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Nicht ganz bioSo viel schädliche Chemie steckt in reinem Kokain

Aus frischen Kokablättern entsteht in einer Woche reines Kokain. Wer den Prozess einmal miterlebt hat, wird künftig die Nase davon lassen.

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In Farmen im kolumbianischen Dschungel wird aus Kokablättern Kokainpaste hergestellt. Eine Journalistin der spanischen Zeitung «El Mundo» durfte eine Woche lang den Prozess dokumentieren.

In Farmen im kolumbianischen Dschungel wird aus Kokablättern Kokainpaste hergestellt. Eine Journalistin der spanischen Zeitung «El Mundo» durfte eine Woche lang den Prozess dokumentieren.

Screenshot El Mundo
Als Erstes werden die frischen Blätter gewogen. Für einen Durchgang braucht es 4000 Kilo.

Als Erstes werden die frischen Blätter gewogen. Für einen Durchgang braucht es 4000 Kilo.

Screenshot El Mundo
Die Blätter werden im Schredder fein gemahlen und dann auf dem Boden der Hütte verteilt.

Die Blätter werden im Schredder fein gemahlen und dann auf dem Boden der Hütte verteilt.

Screenshot El Mundo

Das Szenario wirkt wie aus einer Episode der Serie «Narcos»: Mitten im kolumbianischen Dschungel steht eine kleine, heruntergekommene Hütte, ohne Wände, ohne jeglichen Komfort. Drei Menschen sind damit beschäftigt, aus frischen, grünen Kokablättern den weissen Stoff herzustellen, den sich später die Endkunden in den USA und in Europa durch die Nase ziehen werden. Was aber im Fernsehen nie gezeigt wird, ist, welche Unmengen an gesundheitsschädigenden Chemikalien im Prozess verwendet werden.

Eine Journalistin der spanischen Zeitung «El Mundo» durfte einem kolumbianischen «Cocalero» (einem Erzeuger von Kokainpaste) im Valle del Cauca im Westen des Landes eine Woche lang über die Schulter schauen. Daniel, so der fiktive Name des «Unternehmers», erklärt gern, wie es geht. Wichtig sei nur, dass weder er noch seine Männer mit vollem Gesicht auf den Fotos erschienen.

Aus Blättern wird Paste

Der Prozess beginnt immer an einem Montagmorgen mit dem Zermahlen der Blätter, die Daniel den Koka-Anbauern aus Bolivien oder Peru abkauft. Pro Durchgang werden rund 4000 Kilo davon benutzt. Die in einem Schredder fein gemahlenen Blätter streuen Daniels Männer dann auf den Zementboden der Hütte und verteilen eine Mischung aus Branntkalk und einem Dünger darüber, um sie langsam verbrennen zu lassen. Alles wird gut zu einer dunkelgrünen Paste vermischt, indem die Assistenten sie mit ihren Gummistiefeln stundenlang zertreten.

Als Nächstes kommt die Paste in riesige Gefässe aus Metall und wird mit Benzin übergossen. Mit Holzstäben rühren die Männer das dunkle Gebräu um, lassen es über Nacht stehen. Anschliessend wird es mehrmals ausgepresst, die dicke Paste kommt in ein neues Gefäss und wird diesmal mit Schwefelsäure und Wasser übergossen. «Was Frauen in anderen Ländern ins Gesicht gespritzt bekommen, werfen wir über die Kokablätter», kommentiert Daniel.

Schutzmassnahmen? Wozu?

Die Arbeit ist intensiv, aber ruhig. Im nächsten Schritt wird dem Gebräu Kaliumpermanganat hinzugefügt, eine Substanz mit stark oxidierender Wirkung. Spätestens an dieser Stelle müssten die Männer Handschuhe und Schutzbrille tragen. «Gar nicht nötig», meint der Chef, «wir arbeiten vorsichtig.»

«Drogen sollte man legalisieren»

Wagner Moura spielt in der Serie «Narcos» den Drogenboss Pablo Escobar. Für ihn ist der Krieg gegen Drogen ein Flop.

Daniel ist seit 30 Jahren in diesem Business. Er kennt sich gut aus mit den Mengen. «Je höher die Qualität der Blätter, umso weniger Kaliumpermanganat braucht es. Würde ich der Mischung zu viel davon hinzufügen, würde ich die gesamte Partie ruinieren. Das bedeutet viel Geld.»

Jetzt werden der immer dunkler werdenden Paste Natriumhydroxid – auch als Ätznatron bekannt – und Aceton hinzugefügt. Daniels Männer dürfen froh sein, dass das «Labor» keine Wände hat und gerade ein frischer Wind geht, denn von Schutzmasken können sie nur träumen.

Das Ende einer guten Woche

Nun wird die Flüssigkeit mehrmals gefiltert. Am Schluss wird dem Gemisch genug Natron beigefügt, damit es weiss wird. Die feuchte, weisse Masse sieht fast aus wie Käse, sie muss nur noch getrocknet werden. Mittlerweile ist es Freitagabend und Daniel beendet das Herstellungsverfahren bei sich zu Hause.

In einem grossen Topf lässt er den Stoff über einer Feuerstelle in seinem Patio «kochen». Das dauert eine ganze Nacht. «Jetzt müssen wir beten, dass alles gut gegangen ist», sagt der Mann zur Journalistin von «El Mundo». Am Samstagmorgen ist er überglücklich: Aus den 4000 Kilo Kokablättern sind 7,292 Kilo reinster Kokainpaste entstanden.

Der Prozess in Zahlen

Daniel verkauft sein Produkt an sogenannte Cristalizaderos. Diese werden mit weiteren Chemikalien aus der hart gewordenen Kokain-Basispaste ein weisses Pulver machen. Das noch nicht gepanschte Kokain ist dann zum Kommerzialisieren bereit. Die Drogenkartelle geben dem Produkt Kalk oder Talk hinzu und verdoppeln damit sein Gewicht auf rund 14 Kilogramm.

Daniel hat damit nichts mehr zu tun. Er hat für seine Paste rund 635 Franken pro Kilo bekommen. Im Durchschnitt verdient er 4600 Franken mit einer Ladung. In einer guten Woche schaffen seine Männer bis zu zehn davon. Sie bekommen pro Arbeitstag 17 Dollar.

Die spanische Journalistin fragt Daniel, ob er von seinem Produkt ab und zu mal selber konsumiert. Die Antwort überrascht wenig: «Nein, niemals! Ich weiss ja, was da alles drinsteckt», sagt er und verdreht die Augen.

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