22.06.2020 07:42

Dr. KI

Software von Zuger (26) revolutioniert Brustkrebsfrüherkennung

Radiologen müssen täglich Unmengen von Bildern bewerten. Das Start-up von Jonas Muff aus Cham will ihnen Arbeit abnehmen – und so das Leben vieler Frauen retten.

von
Fee Anabelle Riebeling
1 / 14
Brustkrebs ist mit jährlich rund 6200 Diagnosen die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen in der Schweiz.

Brustkrebs ist mit jährlich rund 6200 Diagnosen die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen in der Schweiz.

Getty Images/iStockphoto
Wird der Tumor früh erkannt, sind die Heilungschancen sehr gut. (Im Bild: Eine Patientin bei der Mammografie.)

Wird der Tumor früh erkannt, sind die Heilungschancen sehr gut. (Im Bild: Eine Patientin bei der Mammografie.)

ullstein bild via Getty Images
Das von Jonas Muff (26) aus Cham gegründete Start-up Vara Healthcare will mit der gleichnamigen Software dafür sorgen, dass das auf viel mehr Frauen zutrifft. (Im Bild: Muff (links) mit seinem Kom­pa­g­non Stefan Bunk.)

Das von Jonas Muff (26) aus Cham gegründete Start-up Vara Healthcare will mit der gleichnamigen Software dafür sorgen, dass das auf viel mehr Frauen zutrifft. (Im Bild: Muff (links) mit seinem Kom­pa­g­non Stefan Bunk.)

Vara Healthcare

Darum gehts

  • Wenn ein Tumor in der Brust früh erkannt wird, sind die Heilungsaussichten sehr gut.
  • Eine neue Software soll dafür sorgen, dass das auf viel mehr Frauen zutrifft. Entwickelt hat sie das Start-up des Schweizers Jonas Muff.
  • Das System wertet mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) die Bilder von Brust-Screenings aus und unterstützt so die Radiologen.
  • Dadurch soll die Zahl der Fehleinschätzungen reduziert und die Brustkrebsvorsorge verbessert werden.
  • Das Interesse an dem Produkt ist gross: Investoren sprachen der Firma bereits 7 Millionen Franken zu.

Brustkrebs – auch Mammakarzinom genannt – ist mit Abstand die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen (siehe Box). Wird diese früh erkannt, sind die Heilungschancen sehr gut: Innerhalb der ersten fünf Jahre liegt die Überlebensrate bei 99 Prozent.

Das Problem: «Etwa 25 Prozent der Krebse werden bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht erkannt», so Jonas Muff. Das will das vom 26-jährigen Chamer gegründete Start-up Vara Healthcare ändern.

Brustkrebs in der Schweiz

Pro Jahr erkranken in der Schweiz rund 6200 Frauen und etwa 50 Männer an Brustkrebs. Obwohl das Risiko dafür nach dem 50. Lebensjahr deutlich ansteigt, trifft die Krankheit auch jüngere Frauen: Laut Krebsliga sind 20 Prozent aller Patientinnen zum Zeitpunkt der Diagnose jünger als 50 Jahre. Familiäre Belastung, erbliche Veranlagung wie die so genannten BRCA-Mutationen, der Einfluss von Hormonen, Strahlentherapien, Übergewicht, Alkohol und Rauchen gelten als Risikofaktoren, die das Brustkrebsrisiko erhöhen können.

Bessere Vorsorge dank künstlicher Intelligenz

Die Firma mit Sitz in Berlin hat ein Verfahren entwickelt, das mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) Radiologen beim Erkennen von Brustkrebs helfen soll. Dies, indem es selbstständig auffällige Aufnahmen von unauffälligen unterscheidet (siehe Box). Bisher werden die während der Mammografie gemachten Aufnahmen jeweils von zwei Ärzten begutachtet. Das kostet viel Zeit und Geld. «Für die Radiologen ist es zudem äusserst repetitiv und ermüdend», erklärt Muff. Das könne zu Fehldiagnosen führen.

Jonas Muff (26) kommt ursprünglich aus Cham. 2018 gründete er das Start-up Vara Healthcare, das seinen Sitz in Berlin hat.

Jonas Muff (26) kommt ursprünglich aus Cham. 2018 gründete er das Start-up Vara Healthcare, das seinen Sitz in Berlin hat.

Vara Healthcare

Hier soll die neue Software Abhilfe schaffen. Anders als bei ähnlicher KI-Software, an der unter anderem Google arbeitet, soll das Programm aber nicht auffällige Befunde erkennen. Vielmehr soll es «gesunde Fälle aussortieren». Dieser Ansatz sei bewusst gewählt worden, sagt Muff. Denn «97 Prozent der Bilder von Brustkrebs-Screenings zeigen keine Auffälligkeiten, nur drei Prozent werden zur genaueren Prüfung weitergeleitet, wobei sich der Verdacht nur bei einem geringen Anteil auch bestätigt».

Dass die Software die unauffälligen Befunde aussortiert, hat den Vorteil, dass sich die Radiologen intensiver um die auffälligen kümmern können. Dadurch werde die Diagnose verbessert, so der 26-Jährige. Wer sich tagein, tagaus so viele normale Studien ansehen müsse, übersehe die tatsächlich krebsverdächtigen Fälle leichter. Davon profitieren am Ende die Patientinnen.

So lernte die KI

Das System musste zunächst lernen, Mammografie-Aufnahmen zuverlässig zu beurteilen. Dafür trainieren Jonas Muff und seine Kollegen es mit einem einem riesigen Datensatz von mehr als zwei Millionen realen Bildern, Befunden und Gewebeproben. «Wie einem Baby mussten wir ihm erst mal alles beibringen», so Muff. Zunächst konfrontierte das Team das System mit Beispielen, von denen bekannt war, ob es sich dabei um Krebs handelte oder nicht. «Das teilten wir ihm dann jeweils mit. Dadurch lernte Vara, sicher zu unterscheiden.» Am Ende erfolgte eine Art Blindtest, in dem das so erlernte Wissen abgefragt wurde.

Rund sieben Millionen Franken zugesprochen

Den Menschen ersetzen soll Vara nicht, «sondern ergänzen und produktiver machen». Das letzte Wort haben immer die Radiologen. So wertet das System nicht nur Bilder aus, sondern füllt auch den für jede untersuchte Frau nötigen Bericht aus. Dieser wird dem Radiologen zugestellt, der ihn absegnen muss. Ist sich das System einmal unsicher, wird der Befund als potenziell verdächtig gekennzeichnet.

Die Innovation des Chamers kommt gut an. Nicht nur hat die Software bereits das CE-Kennzeichen erhalten, in Deutschland ist sie bereits im Rahmen einer Pilotphase im Einsatz. Auch in der Schweiz konnte schon der erste Vertrag mit einem Entwicklungspartner abgeschlossen werden. Um wen es sich dabei handelt, möchte Muff noch nicht verraten.

Weiterer Erfolg: Investoren sprachen der Firma insgesamt umgerechnet 7 Millionen Franken zu. Mit diesen soll nun die Kommerzialisierung des Produkts vorangetrieben werden – damit in Zukunft mehr Frauen geholfen werden kann.

Wissen-Push

Abonnieren Sie in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Sie werden über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhalten Sie Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.
Und so gehts: Installieren Sie die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippen Sie rechts oben auf das Menüsymbol, dann auf das Zahnrad. Wenn Sie dann nach oben wischen, können Sie die Benachrichtigungen für den Wissen-Kanal aktivieren.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
3 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Herr Bröutigam

22.06.2020, 07:55

es geht um KI das gibt es schon lange.