San Pedro, Bolivien: «Sogar die Katze war Crack-abhängig»
Aktualisiert

San Pedro, Bolivien«Sogar die Katze war Crack-abhängig»

San Pedro gilt als eines der berüchtigsten Gefängnisse der Welt. Der Australier Rusty Young verbrachte hier freiwillig vier Monate. 20 Minuten erzählt er davon.

von
C. Freigang
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Viele Insassen des San Pedro-Knasts in La Paz sind drogenabhängig. Als der Australier Rusty Young im Jahr 2000 vier Monate freiwillig hinter Gittern lebte, gab es dort sogar eine Crack-süchtige Katze.

Viele Insassen des San Pedro-Knasts in La Paz sind drogenabhängig. Als der Australier Rusty Young im Jahr 2000 vier Monate freiwillig hinter Gittern lebte, gab es dort sogar eine Crack-süchtige Katze.

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Der Engländer Thomas McFadden sass zwischen 1996 und 2000 in San Pedro ein. Er hatte versucht, fünf Kilo Koks zu schmuggeln. Im Gefängnis fing er an, Touristengruppen zu leiten - mit grossem Erfolg. Die San-Pedro-Touren galten lange Jahre als grösste Attraktion in La Paz.

Der Engländer Thomas McFadden sass zwischen 1996 und 2000 in San Pedro ein. Er hatte versucht, fünf Kilo Koks zu schmuggeln. Im Gefängnis fing er an, Touristengruppen zu leiten - mit grossem Erfolg. Die San-Pedro-Touren galten lange Jahre als grösste Attraktion in La Paz.

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Auch der damals 24-jährige Australier Rusty Young besuchte das Gefängnis. Dort freundete sich der Jura-Student mit McFadden an und beschloss, vier Monate in San Pedro zu verbringen und ein Buch über das berüchtigte Gefängnis zu schreiben.

Auch der damals 24-jährige Australier Rusty Young besuchte das Gefängnis. Dort freundete sich der Jura-Student mit McFadden an und beschloss, vier Monate in San Pedro zu verbringen und ein Buch über das berüchtigte Gefängnis zu schreiben.

Simone Camilleri

Restaurants, Jacuzzis, Kokain-Küchen: San Pedro in Boliviens Hauptstadt La Paz ist der höchste (3600 M. ü. M.) Knast der Welt. Der Australier Rusty Young kam 2000 als Rucksack-Tourist nach La Paz und machte bei einer Gefängnistour durch San Pedro mit.

Dort traf er den Briten Thomas McFadden, der 1996 wegen Schmuggelns von fünf Kilo Koks zu viereinhalb Jahren verurteilt wurde. Sie freundeten sich an und Young beschloss, selbst vier Monate in San Pedro zu verbringen und ein Buch über diese Parallelwelt zu schreiben. 20 Minuten sprach mit ihm über die Erfahrung.

Wie war das, als du San Pedro zum ersten Mal betratst?

Ich war ziemlich nervös. Als ich durch das Haupttor kam, klopften die Insassen an den Gittern, versuchten mir Drogen zu verkaufen oder mich zu einer Tour durch den Knast zu überreden. Dann nahmen mir die Polizisten den Pass ab und schubsten mich in den Innenhof. Mein Herz raste, als ich hörte, wie das Tor hinter mir zuschlug. Dann war mein erster Gedanke: Wo sind überhaupt die Gefangenen? In San Pedro trägt niemand Gefängniskleider, Insassen laufen frei herum, überall sind Frauen und Kinder, Katzen und Hunde. Es ist wie in einem kleinen Dorf: Es gibt Restaurants, einen Coiffeur, einen Arzt, eine Apotheke, Läden und grosse Coca-Cola-Werbetafeln.

Ist es dort sicher für die Frauen und Kinder?

2000 war es relativ sicher für sie. Einmal beobachtete ich eine Prügelei zwischen drei Insassen. Plötzlich lief ein kleines Mädchen vorbei. Die Männer erstarrten – bis das Kind vorbeigegangen war. Dann flogen wieder die Fäuste. Heute ist die Situation angespannter: Während damals rund 150 Familien mit 250 Kindern in San Pedro lebten, sind es heute rund 2500 Menschen – mit einem entsprechend höheren Anteil an Kindern. 2013 gab es zudem Berichte, dass ein 12-jähriges Mädchen schwanger gewesen sei. Ein Verwandter soll sie vergewaltigt haben. Die Behörden kündigten daraufhin an, das Gefängnis zu schliessen. Passiert ist nichts.

Wie sehen die Zellen aus?

Die meisten Insassen kaufen ihre Zellen. Es herrscht quasi ein freier Wohnungsmarkt wie draussen auch. Reichere Gefangene besitzen mehrere Zellen und vermieten diese. Der Standard der Unterkünfte variiert stark – vom zweistöckigen Luxusapartment bis zur Zelle, in der fünf Insassen praktisch aufeinander schlafen. Diese nennt man auch Särge. Ich lebte mit Thomas in einer Vier-Sterne-Zelle, die er für den einmaligen Betrag von rund 2000 US Dollar (umgerechnet rund 1943 Franken) gekauft hatte. Diese sah aus wie eine Studenten-Bude: Thomas hatte ein Bett, einen Fernseher, Poster an den blaugestrichenen Wänden, einen Kühlschrank, einen kleinen Gaskocher. Das Badezimmer teilten wir uns mit den anderen Insassen. Reichere Gefangene haben oft ihre eigenen Bäder.

Was war das Verrückteste, das du in San Pedro gesehen hast?

Es gab einen Häftling, Dante Escobar. Er sass wegen Raubs in grossem Stil. Escobar hatte einen Jacuzzi in seiner Zelle und eine voll ausgestattete Bibliothek. Dann war da noch die Sache mit den Frauen: Einige Insassen hatten während Besuchszeiten weiblichen Besuch, für den sie zahlten.

Und was war das Schönste, das du erlebt hast?

Einer der Insassen hatte über Monate hinweg Besuch von einer Freundin. Die beiden verliebten sich und heirateten in San Pedro. Nach der Trauung zog die Frau zu ihm in den Knast und gebar zwei Kinder. Es berührte mich sehr, ihre Liebesgeschichte mitzuerleben. Es war ein grosses Opfer der Frau, zu einem verurteilten Kriminellen zu stehen.

Dann gab es noch Padre Felipe Clemente, einen italienischen Priester. Er richtete einen Kindergarten im Gefängnis ein, mit dem Geld der deutschen und italienischen katholischen Kirche. Das war wichtig für die vielen Kinder, die vor ihrer Einschulung kaum etwas zu tun hatten.

Das beste Kokain Boliviens soll aus San Pedro kommen. Wieso?

Die meisten Insassen sind wegen Drogendelikten im Knast. Drogenherstellung und -handel sind ihr Job, den sie im Knast weiterführen. Viele können gar nichts anderes.

Konsumierten die Insassen auch selbst Drogen?

Ja, natürlich. Es gab sogar eine Katze, die süchtig nach Crack war. Wir nannten sie «crack cat». Sie setzte sich jeweils auf den Bauch ihres Besitzers, wenn er eine Crack-Pfeife anzündete. Dann inhalierte sie den Rauch und fing an zu schnurren.

Wie läuft der Kokain-Handel hinter Gittern ab?

Tonnen von Waren werden täglich ins Gefängnis gebracht – auch Zutaten für die Kokain-Produktion, zumal Koka-Blätter in Bolivien legal gekauft werden können. Diese werden zerstampft, mit Chemikalien versetzt und wieder hinausgeschmuggelt. Teilweise auf absurde Art: Ich beobachtete einmal einen Vater, der seiner Frau, die zu Besuch war, das Baby überreichte. In der Windel waren die Kokain-Pakete versteckt. Die meisten Wachen schreiten nicht ein, denn sie sind korrupt. Im Übrigen kommen sie nur einmal am Tag – um sieben Uhr früh – ins Gefängnis, um zu sehen, ob alle noch da sind. Den Rest des Tages stehen sie am Eingangstor Wache.

Warst du nach deinem Aufenthalt 2000 noch einmal in San Pedro?

Ich war im Mai noch einmal dort. Es ist mittlerweile um einiges voller, aber sonst ist alles beim Alten. Einige der Insassen erkannten mich sogar und riefen mir zu: «Hey Rusty!»

«Marschpulver» ist seit dem 7. September auf Deutsch erhältlich (Riva, 400 Seiten, 23,90 Franken). Das Buch wird derzeit von Brad Pitts Produktionsfirma verfilmt mit Chiwetel Ejiofor («12 Jahre ein Sklave») in der Hautprolle.

Rusty Young wuchs in Sydney, Australien auf, wo er Finanzwissenschaft und Jura studierte. Nach seinem Aufenthalt im San Pedro-Gefängnis verbrachte er zehn Jahre in Kolumbien, wo er Kindersoldaten des Bürgerkriegs interviewte.

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