Aktualisiert 03.12.2019 08:21

Experten sind alarmiertSoll Gesetz Kinder vor Prügel-Eltern schützen?

Die Hälfte aller Eltern in der Schweiz wendet bei der Erziehung Gewalt an. Experten fordern ein explizites Verbot der «Züchtigung».

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Das Resultat der Auswertung dreier Studien zur Gewalt in der Erziehung besagt: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder schlagen, ist seit 1990 gesunken. Dies teilt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ in einem Positionspapier mit. (Symbolbild)

Das Resultat der Auswertung dreier Studien zur Gewalt in der Erziehung besagt: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder schlagen, ist seit 1990 gesunken. Dies teilt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ in einem Positionspapier mit. (Symbolbild)

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Trotzdem wendet weiterhin die Hälfte aller Schweizer Eltern bei der Erziehung physische Gewalt an. Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild)

Trotzdem wendet weiterhin die Hälfte aller Schweizer Eltern bei der Erziehung physische Gewalt an. Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild)

Keystone/Steffen Schmidt
6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder zwischen 0 bis 6 Jahren. (Symbolbild)

6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder zwischen 0 bis 6 Jahren. (Symbolbild)

Keystone/Steffen Schmidt

In einem neuen Positionspapier hat die die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ drei Studien zur Gewalt in der Erziehung ausgewertet. Das Resultat: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder schlagen, ist zwar gesunken, trotzdem wendet weiterhin die Hälfte aller Schweizer Eltern bei der Erziehung physische Gewalt an.

Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder bis 6 Jahre. Ganze zwei Drittel der Eltern greifen zu psychischer Gewalt, jeder vierte Elternteil regelmässig.

Züchtigungsverbot

Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten, ist es für die Experten zentral, dass endlich in der Rechtssprechung die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden.

Bislang sind aber alle Initiativen für eine Verankerung des Rechts auf gewaltlose Erziehung respektive die Einführung eines Züchtigungsverbots gescheitert. Denn obschon der Begriff des «Züchtigungsrechts» 1978 aus dem ZGB gestrichen wurde, bezieht sich das Bundesgericht weiterhin darauf, vor allem bei Fällen der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht.

Unklar definierte Grenzen bei Züchtigung

Zuletzt erwähnte es das Bundesgericht bei einem Entscheid 2018, in dem ein Vater seinen Sohn mit Gürtel, Holzstock oder Kabeln schlug, weil dieser zu lange ferngesehen habe. Damit gebe das Bundesgericht zu verstehen, dass Züchtigung innerhalb unklar definierter Grenzen weiterhin zulässig sei, kritisiert die Kommission.

Das Problem dabei: Damit Gewalt an Kindern geahndet werden kann, muss sie ein gewisses Ausmass annehmen. «Um dieses Ausmass des Zulässigen auszuloten, verwendet das Bundesgericht in seiner Rechtssprechung auch heute noch den Begriff des elterlichen Züchtigungsrechts als Massstab.»

«Kinder brauchen besonderen Schutz»

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Stiftungsratspräsidentin von Kinderschutz Schweiz, begrüsst es, dass die Kommission das Thema aufgreift. Man müsse darüber aufklären, dass psychische und physische Gewalt keine Erziehungsmethoden seien. «Eltern müssten von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs Füdli nicht schaden würde.»

«Kinder sind die fragilsten Teile der Gesellschaft und brauchen besonderen Schutz, vor allem auch die Kleinkinder. Denn sie sind häufig von Übergriffen betroffen, leider zumeist aus dem engsten Umfeld.»

Züchtigungsverbot und Umdenken

«Deshalb braucht es ein Züchtigungsverbot in der Schweiz», so Feri. Denn eine Gesetzesänderung könne zu einem Umdenken führen. «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» Zudem helfe bei der Vermittlung dieser Ziele auch der öffentliche Diskurs über das Thema. «Die Menschen werden sensibilisiert.»

Erziehung sei oft eine grosse Herausforderung, so Feri. «Mit begleitenden Massnahmen, beispielsweise Präventionskampagnen, kann parallel zur Gesetzesänderung mit Eltern nach alternativen Handlungsmöglichkeiten gesucht werden.» Feri zufolge wäre es wünschenswert, wenn es mehr niederschwellige Bildung für Eltern gäbe, womit sie sich auf schwierige Situationen vorbereiten könnten.

«Wir haben bereits genügend Strafartikel»

SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler ist der Ansicht, dass ein Züchtigungsverbot zwar eingeführt werden kann, aber nicht viel bringt. «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» Und man müsse ehrlich sein: «Eltern werden aufgrund eines Gesetzes nicht davon abgehalten, ihre Kinder zu schlagen.»

Denn zu Gewalt in der Erziehung komme es in situativen Momenten der Überforderung, so Geissbühler. Kinder könnten phasenweise sehr schwierig sein. «Zudem muss man zwischen schwerer Gewalt und einem Klaps auf den Hintern unterscheiden.»

Forderung nach mehr Präventionsmassnahmen

«Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach, braucht es vor allem präventive Massnahmen.

Sie schlägt vor, dass Hebammen Eltern bei der Geburt ihrer Kinder beraten und ihnen Flyer mitgeben, die auf schwierige Phasen in der Entwicklung – Zahnen, Trotzphase, Pubertät – hinweisen. Zudem sollten darauf Vorschläge für einen guten Umgang damit und Kontaktdaten zu Beratungsstellen zu finden sein. «Das wäre eine einfache und kostengünstige Massnahme, die sich schnell umsetzen liesse.»

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