Aktualisiert 07.05.2014 11:56

Doktor Sex

«Sollen wir mitten in der Krise zusammenziehen?»

André und seine Freundin erleben schwierige Zeiten. Ein Kollege, der Ähnliches durchgemacht hat, empfiehlt eine gemeinsame Wohnung als Lösung des Problems. Kann das gut gehen?

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Zusammenziehen kann ungeahnte Auswirkungen auf eine Beziehung haben. (Symbolbild: Colourbox, Monkey Business Images)

Zusammenziehen kann ungeahnte Auswirkungen auf eine Beziehung haben. (Symbolbild: Colourbox, Monkey Business Images)

Frage von André (22) an Doktor Sex: Ich und meine Freundin sind seit vier Jahren ein Paar. Wir sind ein Herz und eine Seele. Nun sagte mir meine Freundin aber, dass wir uns ihrer Meinung nach beide sehr verändert haben und sie sich in der Beziehung manchmal verstellen muss. Gewisse Veränderungen stelle ich an mir auch fest. Trotzdem: Schluss machen ist für mich tabu! Ich denke, wir haben insgesamt einfach zu wenig miteinander unternommen und sind deshalb in dieser Situation gelandet. Ein Kollege, der Ähnliches durchgemacht hat, empfahl mir, mit ihr zusammenzuziehen. Das ändere einiges und könne unsere Beziehung neu aufleben lassen. Ist dies eine gute Lösung?

Antwort von Doktor Sex

Lieber André

Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung. Es ist daher sinnvoll, den Umgang damit möglichst früh zu lernen. Was ihr gerade erlebt, gehört zum Verlauf einer Beziehung. Wichtig scheint mir, dass ihr erst einmal einfach versucht, bewusst und gelassen wahrzunehmen, was sich an Impulsen und Bewegungen zeigt, ohne gleich in einen von Angst und Prinzipien diktierten Aktivismus zu verfallen. Zusammenziehen könnt ihr später immer noch. Jetzt geht es erst einmal darum, innezuhalten und herauszufinden, in welche Richtung die Bewegungen gehen, wohin euch das Leben und die Lust ziehen.

Vergesst für den Moment das Bild, das ihr bisher von eurer Partnerschaft hattet. Und auch für dein Tabu in Bezug auf das Schlussmachen hat es keinen Platz. Ihr befindet euch in einer Phase des Übergangs, in einem zieloffenen Prozess. Das Alte ist nicht mehr und das Neue erst im Entstehen begriffen. Solche Zwischenzeiten können bewegt und äusserst anstrengend sein. Sie haben aber einen grossen Vorteil: Man darf Vergangenes und Überlebtes loslassen, sich eine Zeit lang ganz seinen Träumen hingeben und aus den aufsteigenden Visionen neue Lebenskraft schöpfen. Sobald sich abzeichnet, wohin es euch je einzeln zieht, könnt ihr entscheiden, ob ihr die Reise gemeinsam fortsetzen oder ob ihr euch trennen wollt.

Es ist oft nicht einfach, in einer Phase der Neuorientierung einen klaren Kopf zu bewahren und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Daher empfehle ich euch beiden, ein Tagebuch zu führen und eure Gedanken darin festzuhalten. So kriegt ihr erstens den Kopf frei und zweitens entsteht dadurch die Möglichkeit, im Verlauf des Prozesses das Essenzielle zu erkennen.

Um euch unnötige Verletzungen zu ersparen, solltet ihr in der kommenden Zeit besonders achtsam sein im Umgang mit eurer Kommunikation. Es geht nämlich nicht darum, alles, womit ihr euch einzeln in Gedanken auseinandersetzt, auch gleich dem Partner oder der Partnerin mitzuteilen. Manches, was auf den ersten Blick wichtig scheint, entpuppt sich später als kleine Episode auf dem Weg zu einer umfassenden Erkenntnis.

Sinnvoll könnte sein, wenn ihr teilweise an den gleichen Fragestellungen arbeitet. Nachfolgend zwei Vorschläge: Welche Voraussetzungen brauche ich, damit ich mich in der Beziehung nicht verstellen muss? Woran erkenne ich, dass sich unsere Beziehung in die von mir gewünschte Richtung verändert? Falls ihr Lust habt, den Zeithorizont etwas zu erweitern, könntet ihr euch auch noch folgende Frage stellen: Wo, wie und mit wem möchte ich in fünf Jahren leben? Versucht, darauf möglichst offen und ohne Rücksicht auf die aktuelle Beziehungssituation zu antworten. So kriegt ihr die brauchbarsten Ideen für mögliche Ansatzpunkte in der Gegenwart.

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