Aktualisiert 22.04.2014 06:41

Kriegsjournalisten-KursSo würde ich Geiselhaft und Bomben überleben

Wie ist es, von Terroristen entführt zu werden? Plötzlich in einen Bombenanschlag zu geraten? Bei der Bundeswehr erleben das Journalisten hautnah.

von
A. Bättig, Hammelburg

Don't move! Don't speak! Don't smile! Seit Stunden schreien wir diese drei einfachen Regeln. Zehnmal, hundertmal, so laut wir können, wie ein Mantra. Wer nicht wie ein Irrer schreit, der wird selber angebrüllt. Wo wir uns befinden, wissen wir nicht. Dem Akzent der Geiselnehmer und der Musik nach, die laut aus den Boxen drönt, sind wir irgendwo im Mittleren Osten.

Es sind ziemlich einfache Anweisungen, die uns die Geiselnehmer eintrichtern. Doch wer dabei knien muss, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, die Augen verbunden und seit Stunden nichts mehr getrunken hat, der kann schnell durcheinanderkommen und die Regeln in der verkehrten Reihenfolge aufsagen. Und das haben die Geiselnehmer nicht sonderlich gern.

Demütigung, Psychoterror und Bestrafung in Form von Liegestützen oder Rumpfbeugen bis zur Erschöpfung sind die Folgen. Was sich wie eine Geiselszene aus einem Film anhört, ist der Abschluss der fünftägigen Ausbildung zum Kriegs- und Krisenjournalisten in Hammelburg, Deutschland.

Vorbereitung auf Einsatz im Krisengebiet

Hier werden jedes Jahr dutzende Journalisten darauf vorbereitet, sich in gefährlichen Gebieten möglichst gut zurechtfinden zu können. Der Kurs wird von der deutschen Bundeswehr durchgeführt und ist Teil eines Ausbildungsprogramms der Vereinten Nationen.

Zusammen mit 14 anderen Journalistinnen und Journalisten aus Deutschland lerne ich in Hammelburg, wie man in Krisengebieten überlebt – und das möglichst nahe an der Realität. Zwar werden die Terroristen von Bundeswehrsoldaten gespielt. Doch die Szenarios wirken so echt, dass wir zu Beginn der Ausbildung ein Codewort gesagt bekommen, mit dem wir jederzeit aus dem Kurs aussteigen können. Es lautet «Exit», und der Bundeswehrpsychologe rät uns, davon auch wirklich Gebrauch zu machen. Wie sich später zeigen sollte, kommen einige tatsächlich an ihre psychischen Grenzen.

71 tote Journalisten im Jahr 2013

Kriegsreporter ist ein gefährlicher Beruf. 71 Journalisten sind gemäss der Organisation Reporter ohne Grenzen im Jahr 2013 bei der Ausübung ihres Berufs ums Leben gekommen. Sie waren im Einsatz, damit Nachrichten von den blutigen Konflikten in Syrien, Libyen, Ägypten, Südsudan oder der Ukraine den Weg an die Öffentlichkeit finden. Wie riskant dieser Job ist, zeigte der Tod der deutschen Fotojournalistin Anja Niedringhaus Anfang April. Sie wurde in Afghanistan von einem Polizisten erschossen.

Deshalb ist in Hammelburg der Beschuss durch verschiedene Waffen ein wichtiges Thema. Anhand unterschiedlicher Objekte wie Mauern, Sandsäcken oder Autotüren zeigen uns die Ausbildner, was als Deckung sinnvoll ist und was nicht. Autotüren dienen zum Beispiel nicht als Schutz, auch wenn das in Hollywoodfilmen gern gezeigt wird. Geschosse aus einer Kalaschnikow durchdringen die Türe wie Butter. Auch bei Minen vermittelt die Filmfabrik falsches Wissen. So explodieren Minen sofort, wenn man drauftritt. Das berühmte «Klick» gibt es nicht, und schon gar nicht kann man auf einer Mine stehen bleiben.

Christliche Erziehung kann gefährlich sein

Doch in Kriegsgebieten droht nicht nur Gefahr von aussen. Auch die eigenen Moralvorstellungen können schnell zum Problem werden. «Vergesst in Kriegsgebieten eure christliche Erziehung. Ihr müsst lernen, dass ihr für euch selber verantwortlich seid. Dass ihr primär um euer eigenes Leben besorgt sein müsst», wird uns in den ersten Stunden des Kurses eingetrichtert. Denn: «Nicht selten sind die Verletzten nach einer Bombenexplosion dazu da, Helfer anzulocken, um dann den zweiten Sprengsatz zu zünden», sagt einer der Ausbildner, ein Panzergrenadier, der schon in Afghanistan im Einsatz war.

Wie schwierig es ist, das Helfersyndrom abzustellen, soll am zweiten Tag der Ausbildung eine Übung zeigen. Zusammen mit vier weiteren Journalisten muss ich einen «Marktplatz» besuchen. Unsere Aufgabe ist es, Kontakt mit der Dorfbevölkerung aufzunehmen und einige Sequenzen für eine spätere Berichterstattung zu drehen. Der Marktplatz – so das Szenario – befindet sich in einem umkämpften Gebiet.

Es vergehen nur wenige Minuten, bis ein lauter Knall zu hören ist. Überall liegen plötzlich Verwundete herum. Die Verletzten am Boden flehen um Hilfe. Angehörige zerren mich an den Kleidern und schreien uns Journalisten an. Doch wir ziehen uns zurück. Es ist eine harte Entscheidung, aber die richtige – wir haben überlebt. Und das ist eines der Hauptziele des Lehrgangs.

Pistole am Kopf

Vier Tage lang lernen wir, wie man Waffen anhand ihres Knalls unterscheidet, erste Hilfe leistet, wie Sprengstoff wirkt oder, anhand aufwendig inszenierter Szenarios, wie man illegale Checkpoints passiert oder Überfälle auf unseren Konvoi unbeschadet übersteht. Das furchteinflössendste Szenario ist die Geiselnahme, die während der vier Tage ständig in unseren Köpfen präsent ist und von der wir nur wissen, dass sie am fünften Tag auf uns zukommen wird und uns an unsere Grenzen bringen soll. Als Vorbereitung wird uns eingetrichtert, dass Kooperation das A und O ist. Zudem seien wir Geiseln wertvoll. «Die Geiselnehmer wollen mit euch Geld erpressen. Sonst würden sie euch gleich erschiessen», sagt der Ausbilder.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf werde ich zusammen mit einer Journalistin in den letzten Stunden des Lehrgangs und der Geiselnahme in einen separaten Raum gebracht. Uns erwartet der offensichtlich psychopathische Anführer der Geiselnehmer. Wir knien uns hin. Während mir eine Pistole auf die Stirn gedrückt wird, wird die Journalistenkollegin und Mutter zweier Kinder verhört. Es ist ein abscheuliches Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein.

«Solltest du jetzt nicht eher bei deinen Kindern sein, als hier, in meinem Land? Weit weg von zu Hause und deiner Familie?», fragt der Terroristenführer in Englisch. «Was würden wohl deine Kinder jetzt denken, ihre Mutter so zu sehen?», bohrt er weiter. Die Journalistin beginnt zu weinen. Der Druck ist jetzt gross, das Spiel fast zur Wirklichkeit geworden. Doch sie reisst sich zusammen. «Exit» ist für sie keine Option. Sie hat den Kurs – wie die restlichen 14 Teilnehmer – bestanden.

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