Aktualisiert 10.09.2015 12:59

Steuer wie in FrankreichSoftdrink-Branche will Zuckergesetz verhindern

Schweizer Softdrinkhersteller stehen wegen der Fettsucht der Schweizer am Pranger. Ihr Problem: Ohne Zucker greift kaum einer zur Limo.

von
Isabel Strassheim
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Dicke Kinder in einem Ferienlager in Zweisimmen. Im Durchschnitt ist eines von sechs Kindern in der Schweiz fettsüchtig. Das ist der Grund, warum Gesundheitspolitiker Alarm schlagen und auch die Getränkeindustrie aufs Korn nehmen.

Dicke Kinder in einem Ferienlager in Zweisimmen. Im Durchschnitt ist eines von sechs Kindern in der Schweiz fettsüchtig. Das ist der Grund, warum Gesundheitspolitiker Alarm schlagen und auch die Getränkeindustrie aufs Korn nehmen.

Keystone/Martin Ruetschi
Weltweit wird mit kohlensäurehaltigen Getränken ein Umsatz von 350 Milliarden Dollar gemacht. Das ist mit Abstand der grösste Markt. Bei in Flaschen abgefülltem Wasser kommen die Erlöse auf rund 200 Mililarden Dollar.

Weltweit wird mit kohlensäurehaltigen Getränken ein Umsatz von 350 Milliarden Dollar gemacht. Das ist mit Abstand der grösste Markt. Bei in Flaschen abgefülltem Wasser kommen die Erlöse auf rund 200 Mililarden Dollar.

Keystone/Christian Beutler
Der Mineralwasserkonsum in der Schweiz ist mit 111 Litern pro Person jährlich stabil. Der Softdrink-Verbrauch sinkt dagegen seit den letzten Jahren. Er liegt noch bei 72 Litern pro Person.

Der Mineralwasserkonsum in der Schweiz ist mit 111 Litern pro Person jährlich stabil. Der Softdrink-Verbrauch sinkt dagegen seit den letzten Jahren. Er liegt noch bei 72 Litern pro Person.

Keystone/Gaetan Bally

Fast jeder dritte Erwachsene in der Schweiz ist laut dem Bund übergewichtig, und eines von sechs Kindern ist zu dick. Einer der Dickmacher sind Softdrinks. «Wir sehen ein, dass wir ein Teil der Lösung sein müssen», sagt Matthias Schneider am Mittwoch. Er ist Sprecher von Coca-Cola Schweiz sowie Vize-Präsident der Informationsgruppe Erfrischungsgetränke – einem Zusammenschluss, der vor zwei Jahren wegen des steigenden Drucks auf die Branche gegründet wurde. Gemeinsam wollen sie eine Zuckersteuer auf Softdrinks verhindern, wie sie etwa Frankreich 2012 eingeführt hat. Die Branche wehrt sich zudem gegen mögliche Vorschriften, wie viel Zucker überhaupt in den Getränken noch enthalten sein darf.

Allerdings befürworten nur 19 Prozent der Bevölkerung eine Zusatzsteuer auf zucker-, salz- und fetthaltige Lebensmittel, wie eine von der Getränkebranche in Auftrag gegebene Studie des Meinungsforschungsinstituts GFS zeigt. Mit 65 Prozent ist die klare Mehrheit gegen Gesetze. Sie setzt stattdessen auf die eigenständige Entscheidung der Konsumenten. Immerhin 28 Prozent sind allerdings für einen weitaus radikaleren staatlichen Eingriff, nämlich für das Verbot «von ungesunden Lebensmitteln». Ebenso fast ein Drittel spricht sich laut der Studie für den «Verzicht auf die Genussmittelproduktion» aus.

Das Zucker-Paradox

Die Crux für die Industrie ist, dass Zucker zwar schädlich ist, aber gut schmeckt. «Beim Geschmack aber können wir keinen Kompromiss eingehen, denn dann konsumieren die Leute keine Softdrinks mehr», sagt Schneider. Deswegen lässt sich der Zuckeranteil nur nach und nach zurückfahren. Coca-Cola benötigte die letzten zehn Jahre, um den Zuckergehalt um durchschnittlich acht Prozent zu senken. Noch immer ist die Firma die zweitgrösste Abnehmerin von Schweizer Zucker.

«Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel, sondern nur gesunde oder ungesunde Lebensweisen», sagt Schneider. Die Einführung von Ernährungskunde in der Schule sei deswegen ein guter Ansatz. Dies fordert laut der Studie auch die Mehrheit der Befragten. Sie wünschen sich ebenso weitere allgemeine Aufklärungskampagnen und mehr öffentliche Sportanlagen.

Schrumpfender Umsatz

Die Studie zeigt auch, dass bei über einem Drittel der Befragten das Interesse an Ernährung und Bewegung sehr gross ist. «Das ist durchaus ein Trend, über den wir uns Gedanken machen müssen», sagt Schneider. Die Softdrinkhersteller setzen auf eine breite Getränkeauswahl, was etwa die Einführung von Coca-Cola Life mit einem Anteil an Stevia gezeigt hat. Bei den traditionellen Limonaden soll der Zucker sukzessive reduziert werden.

In den vergangenen Jahren griffen die Schweizer ohnehin weniger zu Softdrinks. Im Gegensatz zu Mineralwasser sank der Verbrauch von über 640 Millionen Liter vor drei Jahren auf knapp 595 Millionen 2014. Nicht eingerechnet sind Eistee, Fruchtsäfte, Nektare, Energydrinks und isotonische Getränken. Wertmässig beläuft sich der Umsatz der Branche auf rund eine halbe Milliarde Franken.

Bea Heim*, drängen Sie als Gesundheitspolitikerin auf ein Anti-Zucker-Gesetz?

Wer weniger «versteckten» Zucker zu sich nimmt, lebt gesünder. Und kann mehr echte Süssigkeiten zu sich nehmen, weil die Gesamtbilanz stimmt. Dieses Bewusstsein müssen wir wieder schärfen. Ein Gesetz bringt da nichts. Ich finde den Ansatz von Bundesrat Berset richtig, zusammen mit der Industrie in diese Richtung zu arbeiten.

Dann läuft alles in die richtige Richtung?

Das kann man so nicht sagen, aber einiges schon. Ich sehe auf der einen Seite die Fastfood-Unkultur, die gepaart mit Bewegungsarmut ernsthafte gesundheitliche Probleme generiert. Anderseits nehme ich wahr, wie viele Menschen jeden Alters den Wert einer bewussten Ernährung (wieder-)entdecken. Und das durchaus lustvoll.Dieses Wissen müssen wir fördern und vor allem auf den «versteckten» Zucker hinweisen, der uns vielerorts unnötigerweise untergejubelt wird.

Also ist doch ein Gesetz nötig?

Ich bin skeptisch. Der «Zuckerrappen» tönt zwar verführerisch wie eine Schwarzwäldertorte, wäre aber organisatorisch schwer umzusetzen und ein bürokratisches Monster ohne wirklichen Nutzen unter dem Strich.

*Bea Heim ist SP-Nationalrätin

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