Publiziert

Giovanni StuckySo wurde ein Schweizer zum reichsten Venezianer

Als Hans Stucky nach Venedig kam, besass er nicht viel. Doch sein Sohn Giovanni stellte bald mit seinem Vermögen alle in den Schatten.

von
Fee Anabelle Riebeling
1 / 30
Das Molino Stucky Hilton ist heute eines von Venedigs grössten Hotels.

Das Molino Stucky Hilton ist heute eines von Venedigs grössten Hotels.

Wikimedia Commons/Didier Descouens/CC BY-SA 4.0
Es befindet sich auf Giudecca, der langgestreckten Insel südlich der Stadt Venedig.

Es befindet sich auf Giudecca, der langgestreckten Insel südlich der Stadt Venedig.

Robert Simmon/NASAs Earth Observatory/PD
Gebaut wurde das backsteinerne Gebäude im vergangenen Jahrhundert von dem reichsten Mann der Lagunenstadt, ...

Gebaut wurde das backsteinerne Gebäude im vergangenen Jahrhundert von dem reichsten Mann der Lagunenstadt, ...

La Toletta Edizioni

Darum gehts

  • Der Nachname verrät es: Giovanni Stuckys Wurzeln liegen in der Schweiz.

  • Zu Wohlstand brachte er es aber in Italien.

  • 1897 wurde er zum reichsten Mann Venedigs erklärt.

  • Doch das Glück währte nicht lange.

Am 21. Mai 1910 spielte sich am Bahnhof Venezia Santa Lucia eine grauenhafte Szene ab: Giovanni Stucky, der reichste Mann Venedigs, wollte gerade seinen Zug nach Portoguaro besteigen, als es geschah.

Aus dem Nichts stürmte ein Mann auf ihn zu und durchtrennte ihm mit einer Rasierklinge Halsschlagader und Kehlkopf. Stucky starb noch an Ort und Stelle – und Venedig verlor seinen grossen Wohltäter.

Der Müller aus der Schweiz

Giovanni war der Sohn von Hans Stucky, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts von Münsingen im Kanton Bern aus gen Süden aufgemacht hatte. Nach 12-jähriger Wanderschaft liess er sich 1837 in Venedig nieder. Arbeit fand er in der einzigen Mühle der Stadt, deren Leitung er bald übernahm. Doch dem ehrgeizigen Hans reichte das nicht. Er pachtete kurzerhand zwei Mühlen und machte sich selbstständig.

Was damals noch keiner ahnte: Es sollte der Grundstein für eine überaus erfolgreiche, aber auch überaus kurze Dynastie sein. Massgeblich am Aufstieg der Familie beteiligt war Hans’ Sohn Giovanni.

Wichtige Neuerungen

Wie sein Vater vor ihm ging auch Giovanni auf Wanderschaft, um das Müllern von der Pike auf zu lernen. Anschliessend wandte er sein neues Wissen gewinnbringend an: Er pachtete sechs Mühlen und tauschte die alten Mühlsteine gegen moderne Walzen aus, die das Mehl weisser und feiner machten. Die Rohstoffe bezog er nicht mehr aus der Region, sondern dort, wo sie am günstigsten waren.

Zu den Mühlen gesellte sich bald auch eine Teigwarenfabrik mitsamt 100 Mitarbeitern. Im Jahr 1890 gab er dann den Auftrag, ein ehemaliges Kloster zu einer Fabrik auszubauen, eine Industriekathedrale, die noch höher sein sollte als der Dogenpalast.

Trotz Widerständen gegen das Vorhaben feierte der Molino Stucky – Venedigs erstes Gebäude mit elektrischer Beleuchtung – am 13. April 1897 Eröffnung. Im selben Jahr wurde Giovanni zum reichsten Mann der Lagunenstadt erklärt.

Luxus für alle

Wie gross sein Vermögen war, ist nicht bekannt. Es dürfte immens gewesen sein, denn auf den Bau der Fabrik folgten der Kauf einer privaten Villa in Mogliano Veneto, den italienischen Hamptons, sowie der Erwerb des Palazzo Grassi, des grössten und modernsten Palasts am Canale Grande. Zusätzlich erstand er noch 1700 Hektaren Land in Portoguaro, auf denen er Weizen anbauen liess.

Als Patron alter Schule schaute er aber auch gut zu seinen Arbeitern: Anlässlich des 25-jährigen Firmenbestehens versprach er ihnen eine Rente auf Lebenszeit. Den Bauern, die seine Felder in Portoguaro bestellten, verschaffte er anständige Häuser und baute Strassen.

Die Wirren des 20. Jahrhunderts

Doch mit dem Mord an Giovanni im Jahr 1910 endete die Glückssträhne der Familie Stucky. Zwar übernahm dessen Sohn Giancarlo die Geschäfte, doch es ging nur noch bergab. Einerseits, weil Giancarlo das kaufmännische Geschick seines Vaters fehlte und er den falschen Menschen vertraute, andererseits, weil ihm der Erste Weltkrieg (1914–1918) und die Machtergreifung der Faschisten im Jahr 1922 einen Strich durch die Rechnung machten.

Die Situation der Stuckys spitzte sich weiter zu, als Benito Mussolinis Finanzminister Giuseppe Volpi die Aufwertung der Lira veranlasste. Dadurch bekam Giancarlo zunehmend Probleme, seine Produkte abzusetzen, und er musste die Stucky-Niederlassungen in Argentinien, den USA, Ägypten und England schliessen.

Als Mussolini auch noch zur Weizenschlacht aufrief – eine Propagandaaktion, mit der die inländische Produktion von Rohstoffen gefördert werden sollte –, war kaum noch etwas zu retten, denn das Geschäft der Stuckys basierte darauf, den Weizen für ihre Mühlen billig im Ausland zu beziehen.

Die Stuckys sind ruiniert

Giancarlos letzte Hoffnung für die während des Krieges erlittenen Schäden – drei seiner Anwesen, nicht aber die Fabrik waren zerstört worden – war es, vom italienischen Staat entschädigt zu werden. Doch dazu kam es nicht, denn die Zahlungen waren Italienern vorbehalten. Er selbst war aber wie sein Vater und Grossvater immer Schweizer geblieben.

1936 war das Vermögen der Stuckys endgültig verloren. Um einem Bankrott zu entgehen, stimmte Giancarlo einer Cessio bonorum (Güterabtretung) nach dem römischen Recht zu, worauf sein gesamtes Hab und Gut an die Gläubiger ging. Er musste mit seiner Mutter in eine kleine Mietwohnung ziehen.

Natürlicher Tod oder Suizid?

Vier Jahre später verfasste Giancarlo sein Testament. Darin heisst es: «Nach dem Vorbild meines Vaters war Geld für mich immer Mittel zum Zweck. Ohne es zu wollen, habe ich mein Vermögen verloren. Ich bin der letzte Stucky aus Venedig und wünsche, dass dieser angesehene Name nach meinem Tod nur noch auf dem Friedhof von San Michele zu lesen ist, auf dem meine Eltern ruhen, die ich über alles geliebt habe.» Kurz darauf verstarb er. Ob durch eigene Hand oder auf natürliche Weise, konnte nie geklärt werden.

Dieser Text ist erstmals am 29.07.2018 erschienen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Tel. 147

Wissen-Push

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
16 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

ikarus sc

04.01.2021, 19:07

Ist wie heute. Einer baut auf, der Nachfolger zerstört.

cielemare

03.01.2021, 23:06

Sehr interessant, bin aus Bern, kannte die Geschichte bis anhin nicht. Die Stadt heisst Portogruaro ;-)

Ich47373

03.01.2021, 21:46

Bald bin ich der reichste Mann Venedig‘s!