Prozess in Hinwil - «Er schüttelte das Baby wie eine Puppe» – Vater streitet Tat ab
Publiziert

Prozess in Hinwil«Er schüttelte das Baby wie eine Puppe» – Vater streitet Tat ab

Ein Vater aus dem Zürcher Oberland soll seinen acht Monate alten Sohn geschüttelt haben. Nun droht ihm eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren.

von
Stefan Hohler
Monira Djurdjevic
1 / 1
Ein 44-jähriger Vater aus dem Zürcher Oberland stand am Dienstag vor Gericht.

Ein 44-jähriger Vater aus dem Zürcher Oberland stand am Dienstag vor Gericht.

Facebook

Darum gehts

  • Ende Juli 2019 soll ein Vater in seiner Wohnung seinen Sohn geschüttelt haben.

  • Der Säugling ist einige Tage später im Kinderspital verstorben.

  • Er ist wegen Tötung angeklagt. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren.

Ein besonders tragisches Tötungsdelikt kam am Dienstag vor Gericht. Ein Vater wird beschuldigt, seinen achtmonatigen Sohn zu Tode geschüttelt zu haben. Zum Vorwurf der vorsätzlichen Tötung sagte der heute 44-jährige Schweizer vor dem Bezirksgericht Hinwil: «Das ist reine Behauptung und stimmt nicht.» Zum Sachverhalt wollte sich der Beschuldigte nicht äussern. «Ich habe bereits der Staatsanwaltschaft alles gesagt.»

Der nicht geständige Vater war rund eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft. Er ist inzwischen wieder auf freiem Fuss und von seiner Ehefrau getrennt. Wie er vor Gericht sagt, lebt er seit seiner Haftentlassung im Februar bei seinem Vater. Im März habe er eine neue Arbeitsstelle angetreten. «Ich will das Vergangene aufarbeiten und mein Leben in geordnete Bahnen bringen.»

Die Tat hatte sich Ende Juli 2019 im Zürcher Oberland ereignet. Laut Anklageschrift hatte der heute 44-Jährige in seiner Wohnung den Säugling mit beiden Händen kräftig am Brustkorb gepackt und geschüttelt. Dabei wurde der Kopf des acht Monate alten Kindes mehrere Male nach vorne und hinten geschleudert. Es erlitt durch die heftigen Schüttelbewegungen eine Hirnblutung und in der Folge eine Atemlähmung. Das Kind verstarb einige Tage später im Kinderspital Zürich.

Bereits vorher gewalttätig

Schon zuvor soll der Vater mehrmals das Baby mit beiden Händen am Körper gepackt, gedrückt oder geschüttelt haben. In der Anklageschrift sind fünf weitere Vorfälle beschrieben. In zwei Fällen schüttelte er das Baby ebenfalls, in zwei Fällen drückte er es kräftig und brach ihm insgesamt drei Rippen. Zudem soll er dem Baby einen kräftigen Schlag gegen den Arm versetzt haben, so dass es den linken Unterarmknochen brach.

Für den zuständigen Staatsanwalt Adrian Kaegi ist der Fall bezüglich der Anzahl der Vorfälle als auch der Schwere der lebensgefährlichen Kopfverletzungen erschreckend. «Die wiederholten Gewaltanwendungen waren hemmungslos und brutal, so als wäre der Säugling eine Puppe.» Laut Kaegi sind die Aussagen des Beschuldigten massiv widersprüchlich. «Es handelt sich um reine Schutzbehauptungen.» Weshalb es zu den Gewaltexzessen kam, werde man wohl nie erfahren, so Kaegi.

Auch die Frage, warum der Beschuldigte den Notruf nicht alarmierte, als der schwerverletzte und kreidebleiche Säugling zuckte und seine Augen verdrehte, bleibe offen. «Der Angeklagte wartete, bis seine Ehefrau am Abend von der Arbeit nach Hause kam.» Die Mutter habe schliesslich den Notruf alarmiert. Ein paar Tage nach der Einlieferung ins Spital verstarb der Säugling. Der Beschuldigte wird der vollendeten und versuchten vorsätzlichen Tötung und einfachen Körperverletzung beschuldigt. Der Staatsanwalt verlangt eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren.

«Es bleiben viele offene Fragen»

Die Mutter des verstorbenen Säuglings trat als Nebenklägerin im Prozess auf. Laut ihrem Anwalt leidet sie noch heute unter dem Verlust ihres Kindes und befindet sich in Therapie. Der Angeklagte sei schuldig zu sprechen und angemessen zu bestrafen. Für seine Mandantin fordert er einen Schadenersatz und eine Genugtuung in Höhe von 60’000 Franken sowie eine Entschädigung der Anwaltskosten.

Die Strafverteidigerin fordert hingegen einen Freispruch. Die Strafuntersuchung sei durch die Staatsanwaltschaft nachlässig geführt, die Krankengeschichte des Säuglings nicht gänzlich berücksichtigt worden. «Es bleiben viele offene Fragen», sagte die Strafverteidigerin am Dienstag. So sei der Säugling von der Rechtsmedizinerin bei der Obduktion als regulär geborenes und gesundes Baby betrachtet worden. Die durch die Frühgeburt gesundheitliche Vorbelastung des Säuglings sei kein Thema gewesen. «Bei Hirnblutungen gleich von einem Schütteltrauma zu sprechen, ist am einfachsten.»

Wann das Gericht ein Urteil fällt, ist noch unklar.

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung