Aktualisiert 20.05.2019 10:55

Schweizer SchnäppchenjägerSo will Deutschland Einkaufstouristen bremsen

Einkaufstouristen müssen womöglich bald für einen Mindestbetrag einkaufen, um die deutsche Mehrwertsteuer zurückzuerhalten.

von
Raphael Knecht

So will der deutsche Finanzminister die Schweizer Einkaufstouristen abschrecken. (Video: 20M)

Die deutschen Zollbehörden an der Schweizer Grenze stempeln jährlich Millionen der sogenannten grünen Zettel ab – Schweizer Einkaufstouristen können damit die in Deutschland bezahlte Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent zurückverlangen. Jetzt will der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) etwas dagegen unternehmen.

Scholz will eine Bagatellgrenze bei der Rückerstattung der Mehrwertsteuer prüfen. Wer in Deutschland einkauft, müsste dann mindestens 175 Euro ausgeben, um beim Grenzübergang in die Schweiz Anspruch auf eine Rückerstattung zu haben, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt.

Quittungen nicht kumulierbar

Der Mindestbetrag würde für jede einzelne Quittung gelten – Einkaufstouristen müssten also die 175 Euro im gleichen Geschäft ausgeben. Sonst gibt es die Mehrwertsteuer nicht zurück, auch wenn der Gesamteinkauf etwa im Konstanzer Einkaufszentrum Lago insgesamt den Bagatellwert übersteigt.

Die Einführung eines Minimalwerts für Einkäufe in Deutschland könnte für Schweizer Einkaufstouristen ins Gewicht fallen, denn der allgemeine deutsche Steuersatz beträgt 19 Prozent. Bei einem Einkauf von 174 Euro wären das bis zu 28 Euro, die einem nicht zurückerstattet werden. Viele Produkte wie Lebensmittel oder Bücher werden jedoch mit einem ermässigten Satz von 7 Prozent besteuert.

Bei einem Beispiel-Warenkorb von rund 100 Euro sparen Schweizer derzeit 10 Euro bei der Mehrwertsteuer. (Bild: 20 Minuten)

«Der Bagatellbetrag macht den Einkaufstourismus unattraktiver», sagt Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), zu 20 Minuten. Würde der deutsche Zoll die grünen Zettel erst ab 175 Euro stempeln, hätte das laut dem Experten vor allem für diejenigen Auswirkungen, die regelmässig im grenznahen Ausland einkaufen gehen. «Viele dieser Konsumenten werden dann nicht mehr nach Deutschland gehen oder beginnen, seltener und dafür mehr auf einmal einzukaufen», erklärt Slembeck.

Besonders Lebensmittel und frische Produkte dürften vom Bagatellbetrag betroffen sein, weil man eher selten so grosse Mengen davon einkauft. Wer hingegen eher Kleider kaufen geht, dürfte schneller auf den Minimalwert kommen.

Bagatellgrenze würde Kosten sparen

Die deutsche Politik will die Bagatellgrenze unter anderem deswegen prüfen, weil man bei der Zollverwaltung Kosten sparen könnte, wenn man weniger grüne Zettel bearbeiten müsste. Allerdings geben Gegner zu bedenken, dass solche Massnahmen für das Geschäft schlecht sein könnten.

Slembeck von der ZHAW glaubt, dass Deutschland längerfristig auf eine elektronische Lösung für Ausfuhrbescheinigungen setzen wird: «Das Abrechnungssystem mit den Zetteln ist einfach nicht mehr zeitgemäss.» Wenn das Ganze erst einmal per App geschieht, spiele eine Bagatellgrenze gar keine Rolle mehr, was den Verarbeitungsaufwand betreffe. Stichproben werde es aber weiterhin brauchen.

Schweiz hat schon einen Bagatellwert

Bagatellwerte für die Ein- und Ausfuhr gibt es in anderen Ländern schon länger. In der Schweiz beträgt er 300 Franken. Wer Waren ab diesem Wert über die Grenze bringen will, muss den Schweizer Mehrwertsteuersatz bezahlen.

Selbst wenn man für über 300 Franken in Deutschland einkauft, lohnt sich das aus Steuersicht, weil der allgemeine und der ermässigte Mehrwertsteuersatz in der Schweiz 7,7 beziehungsweise 2,5 Prozent betragen. Somit ist die Mehrwertsteuer in der Schweiz weniger als halb so hoch.

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