Aktualisiert 25.01.2018 15:44

Digital duchgechecktSo viel geben wir Fremden im Internet preis

Der Good Guy von nebenan, die Zurückhaltende und die Offenherzige: Datenprofis haben Leser auf ihr Internet-Ich untersucht.

von
B. Zanni
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Was verraten Menschen im Internet über sich, und wie zufrieden sind sie damit? 20 Minuten hat zwei Experten gefragt: Sie trugen alle Daten, die sie über einzelne Testpersonen im Netz fanden, zusammen.

Was verraten Menschen im Internet über sich, und wie zufrieden sind sie damit? 20 Minuten hat zwei Experten gefragt: Sie trugen alle Daten, die sie über einzelne Testpersonen im Netz fanden, zusammen.

Chombosan
Leser Oliver Gallmann: «Mein digitales Ich beruhigt mich. Ich bin froh, dass keine Lügen über mich verbreitet wurden.»

Leser Oliver Gallmann: «Mein digitales Ich beruhigt mich. Ich bin froh, dass keine Lügen über mich verbreitet wurden.»

Privat
Leserin Rebecca Heiz-Kipfer: «Ich bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch und ein bedachter Typ im Internet.»

Leserin Rebecca Heiz-Kipfer: «Ich bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch und ein bedachter Typ im Internet.»

Privat

Die digitalen Telefonverzeichnisse verlieren stetig an Einträgen. Laut Marco Casanova, Digital Branding Experte, legen die Schweizer zunehmend Wert auf Anonymität. Im Internet jedoch hinterliessen sie etliche Spuren, sagt er.

Fast 400 Leser aller Altersklassen folgten einem Aufruf von 20 Minuten, um zu erfahren, welches digitale Ich sie haben. In einer nicht repräsentativen Umfrage mit über 1000 Teilnehmern glaubten auch mehr als 40 Prozent der Teilnehmer, wahrscheinlich sehr viele digitale Spuren zu hinterlassen.

Bernhard Bauhofer, Reputationsmanager bei Sparring Partners, und Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Universität Bern, haben 25 Leser digital durchgecheckt. Als Ausgangslage dienten ihnen Name, Vorname, Jahrgang und Wohnort. Bauhofers Fazit: «Ich bin auf keine auffälligen Inhalte gestossen. Die Personen zählen zu den eher konservativen Nutzern.» Sie hätten alle ein «wasserdichtes Profil» und schienen deshalb ihren Internetauftritt bewusst zu steuern. Im Folgenden präsentieren wir Ihnen drei Beispiele.

Digitales Ich von Oliver Gallmann (37):

Oliver Gallmann, deutschsprachig, ist zielstrebig, engagiert, pflicht- und verantwortungsbewusst. Am 13. September 2014 heiratete er auf dem Rebgut Jäger in Hüttwilen Nadja. Martina und Yves waren Trauzeugen. Simone, Cili und Yves hatten den Polterabend organisiert. Gallmann hat einen Sohn namens Dario. Die beiden sind dankbar, dass sie für die Erziehung ihres Sohnes auf ein gutes Umfeld zurückgreifen können. All diese Informationen fanden die beiden Experten mittels Internetsuche.

Und es geht noch weiter: Gallmann machte von August 1997 bis Juli 2000 eine dreijährige Lehre bei der Böni & Co. AG. Von November 2000 bis Dezember 2000 arbeitete er bei der Transtec AG als Logistikassistent. Von Januar 2001 bis Juni 2001 war er in derselben Funktion bei der Tour de Suisse Rad AG tätig. Seit Juli 2001 arbeitet er als Rayonleiter bei Coop in St. Gallen und Umgebung. 2017 überreichte er mit Kollegen von Coop dem Kinderspital St. Gallen Minion-Figuren. Er verfügt über Führungserfahrung mit rund 15 Mitarbeitern und hat auf LinkedIn acht Kontakte.

Auch ist er ehrenamtlich tätig. Armutsbekämpfung, Gesundheit, Kinder, Menschenrechte, Sozialdienste, Tierschutz sowie Wissenschaft und Technologie sind für Gallmann wichtige Themen. «Sein digitales Ich ist ein Good Guy von nebenan, der ja nicht auffallen will», sagt Bernhard Bauhofer.

Das sagt Oliver Gallmann zu seinem digitalen Ich:

«Mein digitales Ich beruhigt mich. Ich bin froh, dass keine Lügen über mich verbreitet wurden. Alles stimmt. Ich überlege mir jetzt aber, mein LinkedIn-Profil zu löschen. Ich habe es nur aus Neugier erstellt. Aber durch diese Angaben könnte mir jemand leichter Schaden zufügen. Im Internet will ich so wenig Spuren wie möglich hinterlassen. Früher war das anders.»

«Ich war mit meinem richtigen Namen in Politik- und Computerforen sehr aktiv. Ich drückte meine politische Meinung pointiert aus. Und in den Computerforen stellte ich Fragen oder bot Hilfe an. Doch mittlerweile habe ich sämtliche Einträge gelöscht. Schliesslich will ich nicht, dass meine Texte auf negative Weise bearbeitet werden oder jemand sie für Dinge missbraucht, hinter denen ich nicht stehe. Mit der Zeit werde ich auch die Heirats-Website entfernen, denn bald liegt unsere Heirat vier Jahre zurück und wird immer weniger angeklickt.»

Oliver Gallmann nimmt im Video Stellung zum Digital-Check:

So sieht das digitale Ich von Schweizern aus

Digitales Ich von Rebecca Heiz-Kipfer:

Rebecca Heiz-Kipfer liebt Musik. Besonders gefallen der langhaarigen Brillenträgerin ein auf Soundcloud geposteter Song des DJ-Duos Kanax und die Band Cliqme. Auch ist zu erfahren, bei welcher Firma sie als Koordinatorin arbeitet.

Mit ihrem rudimentär aufgesetzten LinkedIn-Profil und 60 Kontakten ist sie wohl nicht sehr aktiv und misst dem Medium auch im Rahmen der beruflichen Karriere keine besondere Bedeutung zu. Sie verfügt über kein Instagram- oder Facebook-Profil. «‹Die Zurückhaltende› wäre ein passender Name für ihr Internet-Ich», sagt Bernard Bauhofer.

Das sagt Rebecca Heiz-Kipfer zu ihrem digitalen Ich:

«So will ich es haben. Ich bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch und ein bedachter Typ im Internet. Eine Person auf LinkedIn füge ich nur hinzu, wenn ich sie schon ziemlich gut kenne. Privates soll man im Internet über mich nicht finden. Deshalb habe ich mein Snapchat-, Facebook- und Instagram-Profil natürlich privatisiert. Ich poste dort Ferien- und Partyfotos, die fremde Menschen nichts angehen.»

«Ein bisschen stört mich, dass jeder im Internet etwas über meinen Musikgeschmack erfährt. Wahrscheinlich werde ich mein Soundcloud-Profil auch noch privatisieren. Am meisten wissen aber wohl Shoppingportale wie Zalando über mich. Weil ich oft online shoppe, erhalte ich auf Facebook Einkaufsvorschläge. Aber das stört mich nicht. Es ist in Ordnung, wenn die Portale Statistiken über mich erheben und wissen, dass man mir keine Birkenstocksandalen andrehen muss.»

Die Offenherzige

Aus der Reihe tanzt die 20-jährige D. A. Ihr Facebook-Profil ist für alle eingeloggten Facebook-Nutzer öffentlich. Sie ist single und an Männern interessiert. Die Gratulationen in ihrer Chronik verraten ihr Geburtsdatum. Für eine Stellungnahme war sie nicht erreichbar.

«Je geringer die Privatsphäre-Einstellungen sind, desto grösser ist das Risiko, Opfer von Cybermobbing zu werden», sagt Matthias Stürmer von der Uni Bern. Die veröffentlichten Präferenzen und Bilder könnten junge Menschen etwa bei Konflikten missbrauchen, um sich über eine Person lustig zu machen. Junge Frauen, die etwa «an Männern interessiert» angäben, müssten sich zudem bewusst sein, dass sie so eher Belästigungen ausgesetzt sein könnten.

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