25.08.2020 12:24

Der Fall NawalnySo wirkt das nachgewiesene Gift

Die Mediziner der Berliner Charité gehen davon aus, dass Putin-Gegner Alexei Nawalny vergiftet worden ist. Die Substanz, die sie im Verdacht haben, ist keine unbekannte.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die Berliner Charité geht davon aus, dass Putin-Gegner Alexei Nawalny vergiftet worden ist. (Im Bild: Ankunft in der Klinik: Sanitäter der deutschen Bundeswehr nehmen den Kremlkritiker in Empfang.)

Die Berliner Charité geht davon aus, dass Putin-Gegner Alexei Nawalny vergiftet worden ist. (Im Bild: Ankunft in der Klinik: Sanitäter der deutschen Bundeswehr nehmen den Kremlkritiker in Empfang.)

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In das Berliner Spital war der russische Oppositionspolitiker nach zähen Verhandlungen gekommen. (Im Bild: Nawalny auf dem Weg vom Flughafen zur Klinik.)

In das Berliner Spital war der russische Oppositionspolitiker nach zähen Verhandlungen gekommen. (Im Bild: Nawalny auf dem Weg vom Flughafen zur Klinik.)

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Die renommierte Klinik teilte mit, dass die Wirkung des Giftstoffes «mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen» worden sei.

Die renommierte Klinik teilte mit, dass die Wirkung des Giftstoffes «mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen» worden sei.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Kremlkritiker Alexei Nawalny ist in Sibirien zusammengebrochen und wird nun in Berlin behandelt.
  • Während Nawalny laut russischen Ärzten an einer Stoffwechselstörung leidet, gehen die deutschen von einer Vergiftung aus.
  • Die Wirkung des Giftstoffes sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen.
  • Er soll zu der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer gehören, ein Nervengift, das schon viele Leben gekostet hat.

«Die klinischen Befunde weisen auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin» – mit diesen Worten bestätigte die Berliner Charité, was viele schon befürchtet hatten: Auf den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny wurde ein Giftanschlag verübt.

Zwar sei die konkrete Substanz noch unbekannt, so heisst es in der unter anderem auf Twitter verbreiteten Stellungnahme des Spitals weiter, welches den Putin-Gegner nun versorgt. Aber bereits die Nennung der heimlich verabreichten Wirktstoffgruppe verrät, welche Qualen Nawalnys Körper durchmacht und dass er Glück hat, noch am Leben zu sein.

Einer der giftigsten Kampfstoffe überhaupt

Die Cholinesterase-Hemmer zählen zu den Nervengiften, zu denen zum Beispiel auch Kampfstoffe wie Sarin oder VX gehören. Je nach Variante sowohl in fester, flüssiger als auch pulveriger Form. Sie führen zu Krämpfen unter anderem des Magen-Darm-Traktes und anschliessend zum Tod durch Atemstillstand. Die genaue Wirkungsweise ist jeweils von der eingesetzten Substanz sowie von der Dosis abhängig.

Am Beispiel von Sarin zeigt sich, wie gravierend so eine Attacke ist. Die chemische Substanz zählt zu den giftigsten Kampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Schon ein Milligramm reicht aus, um Menschen zu töten.

Reizüberflutung der Nervenzellen

Das Nervengas, das 1938 während der Forschung an Phosphorverbindungen für den Einsatz als Insektenvernichtungsmittel entwickelt wurde, tötet heimlich: Es ist geruchlos, geschmacklos und unsichtbar. Die Opfer bemerken es nicht, wenn sie ihm ausgesetzt sind.

Aufgenommen wird das hochtoxische Aerosol über die Atemwege, die Haut und die Augen. Im menschlichen Körper angekommen, wirkt es über das zentrale Nervensystem. Dort verhindert es den Abbau des Botenstoffes Acetylcholin an den Rezeptoren der Nervenzellen. Der dadurch entstehende Überschuss führt schliesslich zu einer Reizüberflutung der Nervenzellen.

Die Dosis macht das Gift

Klassische Symptome einer Sarin-Vergiftung sind laut Christine Rauber-Lüthy, stellvertretende Direktorin und leitende Ärztin bei Tox Info Suisse, Erbrechen, Diarrhoe, gesteigerter Speichelfluss, eine übermässige Absonderung von Schleim aus den Bronchien (Bronchorrhoe), eine Verengung der Pupillen (Miosis), Stuhl- und Harninkontinenz, ein Herzschlag unter 60 Schlägen pro Minute (Bradykardie) und niedriger Blutdruck (Hypotonie).

In besonders schweren Fällen – so wie beim Luftangriff auf Syrien im Jahr 2017 – kommt es zu Krämpfen, Bewusstlosigkeit, einer verlangsamten Atmung und führt unbehandelt schliesslich zum Tod. Wie lange es dauert, bis dieser einsetzt, ist von der Dosis abhängig, erklärte Rauber-Lüthy damals auf Anfrage von 20 Minuten: «Die Symptome manifestieren sich nach wenigen Minuten bis Stunden.»

Spätfolgen nicht ausgeschlossen

Wer einen Sarin-Angriff überlebt, bei dem können sich die Schäden im zentralen Nervensystem nach und nach zurückbilden. Sie können allerdings auch irreversibel sein – und die Betroffenen leiden ein Leben lang. Was auf Nawalny zutreffen wird, ist noch ungewiss, teilt die Charité mit: «Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher, und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.»

Nawalny wird derzeit mit dem Gegengift Atropin behandelt. Dieses stammt von der Tollkirsche und stoppt die Reizüberflutung im zentralen Nervensystem. Dabei gilt: Je schneller das Atropin verabreicht wird, desto grösser sind die Chancen auf Heilung.

Bislang gibt es keinen Beweis dafür, dass Alexei Nawalny tatsächlich mit Sarin vergiftet wurde, fest steht nur, dass es ein Wirkstoff der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer war.

Nervengift «von militärischer Qualität»

Ein weiteres Nervengift aus der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer ist Nowitschok (zu Deutsch: Neuling), das in den 1970er- bis 1990er-Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurde. Dies mit der perfiden Absicht, ein Gift zu produzieren, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und das von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann. 2018 wurde Nowitschok in England beim Mordanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal eingesetzt.

Es ist ein sogenannt binärer Kampfstoff. Das heisst: Die Bestandteile der einzelnen Varianten – jeder für sich relativ harmlos – können getrennt gelagert werden. Das ermöglicht eine nahezu ungefährliche Handhabung vor dem Einsatz. Erst miteinander kombiniert entfalten sie ihre tödliche Wirkung bei geringsten Dosen. Mindestens eine Variante – das sogenannte Nowitschok A-230 – soll fünf- bis achtmal potenter sein als Sarin und VX. Letzteres Gift hat im Februar 2017 zum Tod des Halbbruders von Kim Jong-un geführt (siehe Bildstrecke).

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153 Kommentare
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Nick B.

26.08.2020, 09:53

Saxitoxin (STX) ist ein Neurotoxin (Nervengift), das z.B. in Miesmuscheln oder Austern angereichert sein kann und etwa 1000-mal giftiger als das synthetische Nervengift Sarin. Die Toxine, die für die meisten Schalentier-vergiftungen verantwortlich sind, sind wasserunlöslich, hitze- und säurestabil, und gewöhnliche Kochmethoden beseitigen die Toxine nicht. Vielleicht hat er einfach auch schlechte Meeresfrüchte gegessen? Aber dies würde ja nicht zum Putin-Bashing passen.

Fredi Zischt

25.08.2020, 16:00

Es wurde bereits erwiesen, dass es sich auch in diesem Fall um das tödliche COVID handelt. Andere Nachrichtenagenturen berichteten bereits darüber. Ich finde es auch nicht Recht, dass das COVID bei dieser Geschichte keine Rolle spielt, respektive schöngeredet wird.

Vladimir

25.08.2020, 15:50

Ich glaube wenn Putin das angeordnet hätte, dann hätte Nawalni nicht überlebt! Vielleicht versucht ein Geheimdienst miss Kredit gegen Russland zu schüren.