19.01.2017 19:19

Datenkrake

So werden Sie von Ihrem Auto ausgespäht

Moderne Autos sind mit bis zu 200 Sensoren ausgerüstet, die ständig Daten sammeln. Für die Autokonzerne sind die Daten Gold wert. Und für die Kunden?

von
Sandro Spaeth
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Bei modernen Autos, die ständig mit dem Internet verbunden sind, weiss der Hersteller viel mehr über den Fahrer, als wohl vielen von ihnen lieb ist.

Bei modernen Autos, die ständig mit dem Internet verbunden sind, weiss der Hersteller viel mehr über den Fahrer, als wohl vielen von ihnen lieb ist.

zvg
Die Autos sind mit GPS ausgerüstet und verraten dem Hersteller ständig die Position.

Die Autos sind mit GPS ausgerüstet und verraten dem Hersteller ständig die Position.

David Gonzalez
Die Autos zeichnen zudem die gefahrenen Tempi auf.

Die Autos zeichnen zudem die gefahrenen Tempi auf.

Keystone/Gaetan Bally

Früher hat der Garagist an der Abnützung der Reifen den Fahrstil des Autobesitzers abgelesen. Und der Kilometerstand zeigte an, wann es Zeit für den Service ist. Bei modernen Autos hingegen, die ständig mit dem Internet verbunden sind, weiss der Hersteller viel mehr über den Fahrer, als manch einem lieb ist.

So zeichnen neue Autos GPS-Daten auf und sind ständig über den Standort und die gefahrene Geschwindigkeit im Bild. Ebenso kennen sie die Beschleunigungswerte und wissen übers Modul der Traktionskontrolle, ob ein Fahrer oft zu viel Gas gibt oder mit Kavaliersstart losbraust. Autos sind Datensammler, die je nach Modell mehrmals stündlich Angaben an den Hersteller übertragen: beispielweise übers Gurtentragen, den Musikgeschmack und die Mobiltelefonnutzung (siehe Diashow). Besonders fleissig im Aufzeichnen von Daten sind laut Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer beispielsweise Tesla und BMW mit seinem Modell i3.

Daten ermöglichen autonomes Fahren

Dass die Autohersteller Daten sammeln, sei wichtig für die Mobilität der Zukunft, sagte Thomas Schiller, Autoexperte bei der Beratungsfirma Deloitte am «Tag der Schweizer Garagisten» in Bern. Das grosse Ziel der Autobranche: autonomes Fahren. Laut Schiller gehört es in wenigen Jahren zum Standard, auf der Autobahn die Hände weg vom Steuer und den Fuss vom Gas zu nehmen. Und etwas später würden die Autos auch in der Stadt selbständig unterwegs sein. «Fürs autonome Fahren sind die Daten aber zwingend. Das eine kann man nicht ohne das andere haben.»

Laut dem internationalen Automobilverband FIA unterschreiben Autokäufer oft Klauseln, dass Fahrzeugdaten ans Netz des Autoherstellers übermittelt werden. Zudem versuchen Hersteller über Service-Apps, worüber sich beispielsweise der Leasingvertrag verwalten oder Wartungstermine planen lassen, weitere Daten zu generieren: «Die Autobauer tüfteln an der Technologie, zu wissen, was der Kunde will, noch bevor es dieser selbst gemerkt hat», sagt Schiller.

Wer hat die Nase vorn?

Die Autobranche steht laut Schiller im Wettbewerb mit Google, Amazon oder Uber. Er ist überzeugt, dass Amazon irgendwann eine Autoverkaufsplattform aufbauen will. Und andere Silicon-Valley-Firmen seien hauptsächlich an Bewegungsdaten der Autofahrer interessiert, denn mit ihnen lassen sich in Städten Bewegungskarten zeichnen und daraus Mobilitätskonzepte erstellen. «Google wird keine Hardware produzieren, aber Google will die Daten», ist Schiller überzeugt.

«Derzeit sind die Tech-Giganten technologisch im Vorteil. Der Autobauer ist aber der Einzige, der auch die Fahrzeugdaten hat», so Schiller. Wenn die Angaben aus dem Auto mit den Kundendaten der Garagen vereint werden, sei das ein enormer Vorteil der Autobranche. So könne den Kunden ein Mehrwert im Bereich von Service und individuellen Angeboten geboten werden.

Problempunkt individuelle Daten

Sammelt das Auto auch heikle Daten, die irgendwann sogar den Versicherern zugänglich werden? «Die Frage bei Daten ist immer, wer Zugriff hat. Und ob es Verschlüsslungen gibt, die diese Daten nur als Gruppendaten sichtbar machen», sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen zu 20 Minuten. Laut Dudenhöffer ist nicht das Sammeln das Problem, sondern der Zugriff auf individuelle Daten, die Zuordnungen erlauben. «Für die neue Welt des Autos braucht es Daten. Wir wollen aber nicht den gläsernen Menschen, der beliebig manipulierbar ist, wenn wir sein Profil perfekt kennen und seinen Charakter prognostizieren können.»

Autoexperte Dr. Schiller über Datenkampf

Dr. Thomas Schiller von Deloitte im Interview mit Sandro Spaeth. (Video: Sandro Spaeth)

Deloitte-Autoexperte Dr. Thomas Schiller über den Kampf um die Daten.

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