Aktualisiert 27.11.2009 12:24

Luftangriff in Afghanistan

Sofort war klar: Es gab zivile Opfer

Was geschah in der Nacht zum 4. September in Kundus? Ein bislang geheimer Bericht zeigt, dass die Bundeswehr früh über zivile Opfer des Luftangriffs auf zwei Tanklastzüge Bescheid wusste. Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung gerät massiv unter Druck.

von
pbl

Fast drei Monate liegt der tödliche Bombenangriff in Afghanistan inzwischen zurück. Es war das erste Mal, dass dort auf Befehl eines deutschen Soldaten ein Luftangriff erfolgte. Dabei wurden nach NATO-Angaben bis zu 142 Menschen getötet. Ob und wie viele Zivilisten darunter waren, war vom ersten Tag an strittig. Nun ist ein Bericht bekannt geworden, wonach die Bundeswehr schon am Tag nach dem Angriff Bescheid wusste.

Am Abend des 3. September hatte die gemeinsame afghanische Operationszentrale dem deutschen Feldlager in Kundus gemeldet, dass in der Nähe des Standorts des deutschen Wiederaufbauteams (PRT) zwei Lastwagen entführt worden seien. Ein erstes Flugzeug ortete diese sechs Kilometer südwestlich des PRT, wo sie auf einer Sandbank im Kundus-Fluss steckengeblieben waren. Als das Flugzeug wegen Treibstoffmangels abziehen musste, forderten die Deutschen weitere Kampfflugzeuge an, um das Geschehen zu beobachten.

Nach ersten Angaben des Verteidigungsministeriums in Berlin zeigten die von zwei F-15-Kampfflugzeugen der USA aufgenommenen Bilder, dass «etliche» Menschen an den Tanklastern Waffen getragen hätten. Zudem habe es mindestens drei Quellen gegeben, die ausgesagt hätten, es seien keine Zivilisten vor Ort.

«Augenzeuge» konnte Fahrzeuge nicht sehen

Nun belegen ein bislang zurückgehaltener Bericht der Bundeswehr und Filmaufnahmen aus einem der beteiligten Kampfflugzeuge schwere Versäumnisse bei der Aufklärung vor dem Bombenabwurf. Demnach konnte ein Augenzeuge, der behauptet hatte, es seien nur Aufständische an den entführten Lastwagen, die Fahrzeuge gar nicht sehen.

Nach Angaben eines NATO-Vertreters fragten die Piloten den deutschen Oberst Georg Klein per Funk, ob sie die Tanklaster zunächst demonstrativ in niedriger Höhe überfliegen sollten, um die Aufständischen zu vertreiben. Die Bundeswehr habe jedoch auf einem sofortigen Beschuss bestanden.

Nach Informationen von «Spiegel Online» fragten die Piloten zudem, ob die Menschen um die Tanklaster überhaupt eine «unmittelbare Bedrohung» darstellten. Sie wiesen auch darauf hin, dass keine deutschen oder afghanischen Truppen in der Nähe seien. Eine direkte Feindberührung war aber Voraussetzung für den Einsatz. Dennoch befahl Klein den US-Kampfflugzeugen den Luftangriff. Um 01.49 Uhr am 4. September warfen die Piloten der F-15-Jets zwei Bomben ab, die jeweils 227 Kilogramm schwer waren.

Bundeswehrarzt berichtete über verletzte Kinder

Dem Bericht zufolge, aus dem die «Bild»-Zeitung ausführlich zitierte, hatte die Bundeswehr bereits unmittelbar danach Hinweise auf zivile Opfer. So berichtete ein Bundeswehrarzt von zwei verletzten Kindern. Auch ein AFP-Reporter vor Ort berichtete von getöteten Dorfbewohnern - sie waren an das Flussbett geeilt, um aus den entführten Tanklastern Treibstoff abzuzapfen.

Der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) beharrte jedoch tagelang darauf, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Auch der nun zurückgetretene Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, sagte noch Ende Oktober, es gebe keine Bestätigung dafür, dass durch den Angriff «unbeteiligte Personen» getötet worden seien. (pbl/sda/dapd)

Jung sieht keine Versäumnisse

Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung hat sein umstrittenes Verhalten nach dem tödlichen Luftangriff auf zwei Tanklaster in Afghanistan gerechtfertigt. Er habe Parlament und Öffentlichkeit «korrekt über seinen Kenntnisstand informiert», sagte der CDU-Politiker und amtierende Arbeitsminister am Donnerstag vor dem Bundestag in Berlin. Zuvor hatte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bestätigt, dass die militärische Führung der Bundeswehr Berichte über zivile Opfer bei dem Luftangriff vom 4. September bis zum Mittwoch der politischen Führung vorenthalten habe.

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