Aktualisiert 18.08.2016 17:53

Biomasse

Soll Essen zu Treibstoff verarbeitet werden?

Biomasse liefert vier Prozent unserer Energie. Laut Forscher Oliver Kröcher könnte dieser Wert verdoppelt werden, wenn man das Potenzial besser nutzen würde.

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pam
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Energie aus Biomasse deckt in der Schweiz vier Prozent des Energiebedarfs. Oliver Kröcher vom Paul-Scherrer-Institut will diesen Anteil bis 2035 verdoppeln: «Das primäre Ziel muss sein, die hier verfügbaren Ressourcen, zum Beispiel Grüngut oder Haushaltsabfälle, besser zu nutzen.»

Energie aus Biomasse deckt in der Schweiz vier Prozent des Energiebedarfs. Oliver Kröcher vom Paul-Scherrer-Institut will diesen Anteil bis 2035 verdoppeln: «Das primäre Ziel muss sein, die hier verfügbaren Ressourcen, zum Beispiel Grüngut oder Haushaltsabfälle, besser zu nutzen.»

Keystone/urs Flueeler
Kröcher kann sich aber auch vorstellen, Biotreibstoffe - etwa aus Raps -, im Ausland anzubauen und dann zu importieren. «In Osteuropa hätte es genug Platz, nachhaltig Biomasse anzubauen. Natürlich müssten diese Felder nach unseren Standards zertifiziert werden, damit etwa sichergestellt wird, dass die Böden nicht übernutzt werden», sagt er.

Kröcher kann sich aber auch vorstellen, Biotreibstoffe - etwa aus Raps -, im Ausland anzubauen und dann zu importieren. «In Osteuropa hätte es genug Platz, nachhaltig Biomasse anzubauen. Natürlich müssten diese Felder nach unseren Standards zertifiziert werden, damit etwa sichergestellt wird, dass die Böden nicht übernutzt werden», sagt er.

AP/Heribert Proepper
Zu den Ressourcen, die für die Treibstoffherstellung verwendet werden können, gehört auch Holz. «Hier muss das inländische Potenzial ausgeschöpft werden», sagt Kröcher.

Zu den Ressourcen, die für die Treibstoffherstellung verwendet werden können, gehört auch Holz. «Hier muss das inländische Potenzial ausgeschöpft werden», sagt Kröcher.

Keystone/Christian Beutler

Herr Kröcher, Sie bezeichnen Biomasse (siehe Box) als Stütze für die Energiewende. Was kann diese Energieform leisten?

Das Potenzial von Energie aus Biomasse wird vielfach unterschätzt. Biomasse macht heute schon vier Prozent der gesamten Energieproduktion in der Schweiz aus, da kann etwa die Solarenergie nicht mithalten. Bis 2035 wollen wir diesen Anteil auf zehn Prozent gar mehr als verdoppeln.

Das scheint ein ambitioniertes Ziel zu sein.

Ja, aber es ist realistisch. Das Problem in der Schweiz ist hingegen, dass die Ressourcen für den Anbau von Pflanzen, die für die Energiegewinnung genutzt werden können, sehr beschränkt sind. Das primäre Ziel muss sein, die hier verfügbaren Ressourcen wie Grüngut oder Haushaltsabfälle besser zu nutzen. Natürlich können wir auch Biomasse aus dem Ausland importieren, um hier sauberen Strom zu produzieren. Doch dabei muss man aufpassen, dass diese aus nachhaltiger Bewirtschaftung kommt und dass die positive Ökobilanz trotz Transport erhalten bleibt.

Der Anbau von Nahrungsmitteln für die Energieproduktion ist denn auch umstritten. Macht es Sinn, etwa im grossen Stil Raps anzubauen, um daraus Biotreibstoffe herzustellen?

Hierzulande macht es tatsächlich wenig Sinn, weil die Anbaufläche sehr begrenzt ist und die Verarbeitung von Nahrungsmitteln zu Biotreibstoff problematisch ist, wobei wir die Thematik mittlerweile differenzierter sehen und auch darüber nachdenken, etwa Erntereste und nicht verkaufte Esswaren der Grossverteiler zu verwerten.

Ist es nicht absurd, Ressourcen in Nahrungsmittel zu stecken, wenn diese dann weggeworfen werden und bestenfalls noch zur Energiegewinnung taugen?

Wir sprechen hier von einem «First-World-Problem» und natürlich wäre es besser, wenn beispielsweise ein Salatkopf, der mit hohem Ressourceneinsatz produziert und dann doch nicht konsumiert wird, gar nicht erst hergestellt würde. Hier braucht es eine bessere Bedarfsplanung der Grossverteiler, damit das verhindert wird. Aber es ist leider eine Tatsache, dass ein Drittel unserer Esswaren in der Tonne landet. Solange das so bleibt, ist es immer noch besser, daraus Energie zu gewinnen, als die Abfälle ungenutzt verrotten zu lassen.

Bei den Biotreibstoffen hinkt die Schweiz anderen Ländern noch hinterher, sie decken nur 0,11 Prozent des hiesigen Energieverbrauchs. Um diesen Wert zu steigern, wären wir auf Importe angewiesen.

Meiner Meinung nach wäre das keine schlechte Idee. In Osteuropa hätte es genug Platz, nachhaltig Biomasse anzubauen. Natürlich müssten diese Felder nach unseren Standards zertifiziert werden, damit etwa sichergestellt wird, dass die Böden nicht übernutzt werden. Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Biotreibstoffe eine Möglichkeit sind, von den fossilen Brennstoffen schrittweise wegzukommen. Gleichzeitig muss aber auch das inländische Potenzial ausgeschöpft werden, in der Schweiz ist das besonders die Produktion von gasförmigem Methan aus Bioabfällen und Holz.

Sie haben zudem an anderen alternativen Energielieferanten geforscht: Auch Algen sollten zur Energieproduktion genutzt werden.

Ja, wobei das noch Zukunftsmusik bleiben wird. Algen hätten den Vorteil, dass sie sehr schnell wachsen und Anwendungen in der Gesundheits- sowie Ernährungsindustrie finden. Jedoch ist die Produktion für eine ausschliesslich energetische Nutzung heute noch zu teuer. Zudem braucht die Algenzucht selbst Energie, so dass eine energieneutrale Produktion heute noch nicht möglich ist. Es ist daher unwahrscheinlich, dass Algen in naher Zukunft ein marktfähiger und effizienter Energielieferant werden.

Zur Person

Oliver Kröcher ist Leiter des Schweizer Kompetenzzentrums für Bioenergie-Forschung (SCCER Biosweet) und forscht am Paul-Scherrer-Institut zum Thema Bioenergie.

App zur Energy Challenge 2016

Die Energy Challenge 2016 ist eine nationale Aktion von Energie Schweiz und dem Bundesamt für Energie rund um die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Als Medienpartner beleuchtet auch 20 Minuten den Themenschwerpunkt mit Grafiken, Reportagen und Interviews. Weitere Informationen gibt es in der offiziellen App, die hier für Android und hier für iOS heruntergeladen werden kann.

Wie wird aus Biomasse Energie?

Als Biomasse gelten alle pflanzlichen Stoffe, die im Gegensatz zu Erdöl nicht durch geologische Prozesse geformt wurden. Biomasse ist klimaneutral: Bei der Verbrennung wird wieder gleich viel CO2 ausgestossen, wie die Pflanzen vorher aus der Atmosphäre gebunden hatten. Zur sogenannten trockenen Biomasse gehört zum Beispiel Holz, während als nasse Biomasse Hofdünger, Erntereste und Lebensmittelabfälle gelten.

Auch die Verarbeitung unterscheidet sich: Während etwa Holz verbrannt oder thermochemisch vergast und zu Methan umgewandelt wird, gewinnt man aus Haushaltsabfällen durch Vergärung Methan, das in Kraftwerken, Gasfahrzeugen und Haushalten Verwendung findet. Eine weitere Möglichkeit ist, aus Biomasse Bioethanol oder Biodiesel zu gewinnen. (20M)

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