22.11.2018 07:14

Stigmatisierung

Sollen Schweizer Schulen Luxus-Kleider verbieten?

An einer englischen Schule werden Luxus-Winterjacken verboten. Ist diese Massnahme auch in der Schweiz nötig? Lehrer winken ab.

von
nzy/ehs
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Die Schulleitung der Woodchurch High School im Nordwesten Englands hat neue Uniformvorschriften erlassen: Ab Januar 2019 dürfen die Schüler Winterjacken der Luxusmarken Canada Goose, Pyrenex und Moncler nicht mehr tragen.

Die Schulleitung der Woodchurch High School im Nordwesten Englands hat neue Uniformvorschriften erlassen: Ab Januar 2019 dürfen die Schüler Winterjacken der Luxusmarken Canada Goose, Pyrenex und Moncler nicht mehr tragen.

Woodchurch High School
Der Grund: Solche Winterjacken kosten bis zu 1200 Franken. Nicht alle Familien können sich das leisten. Mit der neuen Vorschrift will die Schulleiterin Rebekah Phillips Kinder schützen, die nicht aus privilegierten Verhältnissen kommen und sich unter Druck gesetzt fühlen, mit Mitschülern mithalten zu müssen.

Der Grund: Solche Winterjacken kosten bis zu 1200 Franken. Nicht alle Familien können sich das leisten. Mit der neuen Vorschrift will die Schulleiterin Rebekah Phillips Kinder schützen, die nicht aus privilegierten Verhältnissen kommen und sich unter Druck gesetzt fühlen, mit Mitschülern mithalten zu müssen.

Aaron Vincent Elkaim
«Teure Kleider führen die sozialen Ungleichheiten zwischen unseren Schülern vor Augen», sagte Schulleiterin Phillips zum Sender CNN. «Sie stigmatisieren Familien, die sich finanziell durchkämpfen müssen.»

«Teure Kleider führen die sozialen Ungleichheiten zwischen unseren Schülern vor Augen», sagte Schulleiterin Phillips zum Sender CNN. «Sie stigmatisieren Familien, die sich finanziell durchkämpfen müssen.»

CC Wikipedia

An einer Schule im Nordwesten Englands sind teure Winterjacken von Marken wie Canada Goose oder Moncler künftig verboten. Damit wolle sie weniger privilegierte Kinder schützen, die sich unter Druck gesetzt fühlen könnten, sagte die Schulleiterin Rebekah Phillips zu CNN. Die Luxuskleider der anderen könnten ärmere Kinder stigmatisieren. Die teuren Winterjacken kosten bis zu 1200 Franken.

Ein solches Verbot sei in der Schweiz nicht nötig, sagt

Tina Hascher, die an der Universität Bern zu Schule und Unterricht forscht. «Wenn die Kinder keine Luxusjacke mehr tragen, aber mit dem Bentley zur Schule gefahren werden, ist das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben», sagt sie.

«Müssen Unterschiede anders angehen»

Nicht nur die Schule und die Kinder müssten sich mit der Problematik auseinandersetzen, auch die Eltern würden eine zentrale Rolle spielen. «Unsere Schule ist eine Schule für alle und soll alle zusammenbringen.»

Im Vergleich zu England sei das hiesige Schulsystem föderalistisch, die Schulkulturen seien unterschiedlich. «Wir müssen den sozialen Unterschied anders angehen», sagt Hascher. Wichtig sei es, die Gemeinschaft zu fördern – etwa mit kreativen Schulanlässen, an denen sich arme und reiche Familien besser kennen lernen könnten und sich als Teil einer Partnerschaft mit der Schule verstehen würden. «Alle Elternteile müssen sich wertgeschätzt fühlen.»

«Verbot übersteigt Legitimation»

Christian Hugi, der Präsident des Zürcher Lehrerverbands, weiss von Einzelfällen, in denen teure Kleider der einen Schüler zum Problem wurden. «Kinder können andere unter Druck setzen, weil ihre Familien weniger Geld haben. Das kann in extremen Fällen sogar zu Mobbing führen», sagt er. Von einem Verbot hält er trotzdem nicht viel: «Die Schweiz hat keine Tradition von Kleidervorschriften. Ein Verbot würde die Legitimation der Schulen übersteigen.»

Zudem sei die Problematik nicht gross. «Wenn ein solcher Fall auftritt, kann man andere Lösungen finden», sagt Hugi. So gebe es etwa im Kanton Zürich mittlerweile an fast jeder Schule Schulsozialarbeiter, die mit den Schülern reden könnten. Ein solcher Vorfall könne aber auch für Lehrpersonen ein guter Grund sein, mit den Schülern zu philosophieren – «etwa indem man mit ihnen über die Güterverteilung spricht und das Thema unter dem ethischen Aspekt anschaut», sagt Hugi.

Schüler stehen hinter Idee

Auch beim Dachverband der Schweizer Lehrer kommt die Idee schlecht an. «Wir sprechen uns klar gegen schulinterne Kleidervorschriften aus», sagt Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle. Behördlich verordnete Kleidervorschriften seien kontraproduktiv. Stattdessen empfehle der Verband, Hinweise auf angemessene Kleidung herauszugeben und das Gespräch mit Eltern und Schülern zu suchen. «Man soll diskutieren, welche Kleider man trägt, und wie das zu einer Benachteiligung anderer Kinder führen kann», sagt Schwendimann.

Bei den 11- bis 16-jährigen Schülern der englischen Schule kommt die neue Kleiderpolitik hingegen gut an. Schulleiterin Phillips sagt, eine ehemalige Schülerin habe sie sogar dafür gelobt. «Sie meinte, die Schule sei kein Ort, an dem die wirtschaftliche Situation eines Menschen ihn vom Lernen ablenken sollte.»

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