Steigende Kosten: Soll die Krankenkasse wieder freiwillig werden?
Aktualisiert

Steigende KostenSoll die Krankenkasse wieder freiwillig werden?

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen ungebremst weiter. Politiker wollen das System nun neu ausrichten.

von
J. Büchi
1 / 8
Gegen die jährlich steigenden Krankenkassenprämien scheint kein Mittel zu wirken: Auch in den nächsten Jahren geht das Wachstum ungebremst weiter.

Gegen die jährlich steigenden Krankenkassenprämien scheint kein Mittel zu wirken: Auch in den nächsten Jahren geht das Wachstum ungebremst weiter.

Keystone/Christian Beutler
Das zeigt eine Prognose der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) (Quelle: KOF-Prognose der Gesundheitsausgaben, Herbst 2016; 2014: bestätigte Zahlen; 2015–2018 Prognose)

Das zeigt eine Prognose der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) (Quelle: KOF-Prognose der Gesundheitsausgaben, Herbst 2016; 2014: bestätigte Zahlen; 2015–2018 Prognose)

KOF
Am stärksten steigen die Kosten in der obligatorischen Krankenversicherung. Die Prämien in der Grundversicherung dürften nächstes Jahr laut den Berechnungen um satte 5,8 Prozent steigen.

Am stärksten steigen die Kosten in der obligatorischen Krankenversicherung. Die Prämien in der Grundversicherung dürften nächstes Jahr laut den Berechnungen um satte 5,8 Prozent steigen.

Keystone/Christian Beutler

Felix Schneuwly greift den Bundesrat frontal an: «Der Bund hat im Kampf gegen die Prämienexplosion versagt», kommentiert der Comparis-Krankenkassenexperte die jüngsten Prognosen der Gesundheitsausgaben. Die Berechnungen der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) im Auftrag von Comparis zeigen: Die Kosten wachsen ungebremst weiter. Zwischen 2014 und 2018 sollen die Kosten von rund 71 auf über 82 Milliarden Franken steigen.

Schneuwlys Kritik zielt auf die Strategie «Gesundheit2020» ab, die der Bundesrat vor drei Jahren lanciert hat. Sie soll die Effizienz im Gesundheitswesen steigern und so die Kosten senken. Die Rede ist von einem Einsparpotenzial von bis zu 20 Prozent. «Die KOF-Prognose zeigt, dass dieses Sparziel wohl kaum je erreicht wird», so Schneuwly. Die Massnahmen des Bundes bezeichnet er als untauglich. Die Kosten liessen sich nicht reduzieren, «wenn der Leistungskatalog ständig erweitert und nie etwas ausgemistet wird».

Obligatorium aufheben?

Auch SVP-Mann Thomas de Courten kritisiert, die Gesundheitskosten würden für viele Bürger zum existenziellen Problem – «und der Bundesrat nimmt die jährlichen Anstiege einfach zur Kenntnis». In einer Interpellation an den Bundesrat skizziert der Baselbieter einen ganzen Katalog von Vorschlägen, um das kränkelnde System zu reformieren. Ein Punkt lautet: «Lockerung des Versicherungsobligatoriums».

Soll die Krankenversicherung also wieder freiwillig werden? «Das wäre die Extremvariante», so de Courten. Es gehe ihm darum, vom Bundesrat zu erfahren, welche Optionen er zu prüfen und zu unterstützen bereit sei. Eine Entschlackung der Grundversicherung ist aus seiner Sicht dringend nötig. «Die obligatorische Krankenversicherung soll nur noch Eingriffe bezahlen, die medizinisch wirklich erforderlich sind – Lifestyle-Behandlungen soll jeder selber zahlen», fordert er.

Wer mehr verdient, soll mehr Prämien zahlen

SP-Nationalrätin Silvia Schenker warnt: «Es wäre fatal, wenn gewisse Gesundheitsleistungen nur noch den Reichen vorbehalten wären.» Auch sie sieht das Gesundheitssystem aber an einem kritischen Punkt. Wenn ein Drittel der Bevölkerung Prämienverbilligungen beziehe und trotzdem viele ihre Prämien nicht bezahlen könnten, laufe etwas grundlegend schief. «Mittelfristig muss das Thema ‹einkommensabhängige Prämien› wieder auf den Tisch.»

Es sei das einzig Vernünftige, jeden Versicherten gemäss seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu belasten, findet sie. Einen ersten Schritt in die Richtung plant die Partei bereits: Sie arbeitet an einer Initiative, die die Prämienbelastung jedes Haushalts auf 10 Prozent seines Einkommens beschränken will.

«Wir brauchen keine Revolution»

Regine Sauter (FDP) will davon nichts wissen: Zu einkommensabhängigen Prämien habe das Volk bereits nein gesagt – wer die Prämie nicht bezahlen kann, habe Anspruch auf individuelle Prämienverbilligungen. Auch eine Abschaffung des Krankenkassen-Obligatoriums kommt für sie nicht infrage: «Was wir brauchen, ist keine Revolution, sondern eine Kombination von verschiedenen Massnahmen, die dazu führen, dass die Gesundheitsleistungen nicht ständig zunehmen.»

Einig sind sich die Politiker in einem Punkt: Patienten und Angehörige müssen besser über die Wirkung von Behandlungen informiert werden, damit weniger unnötige Eingriffe vorgenommen werden.

Medikamenten-Preissenkungen bringen 600 Millionen

Beim Bund lässt man den Vorwurf der Untätigkeit nicht auf sich sitzen: So seien zwischen 2012 und 2014 die Preise aller kassenpflichtigen Medikamente überprüft und falls nötig gesenkt worden – daraus hätten Einsparungen von 600 Millionen Franken resultiert, sagt Michaela Kozelka, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit. Neue Überprüfungen sollen ab nächstem Jahr zu weiteren Einsparungen führen.

Auch medizinische Behandlungen werden im Rahmen des Health Technology Assessements vermehrt daraufhin überprüft, wie wirksam sie sind. «Sind sie es nicht, werden sie künftig nicht mehr von der Grundversicherung vergütet», so Kozelka. Indem mehr Behandlungen ambulant statt stationär durchgeführt werden, sollen weitere Kosten eingespart werden.

Deine Meinung