Fragen & Antworten: So tötet das Giftgas die Syrer
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Fragen & AntwortenSo tötet das Giftgas die Syrer

Die syrische Regierung soll mit Chemiewaffen 1300 Menschen getötet haben. Um welches Gas handelt es sich? Was bewirkt es? Und könnte die US-Armee die Vorräte zerstören?

von
Seth Borenstein
AP

Nach dem Einsatz von Giftgas in Syrien verdichten sich die Hinweise auf eine militärische Reaktion der USA und Grossbritanniens. Im Folgenden Fragen und Antworten zu dem Einsatz vor einer Woche, der nach Angaben der Opposition bis zu 1300 Menschen das Leben kostete.

Um welches Giftgas geht es eigentlich?

Das ist noch nicht klar. Experten verweisen jedoch angesichts der Symptome, die Opfer in Syrien zeigten, auf Nervengase. Dazu gehören Sarin, Soman, VX und Tabun. Sie werden Nervengase genannt, weil sie Rezeptoren in den Nervenzellen blockieren.

Welche Symptome wurden gemeldet und wieso weisen sie auf den Einsatz von Nervengasen hin?

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, viele Patienten seien mit Krämpfen, starkem Speichelfluss, verkleinerten Pupillen, Sehstörungen und Atembeschwerden in die Krankenhäuser gekommen. Der Arzt Amesch Adalja von der Universität von Pittsburgh sagte, die Beschreibungen deuteten «wie aus dem Lehrbuch» auf eine Nervengasvergiftung hin. Die verkleinerten Pupillen liessen darauf schliessen, dass keine anderen Chemiewaffen wie Senfgas oder Chlorgas verwendet wurden.

Worin bestehen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Nervengasen?

Im Grunde genommen wirken die vier genannten Nervengase im Körper gleich, sie töten auf die gleiche Weise und werden auch gleich behandelt. Alle sind nach der von 189 Ländern unterzeichneten Chemiewaffenkonvention verboten. Sarin ist das flüchtigste der Gase, VX das tödlichste.

Warum wird im Zusammenhang mit dem Giftgaseinsatz Sarin am häufigsten genannt?

Adalja sagte, der einzige Grund sei, dass die syrische Regierung schon in der Vergangenheit wahrscheinlich Sarin gelagert und auch eingesetzt habe.

Wie töten Nervengase?

Sie zerstören ein Enzym, das die Nerven für die Kommunikation untereinander benötigen. Die Opfer werden also überstimuliert. Zu den Symptomen gehören Erbrechen, Durchfall, Verwirrung, Kopfschmerzen, Bewusstlosigkeit, Krämpfe und Lähmungen. Abhängig von der Dosis können die Opfer innerhalb weniger Minuten sterben, wie Adalja erklärte: «Wenn man noch bei Bewusstsein ist, kann das qualvoll sein.»

Kann man Sarin sehen oder riechen?

Nein. Als Flüssigkeit ist Sarin geruch- und farblos. Es wird oft als Gas eingesetzt, kann aber auch in flüssiger Form über Kontakt mit der Haut tödlich wirken.

Kommt das Gas in der Natur vor?

Nein. Sarin wurde erstmals 1983 als Pestizid hergestellt.

Gibt es eine Therapie?

Ja, wenn die Dosis niedrig genug war und schnell gehandelt wird. Das Gegenmittel wird gespritzt, viele Soldaten im Einsatz tragen es bei sich. Wer dem Gift ausgesetzt war, muss ausserdem alle Kleidung ablegen und sich gründlich waschen.

Wurde Sarin in der Vergangenheit häufig eingesetzt?

Der wohl bekannteste Anschlag mit Sarin ereignete sich 1995 in Tokio, als Terroristen das Gas in der U-Bahn freisetzten. 13 Menschen kamen ums Leben, rund 6000 wurden verletzt.

Werden wir je erfahren, welches Giftgas in Syrien eingesetzt wurde?

Vielleicht. Die UN-Inspektoren können mit einer relativ einfachen Analyse der vor Ort entnommenen Proben feststellen, um welchen Stoff es sich handelte, wie Adalja erklärte. Allerdings zerfallen diese Proben rasch. Mit guten Proben könnte das Ergebnis aber innerhalb von ein oder zwei Tagen vorliegen.

Wie könnten die US-Streitkräfte die syrischen Nervengasvorräte zerstören?

Mehrere der Optionen, die derzeit diskutiert würden, seien nicht ohne Risiko, sagte Amy Smithson, Chemiewaffenexpertin am Center for Nonproliferation Studies. Bei einer Bombardierung der Waffenlager bestehe die Gefahr, dass Gas austrete und Menschen in der Umgebung vergifte. Zudem habe der syrische Präsident Baschar al-Assad gedroht, im Fall eines Angriffs die Chemiewaffen einzusetzen.

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