Analyse - So wurde der klare Sieg für die «Ehe für alle» möglich
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NachbefragungSo wurde der klare Sieg für die «Ehe für alle» möglich

Die Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia zeigt: Bis weit hinein ins konservative Lager fand das Anliegen Zuspruch. Ebenso wichtig für das Resultat waren die 18- bis 34-Jährigen.

von
Pascal Michel

Darum gehts

  • Die Sieger des Abstimmungssonntags jubelten: Das deutliche Ja zur «Ehe für alle» sei historisch.

  • Mit dem guten Resultat steigen die Chancen für weitere Vorlagen für die LGBTQI-Community.

  • Die Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia zeigt, wie es zum klaren Ja gekommen ist.

64,1 Prozent: So viele Stimmberechtigte legten am Sonntag ein Ja für die «Ehe für alle» in die Urne – und sagten Ja dazu, dass auch homosexuelle Paare heiraten dürfen und dass verheiratete Frauenpaare Zugang zur Samenspende erhalten.

Die Ja-Komitees machten schon vor der Abstimmung klar: Ihr Ziel ist es nicht nur, die Vorlage vor dem Volk durchzubringen. Sie denken bereits weiter und peilen einen möglichst hohen Ja-Anteil an, um weitere gesellschaftspolitische Fragen auf die Agenda zu setzen. Die Lesbenorganisation Schweiz sprach denn auch von einer «sehr hohen Zustimmung». Und die Operation Libero liess bereits am Abstimmungssonntag verlauten: «Die Ehe für alle ist längst nicht das letzte Stück des Salamis in Sachen Gleichstellung aller Lebensentwürfe.»

Unterstützung im bürgerlichen Lager

Die Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia zeigt nun, wie das von allen Seiten als «historisch» bezeichnete Ergebnis zustande gekommen ist. Nimmt man in den Blick, welche Klientel die Vorlage unterstützt hat, zeigt sich, dass die «Ehe für alle» bis weit ins bürgerliche Mitte-Lager Zuspruch fand.

63 Prozent der Mitte-Wähler und -Wählerinnen legten ein Ja in die Urne, dasselbe bei den Freisinnigen. Und selbst bei den Wählerinnen und Wählern der konservativen Volkspartei fanden 35 Prozent es nun an der Zeit für die Öffnung der Institution Ehe. Weniger überraschend sind die hohen Zustimmungswerte bei GLP über die Grünen bis zur SP mit über 86 Prozent.

Zum ausgezeichneten Ergebnis für das LGBTQI-Lager dürfte auch die überdurchschnittliche Stimmbeteiligung von 52 Prozent beigetragen haben. Vor allem die Jungen haben überdurchschnittlich oft ein Ja auf den Stimmzettel geschrieben. In der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen lag die Zustimmung bei 72 Prozent, bei den 35- bis 49-Jährigen waren es 69 Prozent. Mit steigendem Alter nahm die Unterstützung der «Ehe für alle» ab.

Widerstand organisierte sich vor allem aus kirchlich-konservativen Kreisen. Angeführt hatte das Nein-Komitee die Partei EDU. Wie die Nachbefragung nun zeigt, besteht ein Zusammenhang zwischen Religiosität und der Ablehnung der Vorlage.

Stimmberechtigte, die mehrmals pro Monat an religiösen Anlässen teilnehmen, stimmten zu 77 Prozent Nein. Der Zuspruch zur «Ehe für alle» nimmt zu, je weniger jemand religiöse Anlässe besucht. Die Gegner konnten offenbar in ihrem Milieu überzeugen, mit ihren Argumenten aber nicht die breite Öffentlichkeit erreichen, wie der klare Ausgang der Abstimmung zeigt.

Juso: Kein Durchkommen bei den Bürgerlichen

Die Juso wollte mit der 99-Prozent-Initiative «Superreiche» stärker zur Kasse bitten. Wie die Nachbefragung zeigt, fand sie mit der Idee, Kapitaleinkommen ab einer bestimmten Schwelle höher zu besteuern, nur im eigenen Lager Mehrheiten. Und selbst rund ein Drittel der Wählerinnen und Wähler von Grünen und SP lehnten die Vorlage der Jungsozialisten ab. Obwohl nach dem klaren Nein bürgerliche Politiker behaupteten, in der Schweiz gebe es keinen Klassenkampf, hatten 43 Prozent der Stimmberechtigten, die unter 3000 Franken pro Monat verdienen, für die Initiative gestimmt.

Interessant ist zudem eine Zusatzauswertung. In der Nachbefragung wurde die Frage «Sind Sie der Meinung, dass das vermögendste eine Prozent der Bevölkerung tendenziell stärker besteuert werden sollte?» gestellt. Dieser Aussage stimmten 57 Prozent zu. Frauen etwas öfter als Männer. Das heisst: Die Juso hat zwar eine krachende Niederlage eingefahren mit ihrem Angriff auf Kapitaleinkommen wie Dividenden oder Zinsen. Als generelle Absage an die Idee, die «Superreichen» stärker zu besteuern, ist das Resultat offenbar nicht zu verstehen.

Die Umfrage

12’743 Personen aus der ganzen Schweiz haben zwischen dem 24. und dem 26. September an der Nachbefragung zu den eidgenössischen Abstimmungen teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,5 Prozentpunkten.

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