Das kennt man sonst nur von 1.-Mai-Demos.»

Gagneux distanziert sich von Extremismus

Kovic vergleicht die Demonstrationen mit einem Dampfkochtopf ohne Ventil: «Da staut sich immer mehr Frust auf und ich hoffe, dass es nicht irgendwann knallt». Das Problem: «Ich wüsste nicht, wie man diese Menschen befrieden könnte», sagt Kovic. Obwohl er niemandem die Krankheit wünsche, sagt er: «Die Corona-Kritiker können das Virus nicht sehen, riechen oder hören. Vielleicht realisieren sie die tatsächliche Gefahr erst, wenn jemand in ihrem Umfeld daran erkrankt.»

Alec Gagneux wehrt sich gegen den Vorwurf, extremistisch oder ein Verschwörungstheoretiker zu sein: «Ich fühle mich der Wahrheit verpflichtet und ich spreche nur für mich selber, für die Aussagen der anderen Teilnehmer der Mahnwachen bin ich nicht verantwortlich.»

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