Ausschreitungen in Jerusalem - «Solche Brutalität habe ich noch nie erlebt»
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Ausschreitungen in Jerusalem«Solche Brutalität habe ich noch nie erlebt»

Die Spannungen zwischen Israeli und Palästinensern eskalieren immer weiter. Die Stimmung sei sehr angespannt, sagen Helfer vor Ort.

von
Noah Knüsel
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«Solche Brutalität habe ich noch nie erlebt», sagt der Einsatzleiter Ely Sok von der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen». 

«Solche Brutalität habe ich noch nie erlebt», sagt der Einsatzleiter Ely Sok von der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen». 

Medecins sans frontieres
Nach Ausschreitungen auf dem Tempelberg in Jerusalem gibt es seit dem Wochenende Raketenangriffe der radikalislamischen Hamas und Gegenschläge der Israeli. Über 600 Raketen wurden seit Montag aus Gaza abgefeuert, einige trafen auch Wohnhäuser und eine Schule. Die Hamas drohte zudem, auch die israelische Grossstadt Tel Aviv unter Beschuss zu nehmen.

Nach Ausschreitungen auf dem Tempelberg in Jerusalem gibt es seit dem Wochenende Raketenangriffe der radikalislamischen Hamas und Gegenschläge der Israeli. Über 600 Raketen wurden seit Montag aus Gaza abgefeuert, einige trafen auch Wohnhäuser und eine Schule. Die Hamas drohte zudem, auch die israelische Grossstadt Tel Aviv unter Beschuss zu nehmen.

Ilia Yefimovich/dpa
Mitten im Geschehen ist Saleh Hijazi. Der 37-Jährige mit palästinensischen Wurzeln leitet das Regionalbüro von Amnesty International in Ost-Jerusalem. 

Mitten im Geschehen ist Saleh Hijazi. Der 37-Jährige mit palästinensischen Wurzeln leitet das Regionalbüro von Amnesty International in Ost-Jerusalem. 

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Darum gehts

  • In Israel verschlimmert sich die Situation seit Tagen.  

  • «Seit dem Beginn des Ramadan sind die Spannungen immer grösser geworden», sagt ein Menschenrechtsaktivist vor Ort. 

  • Ein medizinischer Helfer sagt zudem, er habe seit er in Israel im Einsatz sei nie solche  Brutalität erlebt. 

  • «Auf beiden Seiten haben sich Feindbilder verfestigt und die Gewalt gehört mittlerweile zum Alltag», sagt ein Experte zum Konflikt

Seit Tagen nimmt die Gewalt in Israel und den besetzten Palästinensergebieten immer mehr zu: Nach Ausschreitungen auf dem Tempelberg in Jerusalem gibt es seit dem Wochenende Raketenangriffe der radikalislamischen Hamas und Gegenschläge der Israeli. Nachdem israelische Luftschläge ein Hochhaus in Gaza zum Einsturz gebracht hatten, feuerte die Hamas über 1000 Raketen in Richtung Tel Aviv ab und tötete damit mehrere Personen. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, die Militärschläge gegen die Hamas würden deshalb die nächsten Stunden und Tage andauern. Internationale Politiker riefen beide Seiten zur Zurückhaltung auf. 

Mitten im Geschehen ist Saleh Hijazi. Der 37-Jährige mit palästinensischen Wurzeln leitet das Regionalbüro von Amnesty International in Ost-Jerusalem. Zudem ist er Mitglied im palästinensischen Netzwerk «Al-Shabaka», das laut eigenen Angaben «die öffentliche Debatte rund um die Menschenrechte der Palästinenser unterstützen» will. 20 Minuten erreicht Hijazi in Ramallah, das im besetzten Palästinensergebiet liegt. «Die Stimmung ist sehr angespannt», sagt er. «Seit dem Beginn des Ramadan sind die Spannungen immer grösser geworden.» 

Das ist in den letzten Tagen in Israel passiert

Freitag, 7. Mai: Der letzte Freitag des Ramadan ist für Muslime ein wichtiger Tag. Schon vorher war es immer wieder zu Zusammenstössen gekommen, weil dutzenden Palästinenserinnen und Palästinensern in Ost-Jerusalem eine Räumung ihrer Wohnung droht. Sie führen seit langem einen Rechtsstreit gegen israelische Siedler, die versuchen, dort Immobilien zu übernehmen. Am Freitag eskalierten die Proteste dann, wobei 178 Palästinenser und 6 israelische Polizisten verletzt wurden.

Montag, 10. Mai: Auch in der Nacht auf Montag kam es zu Ausschreitungen auf dem Tempelberg, bei denen wiederum dutzende Palästinenser verletzt wurden. In der Stadt Lod südöstlich von Tel Aviv kam es zudem am Abend zu Unruhen, bei denen gemäss dem Bürgermeister palästinensische Jugendliche Molotov-Cocktails geworfen hätten.

Dienstag, 11. Mai: Zwei israelische Frauen wurden durch Raketen aus Gaza getötet. Als Reaktion darauf griff die israelische Armee 130 militärische Ziele im Küstenstreifen an. Laut der israelischen Armee wurden bislang mehr als 1000 Raketen auf Israel abgefeuert, mehrere Menschen seien ums Leben gekommen. Die Palästinenser meldeten 28 Tote, darunter neun Kinder. Beim israelischen Militär dagegen hiess es, mindestens 16 der Toten seien Hamas-Kämpfer gewesen. 

Gummischrot, Tränengas und Schläge

Auch die medizinische Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» ist in Israel und Palästina präsent. In den letzten Tagen habe man über 200 Patienten behandelt, wie Einsatzleiter Ely Sok sagt: «Es gab dabei vermehrt palästinensische Frauen und sogar Kinder mit Gummischrot-Verletzungen.» Zudem hätten viele Personen Verletzungen von Tränengas-Granaten oder seien von Sicherheitskräften geschlagen worden, so der Franzose. Auch Ambulanzen seien blockiert worden, sodass diese nicht zu den Verletzten vordringen konnten. Nach Angaben eines israelischen Militärsprechers starben in Israel bislang fünf Menschen durch Raketenbeschuss. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza starben seit Montag 35 Palästinenserinnen und Palästinenser, verletzt wurden über 200 Personen. 

«Solche Brutalität habe ich noch nie erlebt, seit ich hier bin», sagt Sok. Und auch erfahrene Kollegen von ihm seien schockiert: «Sie erzählen, sie hätten seit Jahren nicht mehr solche Szenen gesehen.»

Hijazi fordert: «Die internationale Gemeinschaft muss klar Position beziehen.» Länder wie die Schweiz könnten da eine Schlüsselrolle spielen. Sonst könne auch der Konflikt nicht gelöst werden: «Auch wenn sich die Lage wieder etwas beruhigt: Über kurz oder lang sind wir wieder in derselben Situation.»

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