Leser erzählen: So verhältst du dich richtig bei sexueller Belästigung in der Lehre

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Leser erzählenSo verhältst du dich richtig bei sexueller Belästigung in der Lehre

Viele Lehrlinge erleben während der Ausbildung sexuelle Belästigung. Leser berichten von ihren schlechten Erfahrungen – eine Expertin gibt Rat.

von
Barbara Scherer
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Lehrlinge erleben in der Schweiz immer wieder sexuelle Belästigung.

Lehrlinge erleben in der Schweiz immer wieder sexuelle Belästigung.

Getty Images/iStockphoto
Das zeigt eine Umfrage der Unia Jugend.

Das zeigt eine Umfrage der Unia Jugend.

KEYSTONE
80 Prozent der Frauen und rund die Hälfte der Männer sind schon sexuell belästigt worden. Rund ein Drittel davon am Arbeitsplatz.

80 Prozent der Frauen und rund die Hälfte der Männer sind schon sexuell belästigt worden. Rund ein Drittel davon am Arbeitsplatz.

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Darum gehts

  • Sexuelle Belästigung ist ein weit verbreitetes Problem in der Lehre, wie eine Unia-Umfrage zeigt.
  • Betroffene 20-Minuten-Leser erzählen von ihren Erfahrungen.
  • Anja Derungs von der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung erklärt, wie sich die Opfer am besten verhalten.

80 Prozent der Frauen und die Hälfte der Männer wurden schon einmal sexuell belästigt, rund ein Drittel davon am Arbeitsplatz. Das zeigt eine Umfrage von Unia Jugend. Betroffene 20-Minuten-Leser berichten von ihren Erlebnissen aus der Lehre. Anja Derungs, Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung sagt, was die Betroffenen machen können.

«Ein Mitarbeiter hat vor meinem Haus gewartet»

Muriel*: Ich habe meine Lehre in einem grossen Unternehmen als Informatikerin gemacht. Es gab immer wieder Situationen, in denen Männer in Meetings ihre Oberschenkel an mich gedrückt haben oder sich an mir vorbeigepresst haben, obwohl genug Platz war. Einer, der doppelt so alt war, hatte sogar mal drei Stunden vor meinem Haus gewartet, weil er mich sehen wollte: Das war echt gruselig. Es haben auch immer wieder Männer im Messenger geschrieben und mir eindeutige Angebote gemacht.

Anja Derungs: Sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz – auch das Nachstellen nach der Arbeit – ist keine Bagatelle! Es ist eine Machtdemonstration. Rede dir nicht ein, dass du selber schuld bist. Sag direkt und klar, dass dich dieses Verhalten stört, indem du es benennst: «Stopp, ich möchte das nicht. Ich erwarte, dass Sie das respektieren und Berührungen in Zukunft unterlassen.» Selbstverständlich kannst du die Person auch später darauf ansprechen. Wenn du dich das nicht getraust, hol dir externe Hilfe und Unterstützung. Beispielsweise bei Belaestigt.ch. Und behalte Beweise wie eine Messenger-Nachricht unbedingt auf.

«Der Teamleiter machte Geschenke»

Ursula*: Meine Kollegin wurde in der Lehre belästigt. Sie wurde vom Teamleiter mit Geschenken überhäuft und er fragte sie mehrmals, ob sie mit nach Paris gehen wolle. Das HR hat Wind davon bekommen, aber nichts gemacht. Dann hat das Team bemerkt, dass sie vom Chef bevorzugt wird, und angefangen, sie zu mobben.

Anja Derungs: Es empfiehlt sich, die Geschenke nicht anzunehmen oder zurückzugeben und dem Teamleiter klarzumachen, dass man niemals wieder so etwas erhalten möchte. Und auch keine Reise mit ihm machen will. In solchen Situationen sollte alles dokumentiert werden, indem man beispielsweise ein Foto von den Geschenken macht. Somit verhindert man, dass der Teamleiter die Sache abstreiten kann. Danach muss das HR auf seine Handlungspflichten aufmerksam gemacht werden – gerade weil der direkte Chef in die Belästigungen involviert ist. Oder man wendet sich an die nächsthöhere Leitungsebene.

«Eine Mitarbeiterin streichelte meine Beine»

Martin*: Bei einer Besprechung hat mir eine Mitarbeiterin plötzlich über die Beine gestreichelt und sich über mich gelehnt. In diesem Moment fühlte ich mich sehr unwohl. Doch ich wollte nichts sagen, weil ich Lehrling war. Später teilte ich das Ganze meiner Chefin mit. Sie meinte nur, das sei nichts Schlimmes und ich solle mich nicht aufspielen. Die Mitarbeiterin erzählte dann der Chefin, ich hätte sie berührt. Es gab Streit und ich habe den Betrieb verlassen.

Anja Derungs: Dass du dich bei deiner Chefin gemeldet hast, zeigt, dass dein Leidensdruck hoch ist. Das muss die Chefin ernst nehmen. Erst recht, wenn ein Machtgefälle und Abhängigkeitsverhältnis besteht. Vorgesetzte sind gemäss Gleichstellungsgesetz verpflichtet, sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz zu stoppen. Sogenanntes Victim Blaming ist dabei fehl am Platz. Ausserdem haben Betriebe gegenüber Lernenden erhöhte Schutz- und Fürsorgepflichten. Hat die Chefin oder der Chef kein Gehör für die Anschuldigung, sollte man sich an eine externe Beratungsstelle, die auch psychosoziale Beratung anbietet.

«Mir wurde an den Hintern und den Busen gefasst»

Antonia*: In meiner Kochlehre wurde mir zwischen die Beine, an den Hintern und den Busen gefasst. Ich habe das meinem Ausbildner und dem Chef gemeldet. Es hiess nur, ich solle mich zur Wehr setzen. Nach meinem Abschluss habe ich keinen Tag als Koch gearbeitet, das tue ich mir nie mehr an!

Anja Derungs: Als Lernende geniesst du besonderen Schutz. Es kann nicht sein, dass dir die Verantwortung zugeschoben wird: In der Pflicht sind die Vorgesetzten. Sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz ist eine Diskriminierung nach Gleichstellungsgesetz. Werden Belästigungen als normal angesehen und von oben toleriert, ist es sehr schwierig, sich dagegen zu wehren. Du kannst dich unter Gleichstellungsgesetz.ch über deine Rechte informieren. Dort gibt es auch einen Ratgeber zum Gleichstellungsgesetz. Zudem solltest du dich an die kantonale Schlichtungsbehörde oder an die kantonale Lehraufsichtsbehörde wenden. Denn dein Betrieb hat seine Präventions- und Fürsorgepflichten gegenüber dir verletzt!

*Die Namen der Betroffenen sind der Redaktion bekannt.

Nulltoleranz in Betrieben gefordert

Die Unia fordert einen Kulturwandel im Umgang mit sexueller Belästigung. Sie hat eine Kampagne lanciert, um gemeinsam mit Betrieben und Politik das Problem anzugehen: Betriebe und Schulen müssten eine Politik der Nulltoleranz bei sexueller Belästigung verfolgen und dies aktiv kommunizieren. Die Unia hat das Web-Portal Belaestigung-in-der-lehre.ch lanciert. Dort werden konkrete Ansätze, Kommunikationshilfen und ein Musterreglement angeboten.

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