Mögliches Kriegsverbrechen – Soldaten in die Beine geschossen – ist das Video nun echt oder nicht?

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Mögliches KriegsverbrechenSoldaten in die Beine geschossen – ist das Video nun echt oder nicht?

Eine Videoaufnahme soll Brutalitäten von ukrainischen Soldaten an russischen Kriegsgefangenen dokumentieren. Seit Tagen steht die Frage im Raum, ob sie authentisch ist. 

von
Ann Guenter

Das Video ist fast sechs Minuten lang. Bis heute steht nicht zweifelsfrei fest, ob es echt ist. Kiew will eine Untersuchung einleiten. 

Youtube

Darum gehts

Seit einigen Tagen sorgt ein Video für Aufregung. Es zeigt, wie Männer in ukrainischen Uniformen gefesselten russischen Kriegsgefangenen in die Beine schiessen. Kiew tat das Video zunächst als Fake ab, um die ukrainischen Verteidigungskräfte zu diskreditieren. Am Sonntag hiess es dann aber, die ukrainische Regierung werde eine «sofortige Untersuchung» dazu durchführen.

Tatsächlich gibt es einige Gründe, die dafür sprechen, dass die Videoaufnahmen echt sind – nur sind sie nicht einwandfrei und abschliessend zu überprüfen. 

Was zeigt das Video?

Die Aufnahme – wir verzichten darauf, sie in voller Länge zu zeigen – zeigt eine Reihe von auf dem Boden liegenden Männern. Einige haben Säcke über dem Kopf, einige scheinen zu bluten. Es ist unklar, wie oder wann sie verletzt wurden. Die Gefangenen werden über ihre Einheiten und Aktivitäten in der Region befragt. Als drei weitere Männer aus einem Wagen gezerrt werden, schiesst ihnen ein Mann mit einem Sturmgewehr in die Beine. Dann werden auch diese Verletzten befragt. 

Wo und wann wurde es aufgenommen? 

Auf Twitter wurde bald spekuliert, dass das Video in einer Molkerei in Malaya Rohan, südöstlich von Charkiw, gedreht wurde. «BBC» und «New York Times» konnten dies mit Hilfe von Geolokalisierungstools und der Analyse von Satellitenbildern bestätigen – wobei auch Bäume, Kamine und Fenster der Gebäude bei der Identifizierung halfen. Das Gebiet wurde vor kurzem von ukrainischen Truppen von den russischen Streitkräften zurückerobert.

Bäume, Kamine und Fenster der Gebäude halfen bei der Identifizierung des Ortes. 

Bäume, Kamine und Fenster der Gebäude halfen bei der Identifizierung des Ortes. 

Screenshot Youtube

Es fehlen sowohl Zeitstempel als auch Metadaten des Videos. Doch aus den Aufnahmen ist ersichtlich, dass das Wetter trocken war. Das Wetter in der Region Charkiw war am Freitag, 25. März, und Samstag, 26. März, trocken, in der Nacht auf Sonntag setzte Regen ein. Die Position der Sonne lasse darauf schliessen, dass die Aufnahmen in den frühen Morgenstunden gemacht worden sein könnten, schreibt die «BBC».

Sind die Verletzungen echt? 

In den sozialen Medien wird je nach Sympathie spekuliert, dass die Akteure russische oder ukrainische Schauspieler seien. Und dass Platzpatronen verwendet wurden, um den mutmasslichen Kriegsgefangenen in die Beine zu schiessen. Immerhin fliesse weder Blut noch seien Schmerzensschreie zu hören. 

«Es würde nicht viel Blut fliessen, es sei denn, eine Arterie wurde getroffen», sagt dagegen ein britischer Trauma-Mediziner, der namentlich nicht genannt werden will, zu 20 Minuten. «Einigen der Gefangenen wurden zudem Aderpressen angelegt, sodass erst recht wenig Blut fliessen würde.» 

Ein Mann habe sicher einen gebrochenen Oberschenkelknochen – «man kann sehen, dass sein Bein in einem unnatürlichen Winkel verdreht ist». Dass wenig Schreie zu hören seien, sei angesichts von Stress und Schock nicht ungewöhnlich. «Das Video scheint echt zu sein», fasst er zusammen.

«In unnatürlichem Winkel verdreht.»

«In unnatürlichem Winkel verdreht.»

Screenshot Youtube

Was wird im Video gesprochen?

Die Gefangenen werden auf Russisch befragt, die Vernehmer haben aber einen ostukrainischen Akzent.  So hört man nicht das russische Wort «govorit» (sprechen»), sondern das ukrainische «hovorit». Allerdings ist damit nicht zweifelsfrei geklärt, ob die befragenden Soldaten wirklich Ukrainer sind. Es könnte sich auch um pro-russische Separatisten aus der Region handeln.  

Ein Mann wird nach seiner Nationalität gefragt und antwortet, er sei Aseri, also kein ethnischer Russe. In Russland leben etwa 160 verschiedene ethnische Gruppen – und tatsächlich kämpfen in der russischen  Armee überproportional viele Angehörige nationaler Minderheiten. Diese würden, so heisst es, als «Kanonenfutter» missbraucht. 

Sind die Soldaten echte Soldaten? 

Die Männer tragen zwar teils Uniformen und blaue Armbinden, wie sie die ukrainischen Streitkräfte verwenden. Das muss aber nichts heissen. An den Uniformen sind jedenfalls keine Insignien oder Regimentsabzeichen zu sehen. In den sozialen Medien wollen Userinnen und User zudem bemerkt haben, dass die Armbinden zu breit und aus Gaffer Tape und nicht wie die sonst verwendeten, schmaleren Stoffbinden sind – doch auch das lässt sich nicht einwandfrei feststellen. 

Blaue Armbinden – zu breit, um echt zu sein? 

Blaue Armbinden – zu breit, um echt zu sein? 

Screenshot Youtube

Ukrainische Streitkräfte waren laut «BBC» aber in der Nähe von Malaya Rohan: Am Wochenende vom 26. und 27. März sei die Kraken-Einheit in der Region Charkiw gewesen, die der rechtsextremen politischen Gruppierung Nationales Korps angehört. Nach Angaben der Gruppe waren dort am 25. März 30 Russen gefangen genommen worden. Der Kommandant der Einheit bestritt gegenüber «BBC» jeden Zusammenhang mit dem Video. 

Nicht wenige Social-Media-Userinnen und -User zeigen sich jedenfalls überzeugt, dass es sich bei dem Video um einen Fake handle. Einige vermuten, dass in dem Video nicht ukrainische Soldaten, sondern als solche verkleidete russische Soldaten zu sehen seien. Diese würden nicht Kriegsgefangenen, sondern russischen Deserteuren in die Beine schiessen, um ihnen eine Lektion zu erteilen.

Das internationale Hackerkollektiv Anonymous veröffentlichte am Montag ein offenbar geleaktes Dokument des russischen Verteidigungsministeriums, das russische Soldaten dazu anhält, Propaganda-Videos zu fabrizieren, um den ukrainischen Umgang mit russischen Kriegsgefangenen zu diskreditieren. Auch das vermag die Frage nach der Echtheit der umstrittenen Videoaufnahme in keiner Weise zu klären. 

Verdächtige gefasst? 

Sicher ist: Sollte das Video authentisch sein, haben ukrainische Soldaten die Genfer Konvention massiv verletzt. Diese schreibt die korrekte Behandlung von Kriegsgefangenen vor, die «vor Gewalt, Beleidigungen und Schaulustigen geschützt» werden müssen. 

Mittlerweile hat Moskau vermeldet, dass einige der Beteiligten, die den Männern in die Beine geschossen haben sollen, ausfindig gemacht worden seien.

Russische Spezialeinheiten hätten zwei Verdächtige festgenommen. Sie kämen aus dem Fan-Umfeld des Fussballclubs Metallist Charkiw und würden zur Verantwortung gezogen. Auch diese Meldung ist, wie so vieles in diesem Krieg, mit Vorsicht zu geniessen.  

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