Aktualisiert 07.12.2010 16:20

Pisa-Untersuchung

«Solche Studien schaden dem Land»

Das Resultat der Pisa-Studie wird in der Schweiz positiv bewertet. Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger indes hält nichts von solchen Vergleichen.

von
Antonio Fumagalli

20 Minuten Online: Sie gehen äusserst hart ins Gericht mit der Pisa-Studie. Wo liegt das Problem?

Matthias Binswanger: Bildungsvergleiche wie die Pisa-Studie haben ein hehres Ziel, sie wollen die Qualität der Schule im internationalen Umfeld messen. Viele Fähigkeiten, die einen guten Schüler ausmachen, sind aber schlicht nicht messbar. Bei internationalen Vergleichen konzentriert man sich auf objektiv messbare Testresultate, was zu ungeheuren Verzerrungen führt.

Inwiefern?

Man kann Schüler gezielt für solche Studien trainieren. Was bringt es, wenn ein Schüler mechanisch Dreisätze lösen kann, aber nicht verstanden hat, worum es dabei tatsächlich geht? Finnland, das seit der ersten Pisa-Studie in allen Bereichen einen Spitzenplatz belegt, ist ein gutes Beispiel: Laut einem Unicef-Report gehen finnische Jugendliche besonders ungern zur Schule, ernähren sich ungesund und rauchen viel. Erstaunlicherweise stammen sie auch viel häufiger aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ist das die Jugend, die wir für die Zukunft unseres Landes wollen?

Führt dieser «perverse Wettbewerb» auch zu volkswirtschaftlich schädigenden Auswirkungen?

Selbstverständlich. Wir verakademisieren immer mehr Berufe, die man besser «on the job» lernen würde. Relevante praktische Fähigkeiten werden dadurch immer mehr durch irrelevante theoretische Konzepte in den Hintergrund gedrängt. Der internationale Vergleich zeigt es exemplarisch: Die meisten Länder in Europa «produzieren» mehr Maturanden als die Schweiz, gleichzeitig ist die Jugendarbeitslosigkeit aber auch höher – ganz besonders in Finnland. Wenn sich unsere Bildungspolitik also zu sehr nach den Ergebnissen solcher Studien richtet, schaden wir letztendlich der Schweiz.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Sind Sie nicht einfach ein Lästerer, der die von der Studie belohnten Bemühungen der Schweizer Schüler nicht anerkennen will?

Nein, unser Bildungssystem ist im internationalen Vergleich weiterhin gut. Wir müssen aber aufpassen, dass die Lehrer überhaupt noch Zeit haben für ihre Schüler. Sie werden zunehmend durch die überbordende Reformbürokratie absorbiert, die in den letzten Jahren Einzug gehalten hat. Der Pisa-Vergleich ist nicht per se schlecht: Wir dürfen die Ergebnisse der Studie nur nicht als Richtmass für unsere Bildungspolitik nehmen.

Mathias Binswanger

Der Wirtschaftswissenschaftler ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat vor kurzem das Buch «Sinnlose Wettbewerbe - Warum wir immer mehr Unsinn produzieren» veröffentlicht.

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