Aktualisiert

Drama bei KundusSogar 125 Tote bei NATO-Luftangriff

Bei dem von der deutschen Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastwagen in Nordafghanistan sind nach ersten Erkenntnissen eines NATO-Untersuchungsteams etwa 125 Menschen ums Leben gekommen.

Das wären weit mehr als die von der Bundeswehr genannten 56 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Opfer seien nach Einschätzung des NATO-Teams keine Taliban gewesen, berichtete die «Washington Post» am Sonntag.

Wie die «Washington Post» weiter berichtete, fiel die Entscheidung der Bundeswehr, den Luftschlag anzuordnen, zum grossen Teil aufgrund der Einschätzung eines einzigen Informanten.

Auf Luftaufklärungsbildern seien etwa 100 Menschen rund um die entführten Tanklaster zu sehen gewesen, berichtete die Zeitung. Ein Informant habe der Bundeswehr dann berichtet, es handle sich dabei ausschliesslich um Aufständische. Daraufhin sei der Befehl zum Angriff erteilt worden und je eine 500-Pfund-Bombe sei auf die Tanklaster abgeworfen worden.

Ein «Washington Post»-Reporter, der mit dem Erkundungsteam reisen durfte, berichtete auch von mehreren verletzten Dorfbewohnern, darunter ein 10-jähriger Junge. Sie seien teils von den Taliban gezwungen worden, dabei zu helfen, die im Schlamm feststeckenden Tanker wieder freizubekommen, teils seien sie aus Neugier angerannt gekommen.

Zuvor hatte der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, der Nachrichtenagentur AFP gesagt, bei dem Vorfall am Freitag kamen insgesamt 54 Menschen ums Leben, darunter sechs Zivilisten. Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung bekräftigte in der «Bild am Sonntag», dass «ausschliesslich terroristische Taliban» getötet worden seien.

Kommunikationsproblem bei Luftangriff

Nun soll untersucht werden, inwieweit Kommunikationsprobleme zwischen Bundeswehrsoldaten und den US-Streitkräften eine Rolle gespielt haben. Die geplante Untersuchung der Militäraktion müsse auch der Frage möglicher Sprachbarrieren zwischen den deutschen Kommandeuren in Kundus und den amerikanischen Piloten der eingesetzten Flugzeuge nachgehen, sagte US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von NATO-Kommandeur Stanley McChrystal.

Es sei noch nicht entschieden, welche Nation die Untersuchung leiten solle. Geplant sei auch die Mitwirkung afghanischer Behördenvertreter.

«Man kann nur Schatten sehen»

Nach der Anforderung von Luftunterstützung durch die Bundeswehr traf nach Angaben der NATO zuerst ein amerikanischer B-1-Bomber ein, dessen Besatzung die beiden entführten Tanklastwagen und Dutzende Personen in deren Umgebung sah. Die B-1 musste wegen Treibstoffmangels zu ihrem Stützpunkt zurückkehren. Etwa 20 Minuten später trafen zwei US-Kampfflugzeuge des Typs F-15E ein, deren Besatzung Videoaufnahmen zum deutschen Stützpunkt funkte. Etwa eine halbe Stunde nach der Ankunft der beiden F-15-Maschinen wurden dann Bomben auf die Tanklastzüge geworfen. Die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen, sagte Smith. «Man kann nur Schatten sehen.» (sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.