Solidarität mit der Ukraine: Die Modewelt schweigt
Eine Aktivistin protestiert in Milan vor der Show von Ferrari gegen den Ukraine-Krieg.

Eine Aktivistin protestiert in Milan vor der Show von Ferrari gegen den Ukraine-Krieg.

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Publiziert

«Diese Industrie ist taub»Solidarität mit der Ukraine – die Modewelt schweigt

Giorgio Armani präsentiert seine Show an der Milan Fashion Week ohne jegliche Musik. Weitere Reaktionen der Fashionwelt zum Krieg in der Ukraine sind verhalten.

von
Johanna Senn

«Dieser Akt des Wohlwollens war viel beeindruckender als alles, was auf der Fashion Week passiert ist», schreibt die Modejournalistin Suzy Menkes auf Instagram.

Die Britin nahm kürzlich in Mailand an der Präsentation von Giorgio Armanis Herbst/Winter-Kollektion teil, die in völliger Stille stattfand. Der 87-jährige italienische Modedesigner liess während der Show keine Musik laufen, «aus Respekt vor den Opfern der Tragödie in der Ukraine».

Gleichzeitig versammelten sich vor dem Gebäude, in dem die Show von Armani stattfand, Demonstrierende. Sie nutzten die Kameras, um auf den Krieg in der Ukraine aufmerksam zu machen. 

Demonstrierende versammeln sich vor der Show von Giorgio Armani in Milan.

Demonstrierende versammeln sich vor der Show von Giorgio Armani in Milan.

imago images/ZUMA Press

Premiere in der Branche

Die Geste des italienischen Designers ist seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar eine Premiere in der Branche. Während seit einer Woche in Mailand die Fashion Week im Gange ist, hat bisher noch kein anderer grosser italienischer Modekonzern seine Solidarität mit der Ukraine öffentlich bekundet. Die «Vogue» fragt: «Welche Rolle spielt die Mode in einer Krise wie dieser? Wie kann man seine Missbilligung angemessen zum Ausdruck bringen? Sollen die Designer uns beschwichtigen, uns für eine Sache gewinnen oder schweigen?». 

«Diese Industrie ist taub»

«Ich denke, wir sollten nicht erwarten, dass Designer, die sechs Monate Arbeit und so viel Geld in eine Kollektion gesteckt haben, einfach aufhören», sagt Vena Brykalin. Er ist Fashion Editor bei der ukrainischen «Vogue» und ist seit vergangenem Mittwoch in Mailand. «Eigentlich sollte ich am nächsten Morgen fliegen, aber meine Kollegin hat zufällig in letzter Minute den Flug umgebucht, also hat sie mir vielleicht das Leben gerettet», sagt Brykalin zum «Evening Standard». 

«Vielleicht werde ich dafür kritisiert, aber die Show muss weitergehen. Ich denke aber auch, dass diese Industrie wirklich taub ist, und Mailand hat das diese Woche gezeigt», so der Fashion Director. Der einzige Designer, der der Situation Aufmerksamkeit schenkte, war seiner Meinung nach Giorgio Armani mit seiner stillen Show. «Die Musik abzuschalten ist jetzt auch nicht die radikalste Sache der Welt», sagt der Modejournalist und fügt an: «Ich erwarte nicht, dass Models mit ukrainischen Nationalflaggen herumlaufen oder ein Porträt von Wladimir Putin auf dem Laufsteg verbrennen.»

Vena Brykalin ergänzt: «Das Langweiligste, was eine Marke tun kann, ist, ein ukrainisches Kleid in die Show aufzunehmen, nur um ihre Unterstützung zu zeigen.» Es gehe um den Anstand, ein kultivierter, mitfühlender Mensch zu sein. «Und das scheint in der Modebranche bereits radikal zu sein.»

«Ich weiss nicht, ob es Faulheit, Gefühllosigkeit oder die Angst ist, bestimmte Kunden zu verärgern. Russland ist ein riesiger Markt für all diese Designer. Es steht so viel Geld auf dem Spiel», so Vena Brykalin. Laut dem «Wall Street Journal» verkauft Italien Luxusgüter im Wert von rund 1,2 Milliarden Franken nach Russland. 

«Vogue Ukraine» verlangt Sanktionen

Am Dienstagnachmittag meldet sich auch die ukrainische «Vogue» zu Wort und fordert ein Embargo von Mode- und Luxusgütern nach Russland. «Vogue UA fordert alle internationalen Mode- und Luxuskonzerne und -unternehmen auf, mit sofortiger Wirkung jegliche Zusammenarbeit mit dem Markt des Aggressors einzustellen», schreibt die ukrainische «Vogue» auf Instagram. Dabei spricht das Magazin direkt die grossen Akteure wie Chanel, Hermès, Dolce & Gabbana, Valentino und Versace an und nennt diese sogar namentlich.

«Menschlichkeit über monetäre Vorteile zu stellen, ist die einzig vernünftige Haltung, die man einnehmen kann, um dem gewalttätigen Verhalten Russlands zu begegnen», schreibt das Magazin. Das Modemagazin appelliert an die globale Modeindustrie «in diesen dunklen Zeiten nicht zu schweigen».

Solidaritätsbekundungen auf Instagram

Wenige der grossen Akteure in der Modewelt äusserten sich öffentlich zum Krieg in der Ukraine. Der französische Designer Simon Porte Jacquemus postete ein Bild in den Farben der ukrainischen Flagge mit der Caption «Bitte Frieden, sofort».

«Mein Herz ist mit allen Menschen, die jetzt diesen Albtraum erleben. Bitte keinen Krieg», schreibt Silvia Venturini Fendi, Creative Director von Fendi, auf Instagram:

Auch Alessandro Michele, Creative Director von Gucci, postet einen Beitrag und ein Gedicht des italienischen Schriftstellers Gianni Rodari zum Thema:

Models spenden ihre Gagen

Die Solidaritätsbekundungen von Models wie Mica Argañaraz gehen über den Instagram-Feed hinaus. Das argentinische Model will einen Teil seiner Einnahmen aus der Fashion Week an ukrainische Hilfsorganisationen spenden. Models wie Kiki Willems, Bella Hadid und Kaia Gerber tun es ihr gleich. 

«Ich fordere die Menschen in unserer Branche dazu auf, sich zu informieren und offene Gespräche über die Hölle zu führen, die sich nebenan abspielt», schreibt Bella Hadid in ihrer Instagram-Story. Begleitend dazu teilt die 25-Jährige dieses Bild mit den Worten: «Wer profitiert von Krieg und Gewalt? Nie die Leute.»

Kaia Gerber, die Tochter von Cindy Crawford, zeigte eine Kundgebung in ihrer Instagram-Story:

Kaia Gerber zeigt ihren Support für die Ukraine in ihrer Story.

Kaia Gerber zeigt ihren Support für die Ukraine in ihrer Story.

Instagram.com/kaiagerber

«Wieso sieht mein Zuhause 2022 so aus?!»

Während viele Menschen aus der Modebranche nach der Fashion Week die Instagram-App schliessen und zur Normalität zurückzukehren können, ist das für zahlreiche Menschen anders. Zum Beispiel für das ukrainische Model Kristy Ponomar, die an der Fashion Week in Milan zum Beispiel für Prada gelaufen ist. 

«Russland hat Krieg mit der Ukraine begonnen», schrieb sie vor fünf Tagen auf Instagram. Seit diesem Zeitpunkt ist ihre Timeline voll mit Protest-Posts gegen den Krieg und Bildern aus dem ukrainischen Kriegsgebiet. 

«Ich habe keine Worte. Ich verstehe es nicht… Wieso sieht mein Zuhause im Jahr 2022 so aus?!», schreibt sie zu einem Video, das zeigt, wie das Regierungsgebäude der ostukrainischen Stadt Charkiw von russischen Raketen getroffen wird.

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