Ahmadinedschad: So überlistet man einen Despoten
Aktualisiert

AhmadinedschadSo überlistet man einen Despoten

Der iranische Präsident gilt als schwieriger Interview-Partner. Ein neues Handbuch verrät, worauf die Medien achten sollten.

von
Omid Marivani
Bisher ist es noch keinem Journalisten gelungen, Ahmadinedschad während eines Interviews wirklich aus der Reserve zu locken.

Bisher ist es noch keinem Journalisten gelungen, Ahmadinedschad während eines Interviews wirklich aus der Reserve zu locken.

Mahmud Ahmadinedschad mag viele Fehler haben, doch eines kann man ihm nicht vorwerfen: Medienscheue. In seiner fünfjährigen Amtszeit hat er zahlreichen amerikanischen und europäischen Fernsehanstalten zum Teil sehr ausführliche Interviews gewährt. Trotzdem geniesst der iranische Präsident keinen guten Ruf unter den Medienschaffenden: «Er ist schwierig festzunageln, weil er oft mit Fragen antwortet und sich nicht verpflichtet fühlt, auf gestellte Fragen einzugehen», bemängelt der amerikanische Journalist Charlie Rose, der aus wiederholter Erfahrung spricht.

Sein Kollege Mike Wallace fasste sich 2006 in Teheran ein Herz und fragte Ahmadinedschad ganz direkt: «Ich flehe Sie an, könnten Sie Ihre Antworten kurz halten?» Die Menschenrechtsorganisation «International Campaign for Human Rights in Iran» hat über 20 Interviews mit Ahmadinedschad ausgewertet und aus den gewonnenen Erkenntnissen ein Handbuch zusammengestellt. Zumindest auf seine gängigsten Tricks soll keiner mehr hereinfallen.

Ablenken, ausweichen, zermürben

Laut Handbuch gehören zu seinen bevorzugten Techniken, unangenehmen Themen auszuweichen, Gegenfragen und philosophische Antworten auf praktische Fragen. Kritik an Menschenrechtsverletzungen im Iran kontert er mit Hinweisen auf Missstände in den USA und Europa. Bei Fragen zu inhaftierten Dissidenten verweist er auf die Unabhängigkeit der iranischen Justiz. Wenn gar nichts mehr hilft, zweifelt er die Unbefangenheit der westlichen Medien an. Zur Illustration folgen Interview-Zitate wie «Ich werde Ihnen etwas anderes erzählen, das wichtiger ist» oder «Kann denn der Präsident in Ihrem Land der Justiz befehlen, was sie zu tun hat?»

Zur Vermeidung solcher Ausweichmanöver rät das Handbuch, offene Fragen zu vermeiden, weil sie zum Schwadronieren einladen. Sollte genau das passieren: Unterbrechen und darauf hinweisen, dass er die Frage nicht beantwortet. Lieber von Anfang an möglichst kurze, geschlossene Fragen stellen, die mit Ja/Nein beantwortet werden können. Und wenn verfügbar, unbedingt Bild- und Videomaterial vorbereiten, das während des Interviews eingesetzt werden kann. Sowohl er selbst als auch das Publikum erhalten so einen lebendigeren Zugang zum Thema.

Der Zeitpunkt der Publikation ist bewusst gewählt. Wie jedes Jahr wird der iranische Präsident auch kommenede Woche an der UNO-Vollversammlung in New York erwartet. Wie jedes Jahr wird er diese Gelegenheit für zahlreiche Interviews nutzen. Vielleicht bleiben zum ersten Mal keine frustrierten Journalisten und verwirrten Zuschauer zurück.

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