So zocken Wahrsager Menschen ab

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WahrsagereiMit diesen Standardsätzen binden Wahrsager Ratsuchende an sich

Wahrsager, Hellseher und Medien haben Hochkonjunktur. Ein Religionswissenschaftler sagt, warum das so ist und ein Theologe warnt vor Missbrauch.

von
Claudia Blumer
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Wahrsagerei funktioniere antizyklisch, sagt Theologe Georg Otto Schmid: «In der Krise boomt sie.»

Wahrsagerei funktioniere antizyklisch, sagt Theologe Georg Otto Schmid: «In der Krise boomt sie.»

Tamedia
Lifestyle-Zeitschriften sind teilweise voll von Inseraten, die Hilfe bei diversen Problemen anbieten: Sorgen, Ängste, Liebeskummer.

Lifestyle-Zeitschriften sind teilweise voll von Inseraten, die Hilfe bei diversen Problemen anbieten: Sorgen, Ängste, Liebeskummer.

20min/Anna Bila
Die Naivität der Ratsuchenden werde dabei klar ausgenutzt, sagt Georg Otto Schmid. Für ihn ist klar: «Wahrsagen ist nicht möglich. Es gibt höchstens Zufallstreffer.»

Die Naivität der Ratsuchenden werde dabei klar ausgenutzt, sagt Georg Otto Schmid. Für ihn ist klar: «Wahrsagen ist nicht möglich. Es gibt höchstens Zufallstreffer.»

privat

Darum gehts

  • Wahrsager werben seitenweise mit ihren Diensten.

  • Wenn Krise ist, haben sie Konjunktur, sagt Theologe Georg Schmid. Er rät zur Vorsicht. Die Naivität der Ratsuchenden werde ausgenutzt.

  • Religionswissenschaftler Jens Schlieter sagt: Früher zahlten die Leute die Kirche, heute geben sie Geld für anderes aus.

Kartenleger Franz, Medium Paul, die hellsichtige Béatrice – in Dutzenden Inseraten in Lifestyle-Zeitschriften bieten Wahrsager ihre Dienste an. 20 Minuten hat «Medium Paul» gefragt, wie 2023 wird. Seine Antworten waren widersprüchlich und ausschweifend, das 25-minütige Gespräch kostete 62.50 Franken.

«Die Wahrsagerbranche funktioniert antizyklisch – wenn Krise ist, boomt sie», sagt Religionsexperte Georg Otto Schmid, Theologe und Leiter der Informationsstelle Kirche-Sekten-Religionen. Damit hätten Wahrsager in Zeiten von Inflation und Krieg Hochkonjunktur. Es gebe einerseits die Hardcore-Fans, die nicht aus dem Haus gehen, ohne die Karten gelegt zu haben. Anderseits nutzten jetzt auch Leute, die normalerweise nicht empfänglich sind, solche Angebote.

Gerade während der Festtage, wenn Leute sich einsam fühlen und Sorgen haben, dürfte die Tendenz grösser sein, Hilfe zu suchen. Die Naivität der Anrufenden werde mit solchen Angeboten klar ausgenutzt, sagt Schmid. Für ihn ist klar: «Die Zukunft vorauszusagen, ist nicht möglich.» Es gebe höchstens Zufallstreffer. «Wahrsager arbeiten mit guter Menschenkenntnis, mit dem Faktor Wahrscheinlichkeit und landen ab und zu einen Glückstreffer.» Zudem profitierten sie vom Effekt, dass die Leute sich nur an Aussagen erinnerten, die zuträfen.

Standardsätze mit hoher Trefferquote

Problematisch könne das sein, wenn Kunden abhängig würden und sich finanziell ausbeuten liessen. Die meisten Wahrsager seien ethisch korrekt, aber einige wenige nicht, sagt Georg Otto Schmid. «Sie haben es darauf abgesehen, Kunden an sich zu binden und ihnen viel Geld abzuknöpfen.» Er höre oft von Fällen, in denen Kunden 10’000 Franken oder mehr verloren hätten. «In einem Fall hat jemand 100’000 Franken ausgegeben.» Vorsicht sei geboten, wenn jemand Angst vor der Zukunft schüre, etwa mit der Aussage, dem Kind werde etwas passieren, und dann ein magisches Ritual anbiete, mit dem das Unglück verhindert werden könne. Sehr lukrativ sei das Geschäft trotzdem nicht. Nur Mike Shiva habe richtig viel verdient damit.

Ist Wahrsagerei eine Ersatzreligion?

Wahrsager-Beratungen liefen meist nach dem gleichen Schema. Fast alle Wahrsager nutzten Standard-Sätze mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sie zutreffen. Schmid nennt einige davon:
• «Jemand aus Ihrem Umfeld hat gesundheitliche Probleme.» Das treffe auf praktisch jeden Menschen zu, sagt Schmid.
• «Sie haben Sorgen.» Das sei ohnehin bei allen der Fall, die anrufen.
• «Sie haben Ihren Weg noch nicht gefunden.» Das treffe gerade bei jungen Leuten fast schon naturgemäss zu.
• «Sie sind nicht ganz ausgefüllt, hätten noch andere Interessen.» Laut Schmid ein Standardsatz bei Leuten mittleren Alters mit Familie.

Rund zehn Prozent glauben daran

Für Jens Schlieter, Religionswissenschaftler an der Universität Bern, ist das Wahrsagen im Bereich Religion anzusiedeln. «Kirchen verlieren derzeit massiv an Mitgliedern. Die Mehrheit der Bevölkerung zahlt den Kirchen kein Geld mehr, dafür geben viele Geld für anderes aus, beispielsweise für spirituelle Angebote.» Die Wissenschaft beantworte wichtige Lebensfragen oft nicht zufriedenstellend, sagt Schlieter. Auch deshalb würden sich die Leute den Angeboten im Bereich Wahrsagen zuwenden.

Laut einer Studie von 2011 glaubten etwa zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung an Dinge wie Reinkarnation, Heilsteine und Astrologie. Heute seien es tendenziell mehr, doch vor allem seien die Angebote viel sichtbarer und «hoffähiger» geworden. «Auch Spitäler und Reha-Kliniken bieten heute Achtsamkeitsmeditation an, das wäre früher noch undenkbar gewesen. Und in der Innenstadt an bester Lage finden sich haufenweise Läden, die Steine, Heilerde und Ähnliches anbieten.»

Während die Wirkung von Yoga und Meditation mit Studien belegt sei, geht Schlieter nicht davon aus, dass es möglich sei, unbekannte Ereignisse vorherzusagen. Doch die Wahrsagerei habe einen psychologischen Aspekt: «Möglich, dass man nach einer Vorhersage fest damit rechnet, dass es passieren wird. Oder dass man ein Ereignis im Nachhinein als Erfüllung der Wahrsagung versteht.» 

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