Aktualisiert 20.04.2020 09:23

Durchseuchung

So viele Anhänger hat Schwedens Plan bei uns

Schweden will Covid-19 mittels Durchseuchung bekämpfen. Laut einer neuen Umfrage hätte das Vorgehen auch in der Schweiz Anhänger.

von
B. Zanni
1 / 12
Statt auf einen Lockdown setzt Schweden auf eine kontrollierte Durchseuchung.

Statt auf einen Lockdown setzt Schweden auf eine kontrollierte Durchseuchung.

Keystone/Anders Wiklund/tt
Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell geht anhand seiner mathematischen Modelle davon aus, dass es im Mai in Stockholm möglicherweise eine Herdenimmunität von drei bis vier Prozent gibt.

Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell geht anhand seiner mathematischen Modelle davon aus, dass es im Mai in Stockholm möglicherweise eine Herdenimmunität von drei bis vier Prozent gibt.

Keystone/Jonas Ekstromer
Auch in der Schweiz findet das umstrittene Modell Anklang, wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt. Rund jeder dritte Befragte ist dafür (13 Prozent) oder eher dafür (21 Prozent), dass der Staat die Ansteckung von Bevölkerungsgruppen ausserhalb der Risikogruppe zugunsten einer Herdenimmunität in Kauf nehmen soll.

Auch in der Schweiz findet das umstrittene Modell Anklang, wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt. Rund jeder dritte Befragte ist dafür (13 Prozent) oder eher dafür (21 Prozent), dass der Staat die Ansteckung von Bevölkerungsgruppen ausserhalb der Risikogruppe zugunsten einer Herdenimmunität in Kauf nehmen soll.

Keystone/Gaetan Bally

Im Kampf gegen das Coronavirus fährt Schweden einen Sonderkurs: Statt auf einen Lockdown setzt der Staat auf eine kontrollierte Durchseuchung. Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell geht anhand seiner mathematischen Modelle davon aus, dass es im Mai in Stockholm möglicherweise eine Herdenimmunität von drei bis vier Prozent gibt. Auch in der Schweiz findet das umstrittene Modell Anklang, wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt (siehe Box).

Rund jeder dritte Befragte ist dafür (13 Prozent) oder eher dafür (21 Prozent), dass der Staat die Ansteckung von Bevölkerungsgruppen ausserhalb der Risikogruppe zugunsten einer Herdenimmunität in Kauf nehmen soll. Die Männer (38 Prozent) zeigen sich dabei etwas weniger zurückhaltend als die Frauen (31 Prozent).

Viel Support von jüngster Altersgruppe

Am grössten ist die Zustimmung mit 16 Prozent bei der jüngsten Altersgruppe (18- bis 34-Jährige), am geringsten bei der ältesten Altersgruppe (über 65-Jährige) mit 9 Prozent. Die grössten Chancen hat eine Herdenimmunität bei Absolventen einer Uni oder Fachhochschule oder einer höheren Fachschule (16 Prozent bzw. 15 Prozent). Am wenigsten sprachen sich dafür die Befragten mit einem obligatorischen Schulabschluss oder einer Berufslehre aus (12 Prozent).

Gefahr von zweiter Welle sei zu hoch

SVP-Nationalrat und Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel führte kürzlich in einem Videobeitrag ins Feld, dass Schweden mit der kontrollierten Durchseuchung am Ende besser aufgestellt sein könnte als die Schweiz. Köppel bat seine Zuschauer deshalb: «Bevor wir uns an den Schweden die Schuhe abputzen: Bitte mit offenem Visier die Resultate abwarten. Bis jetzt sieht das gar nicht so schlecht aus. Die Schweden müssen sich da auf keinen Fall verstecken.»

Bis am Sonntag hatte Schweden bei den Todesopfern pro eine Million Einwohner die Schweiz jedoch überholt. Die Skepsis ist in Wirtschaftskreisen gross. «Einer kompletten Umstellung auf eine Herdenimmunisierung gegenüber wäre ich zurückhaltend», sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor de Schweizerischen Gewerbeverbands. Die Gefahr einer zweiten Welle sei so zu hoch. «Eine Herdenimmunisierung könnte vielleicht dann in Betracht gezogen werden, wenn man wüsste, wie es sich mit der Wachstumsrate des Virus genau verhält.»

Der sicherere Weg, um die Wirtschaft trotz Corona in Gang zu bringen, sind laut Bigler Schutzkonzepte und Social Distancing. «Der Gastrobereich hat in einem Schutzkonzept nachgewiesen, unter welchen Voraussetzungen auch dort eine frühzeitige Öffnung möglich ist.»

«Totale Entgleisung möglich»

SP-Nationalrätin Barbara Gysi hält eine Immunisierung der Bevölkerung grundsätzlich für nichts Schlechtes. «Der Weg dorthin wäre aber gefahrenreich. Der Versuch einer Durchseuchung könnte total entgleisen», warnt sie. Es bestehe die Gefahr von Patientinnen und Patienten, die womöglich nicht mehr behandelt werden könnten und dadurch unnötiger Todesfälle.

Laut Gysi bietet die Schweiz auch nicht dieselben Voraussetzungen wie Schweden. «Schweden ist im Norden deutlich weniger besiedelt und sehr viel weiter weg vom Krisenherd Italien als die Schweiz.» Die Herdenimmunität sei ein gefährliches Gedankengut. «Es führt dazu, dass sich die Leute nicht mehr an die Regeln und Empfehlungen halten.»

Auch für Ärzte ist eine aktive Durchseuchung undenkbar. Für Robert Vogt, Herz und Gefässchirurg an der Klinik Hirslanden, kommt es gemäss seinem Gastkommentar in der «Mittelländischen Zeitung» «mit Sicherheit nicht in Frage, Millionen von gesunden Mitbürgern absichtlich mit einem aggressiven Virus zu infizieren, von welchem wir eigentlich überhaupt nichts wissen». Die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Mutation, die das Virus noch aggressiver machen könnte, werde mit einer wachsenden Anzahl Viren pro Population grösser, argumentiert er unter anderem.

Online-Umfrage

40'835 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 15. April online an der Corona-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,1 Prozentpunkten.

Schwedens Immunisierung

Schweden zählte am Sonntag über 14 300 Infektionen mit dem Coronavirus. Rund 1500 Personen starben daran. Vor allem Menschen in Alters- und Pflegeheimen haben das Virus nicht überlebt.

Laut der «NZZ am Sonntag» rechnet der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell ­aufgrund von Testergebnissen damit, dass Anfang Mai drei bis vier Prozent der Bevölkerung die Krankheit durchgemacht hätten. Einige Wochen später werde sich dies auf 15 bis 20 Prozent vervielfachen. Diese Teil-Herdenimmunität bremse die Ansteckungen stark. Erreiche man später einen Wert von 30 bis 35 Prozent, sei die Gesellschaft für eine zweite Welle gut gerüstet.

Fehler gefunden?Jetzt melden.