Pünktlichkeit der SBB: «Solche ‹Taucher› sind nicht ungewöhnlich»
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Pünktlichkeit der SBB«Solche ‹Taucher› sind nicht ungewöhnlich»

Zwischen Bern und Zürich kam es in den letzten Wochen zu mehreren Störungen. Eine kurzfristige Häufung von Verspätungen sei nichts Ungewöhnliches, sagt ein Experte.

von
A. Peterhans
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Mehrere technische Störungen, eine entgleiste Rangierlok, eine Stellwerkstörung und umgeleitete Züge – letzte Woche hatte die SBB am Bahnhof in Bern oder auf der Paradestrecke Zürich-Olten-Bern mit Problemen zu kämpfen.

Mehrere technische Störungen, eine entgleiste Rangierlok, eine Stellwerkstörung und umgeleitete Züge – letzte Woche hatte die SBB am Bahnhof in Bern oder auf der Paradestrecke Zürich-Olten-Bern mit Problemen zu kämpfen.

Keystone
Zurück blieben genervte Pendler und Chaos an den Bahnhöfen. Zahlen untermauern den Frust: Jeder dritte Intercity kam in den letzten vier Wochen verspätet an. Das zeigt eine Statistik von pünktlichkeit.ch. In Fahrtrichtung Bern lag die Pünktlichkeit der Züge bei 61,3 Prozent, in Fahrtrichtung Zürich bei 74,2 Prozent.

Zurück blieben genervte Pendler und Chaos an den Bahnhöfen. Zahlen untermauern den Frust: Jeder dritte Intercity kam in den letzten vier Wochen verspätet an. Das zeigt eine Statistik von pünktlichkeit.ch. In Fahrtrichtung Bern lag die Pünktlichkeit der Züge bei 61,3 Prozent, in Fahrtrichtung Zürich bei 74,2 Prozent.

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Die Pendler mussten sich also in Geduld üben. Damit war die Zuverlässigkeit auf der kostspieligen Strecke in jüngster Zeit stark unterdurchschnittlich. Ansonsten liegt die Pünktlichkeit jeweils bei 80 Prozent.

Die Pendler mussten sich also in Geduld üben. Damit war die Zuverlässigkeit auf der kostspieligen Strecke in jüngster Zeit stark unterdurchschnittlich. Ansonsten liegt die Pünktlichkeit jeweils bei 80 Prozent.

Leser-Reporter/Nicola Heinis

Letzte Woche hatte die SBB am Bahnhof in Bern und auf der Paradestrecke Zürich-Olten-Bern mit Problemen zu kämpfen (20 Minuten berichtete). Zahlen der Website puenktlichkeit.ch, die vom IT-Fachmann Andreas Gutweniger betrieben wird, untermauern den Frust der Pendler: Jeder dritte Intercity kam in den letzten vier Wochen verspätet an.

Herr Gutweniger*, haben Sie eine Begründung für die Verspätungen zwischen Bern und Zürich in den letzten Wochen?

Tatsächlich ist die Pünktlichkeit auf dieser Strecke seit etwa vier Wochen niedriger als sonst üblich. Häufige Ursachen für solche Taucher sind Unterhaltsarbeiten. Diese müssen regelmässig durchgeführt werden, damit es an den anderen Tagen möglichst reibungslos läuft. Auch verbreitet ist das zeitliche Zusammentreffen von einzelnen Störungen, die meist sehr wenig miteinander zu tun haben. Die Details zur aktuellen Situation Bern-Zürich kenne ich zwar nicht, vermute aber, dass beide Punkte eine Rolle spielen.

Hat Sie diese ungewöhnlich hohe Verspätung der letzten Wochen überrascht?

Nein. Eine kurzfristige Häufung von Verspätungen an einzelnen Orten ist überhaupt nicht ungewöhnlich. Es ist, wie wenn sie bei «Eile mit Weile» viermal hintereinander eine eins würfeln: 1. Es ist ärgerlich. 2. Es kann vorkommen. 3. Es ist selten. 4. Je häufiger Sie spielen, desto häufiger passiert es Ihnen. Speziell an der aktuellen Situation ist höchstens, dass besonders viele Reisende betroffen sind, weil Bern-Zürich eine sehr wichtige Verbindung ist.

Grob falsch ist es, aus nur vier Wochen einen «Trend» abzuleiten: dafür muss man einen deutlich längeren Zeitraum auswerten. In den letzten zwei Jahren war die Pünktlichkeit zwischen Bern und Zürich sehr stabil. Die Zahl der ersatzlos ausfallenden Verbindungen hat sogar deutlich abgenommen.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Berechnung von Verspätungen und der SBB-internen Statistik?

puenktlichkeit.ch betrachtet alle Haltestellen schweizweit. Bei der SBB fliessen nur die Werte von ausgewählten, wichtigen Bahnhöfen in die Berechnung ein. Bei puenktlichkeit.ch werden alle Fahrten gleich behandelt. Die SBB gewichtet die Pünktlichkeit mit der Zahl der betroffenen Reisenden. Diese Zahlen stehen mir aber leider nicht zur Verfügung. Die SBB veröffentlicht zudem nur stark zusammengefasste Werte etwa pro Monat oder Jahr. Bei puenktlichkeit.ch kann man die Situation für jeden einzelnen Fahrtabschnitt analysieren – tagesaktuell und bis zur einzelnen Fahrt.

Welche Statistik sagt mehr aus?

Fachleute können stundenlang über die Details der Berechnung streiten. Für die interessierte Öffentlichkeit ist vor allem wichtig, dass die Pünktlichkeitswerte nach einer einheitlichen Methode berechnet werden. puenktlichkeit.ch ist die einzige Quelle, bei der die Pünktlichkeit für alle öV-Unternehmen auf die gleiche Weise ermittelt wird. Das heisst, Sie können dort die Pünktlichkeit der SBB mit jener von BLS, Südostbahn und TPF vergleichen. Oder diejenige zwischen Münsingen und Wichtrach mit jener zwischen Altstätten und Oberriet.

Warum überlassen Sie die Auswertungen nicht der SBB?

puenktlichkeit.ch betreibe ich privat in meiner Freizeit. Ich gebe damit jedem Interessierten die Möglichkeit, die vom öV Schweiz publizierten Rohdaten zu analysieren. Dies schafft Transparenz über einen wichtigen Aspekt der von den Transportunternehmen erbrachten Leistungen. Und es liefert objektive Grundlagen zu einem emotionalen Thema.

*Andreas Gutweniger arbeitet als Senior IT-Consultant bei der Detecon AG und hat dort viel mit der Analyse von komplexen Daten zu tun. puenktlichkeit.ch betreibt er privat.

Andreas Gutweniger arbeitet als Senior IT-Consultant bei der Detecon AG und hat dort viel mit der Analyse von komplexen Daten zu tun. puenktlichkeit.ch betreibt er privat in seiner Freizeit.

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