Gruppen für Hilfsbedürftige: So viel gibts auf Facebook gratis – auch für Schnorrer
Aktualisiert

Gruppen für HilfsbedürftigeSo viel gibts auf Facebook gratis – auch für Schnorrer

Hunderte Schweizer helfen in Facebook-Gruppen Menschen in Not. Teilweise werden die Spender aber auch ausgenützt.

von
Noah Zygmont
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Hier ist ein User auf der Suche nach drei Tickets für ein Eishockey-Spiel.

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Screenshot Facebook (Zuger helfen Zugern)
Einer der Inserenten hat in der Zuger Gruppe vor einigen Tagen sein altes Bett gratis angeboten. Der Wert liege bei rund 600 Franken. Verkaufen möchte er es aber auf keinen Fall: «Wieso soll ich Geld für das Bett verlangen, wenn ich auf diese Weise jemandem ganz unkompliziert helfen kann?»

Einer der Inserenten hat in der Zuger Gruppe vor einigen Tagen sein altes Bett gratis angeboten. Der Wert liege bei rund 600 Franken. Verkaufen möchte er es aber auf keinen Fall: «Wieso soll ich Geld für das Bett verlangen, wenn ich auf diese Weise jemandem ganz unkompliziert helfen kann?»

Screenshot Facebook (Zuger helfen Zugern)
Nicht nur Materielles wird verschenkt. Einige bilden Gemeinschaften, um neue Kontakte zu knüpfen.

Nicht nur Materielles wird verschenkt. Einige bilden Gemeinschaften, um neue Kontakte zu knüpfen.

Screenshot Facebook (Zuger helfen Zugern)

In lokal verankerten Facebook-Gruppen bieten Spender Tische, Stühle, Zügelhilfe oder Einkaufsgutscheine an. Mitglieder unterstützen sich gegenseitig in finanziell schwierigen Situationen mit kostenlosen Lebensmitteln oder Dienstleistungen. Diese neue Form der Nächstenhilfe boomt.

In der jüngeren Vergangenheit sind in verschiedenen Regionen solche Gruppen gegründet worden. Jene aus Luzern, Zürich und Schwyz zählen bereits je über 500 Mitglieder. Sie richten sich an immer mehr Hilfsbedürftige: 2016 waren in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik 615'000 Menschen von Armut betroffen. Zwischen 2014 und 2016 ist diese Zahl von 6,6 Prozent auf 7,5 Prozent der Bevölkerung angestiegen. Als arm gilt eine Einzelperson, die maximal 2247 Franken verdient. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armutsgrenze bei einem Einkommen von 3981 Franken.

Kopf der Gruppe «Zuger helfen Zugern» ist Rosa Kolm (52). Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern lebte bis vor einigen Jahren selbst am Existenzminimum. «Mein Leben spielte sich zu Hause und im Internet ab. Ende Monat hatte ich kein Geld, um meinen Kühlschrank zu füllen, also überlegte ich mir, ob jemand aus der Nähe mich dabei unterstützen könnte», sagt sie. Sie begann, auf Facebook nach Hilfe im Umfeld zu fragen.

Bis zu 100 Beiträge pro Tag

Mittlerweile ist Kolm Administratorin dreier solcher Gruppen. Ihre grösste Anhängerschaft kommt aus dem Grossraum Zug. Die dortige Gruppe zählt über 15'700 Mitglieder, die täglich bis zu 100 Beiträge posten. Angebotene Gegenstände sind teils innert Stunden weg. Seit der Gründung vor fünf Jahren hat sich Kolm ein kleines Team aufgebaut. Geld verdiene sie aber nicht. «Es wäre schön, davon leben zu können, aber ich verdiene keinen Rappen damit.»

Einer der Inserenten hat vor einigen Tagen sein altes Bett gratis angeboten. Der Wert liege bei rund 600 Franken, sagt er. Verkaufen möchte er es aber auf keinen Fall: «Wieso soll ich Geld verlangen, wenn ich auf diese Weise jemandem ganz unkompliziert helfen kann?»

3500 Franken für Beerdigung

Nicht nur Alltagsgegenstände werden in den Gruppen verschenkt. Eine 47-jährige Mutter verlor vor gut einem Jahr ihren 20-jährigen Sohn wegen einer verkalkten Halsschlagader. Ihr gehe es körperlich nicht sonderlich gut, weshalb sie von der IV und am Existenzminimum lebe. Für ihren Sohn wolle sie eine schöne Beerdigung organisieren, sagt sie. Finanziell sei das aber nicht möglich gewesen.

Facebook-Nutzer hätten ihr geholfen: «Rosa machte einen Aufruf in der Gruppe und sammelte so über 3500 Franken.» Sie sei völlig überwältigt und fast ein wenig schockiert: «Das Geld kommt von Menschen, die selber fast keines haben – ich war sprachlos.»

Für eine weitere Frau zahlte sich ein Angebot doppelt aus. Neben einem neuen Grill für ihre Freundin fand sie ihre grosse Liebe. «Mein jetziger Freund hat mich nach der Übergabe immer wieder angeschrieben. Dann haben wir uns getroffen und sind seither ein Paar.»

«Ausdauer ist gefragt»

Die Gruppen werden allerdings auch missbraucht. Für Diskussionen sorgte kürzlich etwa eine Nutzerin aus der Ostschweiz , die ein geschenktes Velo weiterverkaufte (20 Minuten berichtete). Damit hat auch Rosa Kolm Erfahrungen gemacht: «Wenn ich jemanden erwische, der etwas weiterverkauft, macht mich das hässig.» In solchen Fällen entferne sie den User kommentarlos und mit sofortiger Wirkung.

Stefan Gribi von der Hilfsorganisation Caritas unterstützt die Idee der Facebook-Gruppen: «Das kann angesichts der zunehmenden Anonymisierung eine neue Form der Nachbarschaftshilfe sein.» Trotzdem empfehle er Betroffenen, sich in einer Notlage Beratung zu holen, etwa, wenn die Schulden zu drücken begännen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich solche Facebook-Gruppen etablieren werden», sagt Gribi. Bei der Nachbarschaftshilfe brauche es aber engagierte Menschen, die sich gern und auch mit Ausdauer für andere Menschen einsetzten.

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