Lokführer-Verband: «So verkommt der Beruf zum Feierabendjob»

Aktualisiert

Lokführer-Verband«So verkommt der Beruf zum Feierabendjob»

Die SBB wollen ihren Lokführer-Mangel mit Teilzeitpensen wettmachen. Frauen sollen in die Bresche springen. Das Thema schlägt hohe Wellen.

von
Felix Burch
Werden bald mehr Frauen im Führerstand arbeiten?

Werden bald mehr Frauen im Führerstand arbeiten?

Die SBB stehen vor grossen Aufgaben. Weil der Verkehr in den nächsten zehn Jahren auf dem Schienennetz markant steigen wird und viele Pensionierungen anstehen, brauchen die Bundesbahnen rund 1000 zusätzliche Lokführer.

Deshalb wird neu eine Teilzeit-Ausbildung für Lokführer angeboten. Unterrichtet wird an drei Tagen in der Woche, die ganze Ausbildung dauert 70 Wochen. Dadurch sollen Frauen für den Beruf gewonnen werden, auch solche, die wegen familiären Verpflichtungen keine Vollzeit-Ausbildung absolvieren können. «Wir hoffen, dass wir mit dieser Massnahme den Frauenanteil heben können», sagte SBB-Sprecher Reto Kormann der «NZZ am Sonntag».

«Wie familienfreundlich ist der Beruf?»

Hubert Giger, Präsident vom Verband Schweizer Lokführer VSLF, ist alles andere als begeistert: «Uns stört, dass die SBB mit ihrer jüngsten Rekrutierungsmassnahme den Lokführerberuf als familienfreundliche Anstellung verkauft, das ist der Job schlicht und einfach nicht.» Oft wüssten die Lokführer erst zwei Tage im Voraus, wann sie zum Einsatz kämen.

Lokführer im Wohnzimmer

Die SBB gingen heute nicht auf Teilzeit-Wünsche von Lokführern ein, so Giger. Werde dies durch das neue Modell den neuen Lokführerinnen oder Lokführern zugesichert, bestrafe man die, die schon lange im Beruf seien. «Jemand, der schon 20 Jahre Lokführer ist, müsste Lückenbüsser spielen, weil die neuen Teilzeit-Angestellten feste Touren bekommen, das ist unfair.»

Ärger über die Kritik des Verbandes

Kormann widerspricht dem vehement. «Wegen des neuen Teilzeitmodells wird die Arbeitsbelastung der anderen Lokführer nicht steigen.» Er ärgert sich über die Reaktion des VSLF. «Der Verband spricht ständig von zu wenig Lokpersonal. Präsentieren wir dann neue Modelle, die dem entgegenwirken, ist dies auch nicht recht.»

Giger kann der neuen Teilzeit-Lösung dann auch tatsächlich wenig Gutes abgewinnen: Der Lokführerberuf verliere durch die Massnahmen für einen Teil an Attraktivität. «Durch die Teilzeit-Ausbildung verkommt unser Beruf zum Feierabendjob.» Die Zufriedenheit unter den Lokführern sei jetzt schon tief, das neue Modell trage sicher nicht dazu bei, dies zu verbessern.

Auch diesem Kritikpunkt widerspricht Kormann. Die Anforderungen, wie die Inhalte der Teilzeit-Ausbildung, seien genau dieselben wie die bei den normalen Lokführern. Die Ausbildung erstrecke sich einfach über einen längeren Zeitraum. Etwas Modernität schade dem Beruf sicher nicht. Lokführer sei für viele weiterhin ein Traumberuf, durch das neue Modell hätten mehr Frauen die Möglichkeit, diesen zu ergreifen.

Erste Bewerbungen eingegangen

Schliesslich ist man beim VSLF skeptisch, ob die Teilzeit-Ausbildung Erfolg haben wird. 2006 warben die SBB an den Zürcher Hochschulen bei Studenten für den nebenamtlichen Beruf des Lokführers. Zehn wurden fertig ausgebildet, vier sind heute noch aktiv. Kurmann räumt ein, die Studenten-Rekrutierung sei nicht gerade ein Erfolg gewesen. Das neue Modell sei aber etwas ganz anderes. Bei den SBB gingen bereits erste Bewerbungen ein. Und: Für entsprechende Infoveranstaltungen haben sich ebenfalls schon mehrere Personen gemeldet - unter ihnen sind Frauen und Männer.

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