Besorgte Schäfer: So viele Wölfe wie noch nie seit ihrer Rückkehr
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Besorgte SchäferSo viele Wölfe wie noch nie seit ihrer Rückkehr

Rund 40 Wölfe leben derzeit in den Schweizer Wäldern – ein Rekord. Schäfer sind über den hohen Bestand besorgt.

von
Camille Kündig

Die hohe Anzahl Wölfe freut nicht alle. (Video: Camille Kündig)

Seit der Entdeckung eines Jungtiers im Augstbordgebiet VS letzten August steht fest: Es gibt in der Schweiz zum ersten Mal seit der Wiederansiedlung drei Wolfsrudel. Insgesamt sollen hierzulande nun zirka 40 Wölfe weilen.

Reinhard Schnidrig, Leiter Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität des Bundesamts für Umwelt, sagt: «Letztes Jahr schätzten wir die Anzahl Wölfe noch auf zwischen 30 und 35. Wir erreichen also einen neuen Höchststand.» Nicht alle Wölfe leben laut Schnidrig in einem Rudel. «Einzelwölfe gibt es unter anderem in der Innerschweiz und im Berner Oberland.»

Zirka zehn Prozent Wachstum pro Jahr

Die ersten Wölfe sind 1995 zurück in die Schweiz gekommen. «Seither gibt es ein Wachstum von zirka zehn Prozent jedes Jahr», sagt David Gerke, Präsident Gruppe Wolf Schweiz. Möglich wären 30 bis 40 Prozent, aber durch bewilligte Abschüsse oder Wilderei bleibe es bei den zehn Prozent.

Dabei zeigten die Rudel im Graubünden und im Tessin gemäss Gerke, dass das Zusammenleben mit einem Wolfsrudel möglich ist. «Es muss ein guter Herdenschutz geführt werden. Das kostet natürlich und ist mit einem bestimmten Zeitaufwand verbunden, was viele Schäfer abschreckt.»

«Eine Katastrophe»

Helmut Bitz, Berater bei Herdenschutzhunde Wallis, ist nicht erfreut über die steigende Wolfspopulation. Er sorgt sich um die Nutztiere: «Für die Schäfer ist das eine Katastrophe. Viele sind am Boden zerstört.» Herdenschutzmassnahmen seien nicht einfach umzusetzen.

«Viele Schafbetriebe sind Kleinstbetriebe mit 10 bis 15 Tieren.» Je nachdem sei der Aufwand für eine komplette Elektrifizierung der Zäune enorm hoch und für die Betriebe kaum zu bewältigen.

«Man muss handeln»

Viele Betriebe arbeiten mit Weidenetzen. Das funktioniere bis jetzt gut, doch: «Der Wolf wird in solchen Fällen kreativ. Irgendwann wird er es schaffen, die Schafe trotzdem zu reissen.»

Ein zentrales Problem sei auch, dass die Raubtiere mit der Zeit ihre Scheu verloren hätten. Es gebe die Möglichkeit, die Tiere pro­phy­lak­tisch mit Gummischrot abzuschrecken. «Wenn sich ein Wolf dadurch nicht korrigieren lässt, gibt es nur eine Lösung», so Bitz. «Man muss handeln, bevor es zu einem Vorfall mit einem Menschen kommt.»

«Wolfsabschüsse bringen nichts»

Ganz pro Herdeschutz und skeptisch gegenüber präventiven Wolfsabschüssen zeigt sich der WWF. Er verweist auf eine im Fachmagazin «Frontiers in Ecology and the Environment» erschienene Studie, die besagt, dass Wolfsabschüsse zu mehr Rissen von Nutztieren führen.

Gabor von Bethlenfalvy, Grossraubtierexperte WWF Schweiz, weist auf folgende Hypothese der Studie hin: «In einem Wolfsrudel sind Strukturen essenziell. Schiesst man ein Tier ab, das eine wichtige Funktion im Rudel einnahm, destabilisiert man die ganze Organisation der Wolfsfamilie.» Die Jagd auf Tiere wie Hirsche werde dadurch schwieriger für die Truppe. «Die Wölfe können so auf den Geschmack von einfacher Beute wie ungeschützte Schafe kommen.»

Bis heute kam es in der Schweiz zu keinem schwerwiegenden Vorfall zwischen Mensch und Wolf. Doch die Gefahr sei da, ist sich Bitz sicher: «In Deutschland gab es dieses Jahr bereits mehrere Angriffe von Wölfen auf Menschen. In der Augstbordregion wandern viele Leute. Wie weit wollen wir dabei ein Risiko eingehen?»

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