Aktualisiert 31.10.2016 21:13

90'000 ohne Job

So viele Langzeit-Arbeitslose wie noch nie

Die Zahl der Menschen, die seit mehr als einem Jahr keinen Job haben, ist auf Rekordniveau. Die offizielle Arbeitslosenstatistik zählt sie aber nicht.

von
Isabel Strassheim
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Wer keinen Job mehr hat, dem bleibt oftmals nur der Gang aufs RAV.

Wer keinen Job mehr hat, dem bleibt oftmals nur der Gang aufs RAV.

Keystone/Peter Klaunzer
Dieses muss unter anderem sicherstellen, dass die Arbeitslosen genug Bewerbungen versenden.

Dieses muss unter anderem sicherstellen, dass die Arbeitslosen genug Bewerbungen versenden.

Keystone/Andree-noelle pot
In Zeitungen oder im Internet müssen sie nach geeigneten Stellen suchen und sich bewerben.

In Zeitungen oder im Internet müssen sie nach geeigneten Stellen suchen und sich bewerben.

Keystone/Martin Ruetschi

Derzeit sind 90'000 Menschen in der Schweiz langzeitarbeitslos. Das heisst, sie suchen seit über einem Jahr nach einer neuen Stelle. Das sind 80 Prozent oder 40'000 Menschen mehr als zu Beginn der Finanzkrise 2008, wie Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» konstatiert.

Die offizielle Arbeitslosenstatistik des Seco, auf die sich der Bundesrat bezieht, berücksichtigt die Langzeitarbeitslosen jedoch nur bedingt: In der zurzeit moderaten Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent kommen sie kaum vor. Auch junge Arbeitslose fallen leicht durch diese Statistik.

Auch Direktoren und Techniker verlieren ihren Job

Die Arbeitslosenstatistik des Seco verzeichnet nämlich nur jene Stellensuchenden, die sich bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) registriert haben. Wer sich dort nicht gemeldet hat, gilt laut Seco auch nicht als arbeitslos. Vor allem Jugendliche gehen jedoch nicht sofort zum RAV. Zum Teil haben sie auch nicht sofort Anspruch auf Arbeitslosengeld. Und sie suchen auf eigene Faust nach einer Lehrstelle, nach einem Arbeitsplatz oder nach einem Job neben dem Studium. Auch die Ausgesteuerten tauchen in der Seco-Statistik nicht auf, weil sie kein Arbeitslosengeld mehr beziehen.

«Es sind nicht mehr nur Niedrigqualifizierte, die heute ihre Arbeitsplätze verlieren», sagt der Ökonom und ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm zur «Schweiz am Sonntag». Es treffe inzwischen auch mittlere Kader und Direktoren, leitende Angestellte oder Betriebsleiter, Techniker und Ingenieure.

Bundesamt für Statistik zählt genauer

Ein genaueres Bild der Arbeitslosigkeit zeichnen deshalb die viermal jährlich erscheinenden Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS). Demnach betrug die Arbeitslosenquote im zweiten Quartal 4,3 Prozent. Diese Statistik genügt den internationalen Standards und erfasst alle Personen ohne Arbeit, die in den letzten vier Wochen aktiv nach einer Stelle gesucht haben. Zu den Daten kommt die Behörde nicht über das RAV, sondern durch jährlich 125'000 Telefoninterviews in Schweizer Haushalten, bei denen nach Beschäftigung, Ausbildung, Stellensuche oder Gesundheitszustand gefragt wird.

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