«Überbeschenkt»: So wenige Babys, so viele Spielsachen
Aktualisiert

«Überbeschenkt»So wenige Babys, so viele Spielsachen

Die Umsätze bei Spielwaren wachsen – trotz wenig steigender Geburtenraten. Der Grund: In Patchworkfamilien werden Kinder von mehreren Seiten umworben und beschenkt.

von
Sabina Sturzenegger
Traum in rosa: Kinder in Patchworkfamilien werden oft mehr beschenkt, als solche in herkömmlichen Familien.

Traum in rosa: Kinder in Patchworkfamilien werden oft mehr beschenkt, als solche in herkömmlichen Familien.

Kindergeburtstage nerven: Überall Geschrei, Päcklipapier und Kuchenkrümel. Der Leo haut den Xaver und die Lina klaut der Mia das Bäbi. Und am Ende: Ein Berg von Geschenken.

Je grösser dieser Berg ist, desto komplexer dürften die Familienverhältnisse sein. Stichwort: Patchworkfamilien. Neben ihren getrennten oder geschiedenen Elternteilen haben Kinder aus Patchworkfamilien noch Stiefeltern, mehrere Gross-, vielleicht sogar Urgrosseltern sowie Stief- und Halbgeschwister. Alle wollen zum Geburtstag und zu Weihnachten etwas schenken - nicht zuletzt, um die Gunst der Kinder zu erwerben.

Jede 7. Familie ein Patchwork

In der Schweiz gibt es 1,9 Millionen Eltern mit Kindern unter 18 Jahren. Schätzungen gehen davon aus, dass jede 7. Familie im Patchwork lebt – also bei rund 270 000 Elternpaaren die Kinder unterschiedlicher Erzeuger leben.

Das muss für die Spielwarenbranche eine reine Freude sein. Tatsächlich nehmen die Umsätze seit neun Jahren kontinuierlich zu. Im letzten Jahr wurden mit Spielsachen gemäss dem Spielwaren Verband Schweiz (SVS) insgesamt 440 Millionen Franken umgesetzt. Seit 2008 ist der Umsatz um zehn Prozent gestiegen.

Sandro Küng, SVS-Sprecher, bestätigt, dass es auch in diesem Stil weitergehen soll: «Wir rechnen weiterhin mit einem Wachstum von zwei bis drei Prozent im Jahr.» Währungskrise, Auslandeinkäufe oder getrübte Konsumentenstimmung scheinen in dieser Branche kaum Spuren zu hinterlassen.

Der Trend zum Überschenken

In Deutschland ist der Trend noch eindeutiger. Im Gegensatz zur Schweiz, wo die Geburtenrate immerhin flach ansteigt, ist sie dort sinkend. Die Umsätze in der Spielwarenbranche aber explodieren, wie der «Spiegel» schreibt: «Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik kamen so wenige Babys zur Welt wie 2011, noch nie wurde so viel Geld für Spielwaren ausgegeben.» 2011 verzeichnete die Spielzeugindustrie einen Rekordumsatz von 2,7 Milliarden Euro. Seit 2007 ist diese Zahl um satte 22,7 Prozent in die Höhe geschnellt.

Für Karin Schmid, Beraterin beim Eltern Club Schweiz von Pro Juventute, ist der Trend auch in der Schweiz spürbar. In ihrer Beratung stellt sie fest, dass das Thema Geschenke bei den Eltern stark an Bedeutung gewinnt. «Viele Eltern tendieren dazu, ihre Kinder zu überschenken», fügt sie an. In Patchworkfamilien sei dies tendenziell noch stärker der Fall als in herkömmlichen Familien.

Lieber Zeit als Sachen schenken

Obwohl sich Kinder über viele Geschenke freuen, sind sie damit meist überfordert. Schmid rät den Eltern, insbesondere in Patchworkfamilien, gemeinsam ein grösseres Geschenk zu kaufen oder zumindest je nur eines. «Die wertvollsten Geschenke sind diejenigen, die den Kindern Zeit schenken, beispielsweise Zirkusbesuche oder Ausflüge.»

Nicht nur mit Spielsachen versuchen sich Eltern und Stiefeltern gegenseitig zu übertrumpfen. Zunehmend soll auch die Zimmereinrichtung ein Kind in der Entscheidung beeiflussen, bei welchem Elternteil es sich wohler fühlt. Getreu nach dem Motto: «Wenn ich meine Tochter schon so selten sehe, will ich, dass sie sich hier vollkommen zu Hause fühlt.» Mit diesen Worten lässt sich ein Vater im «Spiegel» zitieren. Diese Entwicklung dürfte einer weiteren Branche zu höheren Umsätzen verhelfen.

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