Aktualisiert 05.08.2008 15:01

«Nur» begeistert AraberSoap Opera «widerspricht» dem Islam

Seit vier Monaten bricht ein junger Mann mit blauen Augen reihenweise Frauenherzen in der arabischen Welt, in den Flüchtlingslagern im Gazastreifen ebenso wie in den Luxusvillen von Riad. Doch schon laufen konservative islamische Rechtsgelehrte gegen die Serie Sturm.

Die Rede ist von Mohannad, dem Star der türkischen Seifenoper «Nur», die binnen kürzester Zeit zum Strassenfeger wurde und jeden Abend Millionen Zuschauer an den Fernseher fesselt. Der Erfolg rief umgehend konservative Kritiker auf den Plan, die die Serie als unislamisch geisseln und zum Boykott aufrufen.

Denn «Nur» führt den Zuschauern eine Welt vor Augen, in der der Spagat zwischen muslimischen Traditionen und modernen westlichen Werten perfekt gelingt. So ist es nicht nur Mohannads blendendes Aussehen, das Zuschauerinnen gefällt, sondern auch sein Umgang mit seiner Ehefrau Nur: Er ist romantisch, fürsorglich und unterstützt Nur in ihrer Selbstständigkeit und ihren beruflichen Ambitionen als Modedesignerin.

«Ich habe meinem Mann gesagt: 'Nimm dir ein Beispiel an ihm, wie er sie behandelt, wie er sie liebt, wie er sich um sie kümmert'», sagte die 24-jährige Jordanierin Heba Hamdan. Die Sendung habe sie dazu ermutigt, sich eine eigene Arbeit zu suchen, sagte die Hausfrau, die direkt nach dem Abschluss ihres Studiums heiratete.

Der riesige Erfolg von «Nur» im Nahen Osten dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass den Zuschauern die Identifikation leichter fällt als bei westlichen Importen - schliesslich spielt die Serie in der Türkei und damit in einem islamischen Land. Die Figuren begehen den Fastenmonat Ramadan, und die Ehe zwischen Mohannad und Nur wurde vom Grossvater des Bräutigams arrangiert. Zugleich geniessen sie westliche Freiheiten und trinken beispielsweise Alkohol zum Abendessen. Auch ausserehelicher Sex und Abtreibung sind keine Tabus, und Mohannad hat ein Kind mit einer früheren Freundin. Besonders freizügige Szenen werden jedoch für die arabischen Sender zensiert.

«Mohannad» und «Nur» beliebte Vornamen für Babys

Die tägliche Soap zeige, «dass es Muslime gibt, die anders leben», sagte Islah Dschad, Professor für Frauenforschung an der Universität Bir Seit im Westjordanland. Der türkische Produzent der Serie, Kemal Üzün, erklärte: «Wir sind ein bisschen offener, nicht so konservativ wie einige dieser Länder (im Nahen Osten), und ich denke, das spricht die Zuschauer an.» Kritikern hingegen missfällt genau das. «Diese Serie widerspricht unserer islamischen Religion, unseren Werten und Traditionen», sagte Hamed Bitaui, Abgeordneter der radikalislamischen Hamas und Prediger in Nablus.

Doch dürfte es den Konservativen kaum gelingen, die Begeisterung für «Nur» zu stoppen. In Saudi-Arabien verfolgen jeden Abend drei bis vier Millionen der insgesamt knapp 28 Millionen Einwohner die neueste Folge. In den palästinensischen Autonomiegebieten sind die Strassen während der Sendezeit wie ausgestorben, und Verabredungen werden darauf abgestimmt. Entbindungskliniken in der saudiarabischen Hauptstadt Riad sowie in Hebron im Westjordanland verzeichneten einen Anstieg der Vornamen «Nur» und «Mohannad» für Neugeborene. Ein Posterhändler im Westjordanland hat an seinem Stand Porträts von Jassir Arafat und Saddam Husseins gegen «Nur»-Plakate ausgetauscht.

Touren für arabische Besucher am Drehort

Das Modegeschäft «Dscharos» in Gaza erzielt glänzende Umsätze, indem es Kopien der Outfits der «Nur»-Stars anbietet, darunter eine ärmellose Bluse im Metallic-Look. Am Drehort der Serie, einer Villa in Istanbul, werden laut Produzent Üzün inzwischen «Nur»-Touren für arabische Besucher angeboten, und es wurde ein Museum eingerichtet. Die saudiarabische Tageszeitung «Al Riad» veröffentlichte vor kurzem eine Karikatur, in der ein Mann mit einem Bild Mohannads als Vorlage ins Büro eines Schönheitschirurgen kommt.

Mohammed Daraghmeh hat an seinem Fernseher den Sender MBC, auf dem «Nur» läuft, gesperrt, damit seine Kinder sich die Serie nicht ansehen können. Doch die Familie drohte damit, sich «Nur» dann eben im Haus eines Onkels anzuschauen, so dass Daraghmeh nachgab, wie er erzählte.

Im Flüchtlingslager Schati drängen sich zur «Nur»-Sendezeit allabendlich vor allem junge Mädchen und Frauen vor dem Fernseher. Die 17-jährige Ala Hamami sagte, sie bewundere Nur für ihre Unabhängigkeit: «Die Serie bestärkt die Frauen für die Zukunft.»

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