Aktualisiert 01.10.2018 05:39

Cashewnüsse knacken

Solche Jobs stecken hinter dem Fairtrade-Label

Das Knacken von Cashewnüssen in Afrika von Hand ist höchst monoton. Sonst aber landen die Nüsse zur Verarbeitung in Asien.

von
Isabel Strassheim, Bobo-Dioulasso

Immer dieselbe Handbewegung: Das Knacken von Cashewnüssen bei der Schweizer Fairtradefirma Gebana in Burkina Faso. (Video: Isabel Strassheim)

Es geht zu wie in einer Manufaktur in Europa um 1750: Arbeiterinnen sitzen an Tischen aus Metall und knacken mit derselben Handbewegung an einem Schneideapparat Cashewnüsse. Andere entfernen die Schalen nur mit Hilfe einer spitzen Ahle. Einen Stock höher pulen Arbeiterinnen stundenlang mit kleinen Messern die Häutchen von den Nüssen. Auch nach Grösse werden die Nüsse, die als Fairtrade-Produkt in Europa verkauft werden, von Hand sortiert.

Die Produktion der Schweizer Fairtrade-Firma Gebana ist im westafrikanischen Burkina Faso angesiedelt – dort, wo die Cashewnüsse auch wachsen. Der Vorgang ist vorindustriell und monoton. Die Alternative wäre, die Nüsse aus Afrika, die europäische Konsumenten kaufen, zum Knacken und Sortieren nach Asien zu schicken.

Von Afrika nach Asien und dann nach Europa

In Westafrika wachsen zwar die meisten Cashewnüsse weltweit, doch Vietnam ist global der grösste Cashew-Verarbeiter. Dort läuft die Produktion mit Maschinen und kommt mit weniger Handarbeit aus. Deshalb ist sie etwas günstiger, was für die Händler und Supermärkte entscheidend ist.

Gerade weil es die Verarbeitung vor Ort in Afrika praktisch nicht mehr gibt, investiert Gebana dort. Die Nüsse sollen nicht Tausende Kilometer hin- und hergeschickt werden müssen, bevor sie gegessen werden. Und weil auch in Entwicklungsländern wie Burkina Faso Arbeitsplätze und ein grösserer Anteil an der Wertschöpfung entstehen sollen.

Kaum eine Arbeiterin kann lesen und schreiben

«Die Cashew-Verarbeitung ist traditionell ein Frauenjob und es bewerben sich enorm viele», sagt Linda Dörig, Chefin von Gebana Burkina Faso, zu 20 Minuten. Im Land können 95 Prozent der Frauen weder lesen noch schreiben und suchen nach einfachen, aber sicheren Jobs. Dabei reicht ihr Lohn auch bei Gebana für eine Familie oft nicht zum Leben. Die meisten Arbeiterinnen erhalten zwar deutlich mehr als den Mindestlohn in Burkina Faso (umgerechnet rund 62 Franken im Monat). Aber anders als in der Schweiz entsprechen Mindestlöhne in Entwicklungs- und Schwellenländern kaum dem Existenzminimum.

Das Label Max Havelaar will zwar Existenzlöhne durchsetzen. Das gilt aber lediglich für die Kleinbauern und Feldarbeiter, für die Weiterverarbeitung bislang nicht – dort müssen lediglich die staatlichen oder branchenüblichen Mindestlöhne gezahlt werden. «Wenn Fairtrade die ganze Lieferkette im Fokus hätte, würde dies die Produkte weiter verteuern», erklärt Max-Havelaar-Sprecher Patricio Frei. Die grösste Herausforderung sei ganz klar der Preis- und Margendruck in der Lieferkette.

Existenzlöhne als Ziel

Das heisst übersetzt: Händler, Supermarktketten und auch die Konsumenten wollen so wenig wie möglich zahlen. «Es ist aktuell schwierig, mehr Lohn zu bezahlen, der Kostenunterschied zu Asien wäre dann noch grösser», erklärt Gebana-Chefin Dörig. Die Firma will dennoch weiter gehen, als das Fairtrade-Label vorschreibt: «Unser erklärtes Ziel sind Existenzlöhne auch in der Verarbeitung.»

Die Cashewknack-Jobs in Burkina Faso sind aber auch so sehr begehrt. Denn sie bieten etwas, was es in Burkina Faso für Menschen ohne Schulausbildung so gut wie gar nicht gibt: eine feste Anstellung sowie Sozial- und Unfallversicherung.

Dazu kommen eine firmeninterne Krankenstation, Kinderkrippe sowie bezahlter Mutterschaftsurlaub.

Der Artikel enstand nach einer Medienreise von Gebana nach Burkina Faso.

Wo lassen Migros und Coop die Cashews knacken?

Migros (mit ihrem Industrieunternehmen Delica) bezieht ihre Bio- und Fairtrade zertifizierten Cashews nach eigenen Angaben je nach Verfügbarkeit aus Vietnam, Indien und Westafrika. Die Cashews werden demnach im jeweiligen Land auch verarbeitet. Für Nicht-Bio Nüsse gilt dies jedoch nicht.

Coop

Bei Coop werden auch die meisten Nicht-Bio-Cashewnüsse gleich vor Ort verarbeitet, um lange Transporte zu vermeiden, so der Detailhändler. Seit Anfang 2017 beteiligt Coop sich an einem Fairtrade-Cashew-Projekt im westafrikanischen Benin. (ISH)

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