Steve Simon: Der Mann, der sich mit China im Fall Peng Shuai anlegt
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Menschenrechte sind wichtiger als GeldSo tickt der Tennis-Boss, der sich im Fall Peng Shuai mit China anlegt

Steve Simon geht im Fall um die verschwundene Peng Shuai auf Konfrontationskurs mit China. Ungewöhnlich für einen Sportfunktionär. Doch was ist der US-Amerikaner für ein Mann? Ein Porträt.

von
Nils Hänggi

Diese Videos sollen Peng Shuai zeigen.

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Darum gehts

  • Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai gilt noch immer als verschwunden.

  • Am Mittwoch gab der Weltverband im Frauentennis bekannt, dass man China boykottieren werde.

  • Der WTA-Boss Steve Simon veranlasste dies.

  • Doch wer ist dieser Mann?

Es ist eine historische Auseinandersetzung zwischen der WTA und China. Am Mittwoch griff der Weltverband im Frauentennis im Fall der verschwundenen 35-jährigen Tennisspielerin durch. Und wie. So gab er bekannt, dass er bis auf weiteres keine Turniere in China durchführt. Diesen Entscheid traf WTA-Boss Steve Simon. Der Beschluss, alle WTA-Turniere in China und Hongkong auszusetzen, bis die mysteriösen Vorgänge um die Doppel-Spezialistin Peng Shuai transparent aufgeklärt werden, gleicht einem Erdbeben im Sport.

Doch wer ist Steve Simon? Was ist das für ein Mann, der sich mit China anlegt? Simon ist US-Amerikaner und 66 Jahre alt. Doch sonst? Wer den WTA-Boss auf Wikipedia sucht, findet einen Fünf-Zeilen-Text über ihn. In englischer Sprache, auf Deutsch ist noch überhaupt gar kein Artikel über ihn vorhanden. Und: Der englischsprachige Kurztext über den WTA-Chef ist erst am 2. Dezember 2021 um 22.46 Uhr angelegt worden. Heisst: Zuvor gab es in der Online-Enzyklopädie überhaupt keinen Text über den US-Amerikaner.

Doch verschnipselt gibt es sie schon, die Informationen über Simon. Geboren wurde er in Kalifornien, mit zehn Jahren begann er Tennis zu spielen. 1981 qualifizierte er sich für das Mixed-Doppel in Wimbledon, wo er an der Seite seiner Landsfrau Lea Antonoplis in der ersten Runde verlor. Später wechselte er ins Tennis-Sponsoring, wurde 2004 Turnierdirektor beim Turnier in Indian Wells.

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Das ist er, Steve Simon. Der WTA-Boss. Hier zu sehen mit der Schweizerin Martina Hingis. 

Das ist er, Steve Simon. Der WTA-Boss. Hier zu sehen mit der Schweizerin Martina Hingis.

AFP via Getty Images
Simon wurde in Kalifornien geboren und ist 66 Jahre alt. 

Simon wurde in Kalifornien geboren und ist 66 Jahre alt.

Getty Images
Als Simon am Mittwoch ankündigte, alle Turniere in China mit sofortiger Wirkung auszusetzen, schrieb der US-amerikanische Tennisjournalist Peter Bodo: «Der echte Steve Simon hat sich endlich erhoben.»

Als Simon am Mittwoch ankündigte, alle Turniere in China mit sofortiger Wirkung auszusetzen, schrieb der US-amerikanische Tennisjournalist Peter Bodo: «Der echte Steve Simon hat sich endlich erhoben.»

imago images/ZUMA Wire

Mit dem China-Boykott verliert die WTA Millionen

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde immer klarer: Simon ist ein Mann mit Prinzipien. So boykottierten die Schwestern Serena und Venus Williams Indian Wells seit 2004, weil sie sich vom Publikum rassistisch beleidigt fühlten. Erst 2014 gab Serena Williams ihr Turnier-Comeback. Dies nach langen und jährlichen Gesprächen mit Simon. «Er ist wirklich einer, der sich um die Spielerinnen bemüht. Ein guter Zuhörer und er hat nur die besten Absichten für uns im Sinn», meinte sie über ihn.

Diese Prinzipien sind nun wieder zu erkennen. So ist es das erste Mal, dass sich ein globaler Sportverband mit dem mächtigen Sport-Player China – dem grössten Sponsor des Frauentennis – anlegt. Im Jahr 2022 waren zehn WTA-Turniere in China geplant. Der Rückzug bedeutet für die WTA nun vor allem eines: einen Verlust von mehreren Hundert Millionen Franken. Egal dürfte das Simon nicht sein. Doch der WTA-Boss stuft andere Dinge dennoch als wichtiger ein. Wichtiger als Geld und Profit.

Was das ist? Die Menschenrechte. Und: das Wohl der Spielerinnen. Für beides riskiert Simon viel. In den letzten Jahren umgarnte er China, um den asiatisch-pazifischen Markt zu erschliessen. Ein Beispiel: Der Weltverband im Frauentennis verkaufte den WTA-Final bis 2030 nach China. Das Land zahlte für das Turnier, an dem zum Jahresende die besten acht Spielerinnen der Saison antreten, Millionensummen. Nun sagt Simon gegenüber CNN: «Wir hatten grossen Erfolg in China. Jetzt sind wir aber definitiv gewillt, unser Geschäft vollständig abzuziehen mit allen Komplikationen, die damit verbunden sind.» Die Welt habe sich in der Vergangenheit zu oft von Business, Politik und Geld den Weg diktieren lassen, was richtig ist und was falsch ist.

Warum können andere Verbände nicht auf China verzichten?

Als Simon am Mittwoch ankündigte, alle Turniere in China mit sofortiger Wirkung auszusetzen, schrieb der US-amerikanische Tennisjournalist Peter Bodo: «Der echte Steve Simon hat sich endlich erhoben.» Und tatsächlich, die breite Öffentlichkeit kannte den WTA-Chef bisher als Menschen, der in Interviews nüchtern und emotionslos auftrat. Bodo schrieb weiter: «Die Menschen kannten ihn als Buchhalter.» Das hat sich nun geändert. Definitiv. Die Sportwelt – und wohl auch darüber hinaus – weiss nun, wer Simon ist.

Durch das kompromisslose Handeln der WTA müssen sich nun andere Sportverbände Fragen stellen lassen. Die wichtigste wohl: Warum können andere Verbände nicht auf China verzichten, wenn der Frauenweltverband im Tennis auf seine grösste Bühne verzichtet, weil ihm Menschenrechte wichtiger sind als das Geschäft?

IOC-Präsident Thomas Bach hat einen 30-minütigen Videoanruf mit der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai geführt.

IOC-Präsident Thomas Bach hat einen 30-minütigen Videoanruf mit der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai geführt.

AFP

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gab auf diese Frage bereits eine Antwort. So führte Präsident Thomas Bach per Videocall ein Interview mit der 35-jährigen Shuai. «Sie schien entspannt zu sein», meinte Bach nachher. Am Donnerstag gab das IOC zudem bekannt, dass man ein zweites Mal mit Shuai habe reden können. Das Problem: Nur das IOC scheint mit der Chinesin Kontakt haben zu können. Simon teilte mit, er habe bis heute keinen Kontakt zur Tennisspielerin gehabt.

Von der ATP, dem Tennis-Weltverband der Männer, wird Simon keine Unterstützung erwarten können. So verkündete am Freitagmorgen der Verband, dass man China nicht boykottieren werde. Steve Simon und die WTA stehen also alleine da im Kampf gegen China. Der Weltverband im Frauentennis und der Buchhalter.

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