Aktualisiert 22.04.2014 19:40

Eine Art WinterschlafSo überlebte der Teenager 4000 Kilometer bei -62°C

Der Junge, der im Radkasten eines Jets nach Maui flog, konnte die fünf Stunden Eiseskälte und Sauerstoffmangel nur überstehen, weil sein Körper von sich aus richtig reagierte.

von
Fee Riebeling
Dass der Teenager seine Reise als blinder Passagier überlebte, grenzt an ein Wunder.

Dass der Teenager seine Reise als blinder Passagier überlebte, grenzt an ein Wunder.

Nach einem Streit mit der Familie war der 15-Jährige, dessen Alter zunächst irrtümlich mit 16 angegeben wurde, im kalifornischen San Jose in den Fahrwerksschacht einer Maschine der Hawaiian Airlines geklettert. Dass er am Zielflughafen in Maui überhaupt wieder herauskrabbelte, grenzt an ein Wunder. «Wenn die Geschichte tatsächlich stimmt, sind viele glückliche Umstände zusammengekommen», sagt Notfallmediziner Martin Brüesch vom Universitätsspital Zürich.

Denn die Bedingungen während einer solchen Reise sind ausserhalb der Bordkabine alles andere als lebensfreundlich. Beispielsweise herrschen in einer Flughöhe von 11'600 Metern rund minus 62° Celsius. «Erfrierungen und abgestorbene Extremitäten, aber auch ein Zusammenbrechen des Herz-Kreislauf-Systems können die Folge sein», erklärt Brüesch.

Von der Kälte bedroht, von der Kälte gerettet

Doch wie es ausschaut, hat der Jugendliche, der nur mit einem Kapuzenpullover, Jeans und Sneakers bekleidet war, die eisigen Temperaturen gut überstanden. Diese könnten ihm gar das Leben gerettet haben: «Wahrscheinlich hat er nur aufgrund der grossen Kälte überlebt», so der Zürcher Mediziner. Denn dadurch sei die Körpertemperatur des Teenagers so stark vermindert worden, dass er in Ohnmacht fiel und der Sauerstoffbedarf deutlich reduziert wurde. Das sei vergleichbar mit dem Winterschlaf der Tiere. Dabei reduziert sich der Herzschlag deutlich, das Blut fliesst langsamer durch die Adern und die Lungenfunktion wird auf ein Mindestmass von rund zwei bis drei Atmern pro Minute heruntergefahren.

Kater Oscar Fox

In diesem komaähnlichen Zustand konnte der Körper des Teenagers den Sauerstoffmangel kompensieren, der in grosser Höhe herrscht. «Das ist wie beim Bergsteiger, wo es ab 8000 Metern schwierig wird», erklärt Brüesch. Warum manche Menschen mit dieser Höhe klarkommen, andere jedoch von ihr in die Knie gezwungen werden, sei unklar. «Sicher ist nur, dass eine Akklimatisierung hilfreich ist.» Davon sei bei dem Jugendlichen aber nicht auszugehen. Sein Überleben scheine vielmehr ein grosses Glück zu sein.

Blinder Passagier ist über den Berg

Dafür spricht auch, dass der Jugendliche vor seiner mehrstündigen Ohnmacht anscheinend eine Position eingenommen hat, die ihn während des Fluges nicht nur vor dem Herausfallen, sondern auch vor dem Ersticken bewahrt hat – «so wie die stabile Seitenlage verhindert, dass die Zunge von Bewusstlosen, die Atmung behindert», sagt der Experte vom Unispital Zürich. Er schätzt, dass der Flug HA45 zudem ein äusserst ruhiger gewesen ist: «Denn Turbulenzen können bei Menschen, die derart heruntergekühlt sind, Kammerflimmern auslösen und so zum Herzstillstand führen.»

Tatsächlich hat der junge Mann das Abenteuer aber offenbar völlig unbeschadet überstanden. «Nach so einer Reise wären kognitive Störungen wie Erinnerungslücken am wahrscheinlichsten», so Martin Brüesch. Doch die hätte man schon längst festgestellt.

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