Einkaufstourismus: Sollten grüne Zettel am Zoll eine Gebühr kosten?

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EinkaufstourismusSollten grüne Zettel am Zoll eine Gebühr kosten?

Der Euro wird billiger – Einkaufstouristen verstopfen die Grenzübergänge. Was kann man dagegen unternehmen?

von
Raphael Knecht
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Jetzt soll es endgültig eine Bagatellgrenze für Einkaufstouristen geben.

Jetzt soll es endgültig eine Bagatellgrenze für Einkaufstouristen geben.

Keystone/Martin Ruetschi
Künftig muss man für mindestens 50 Euro eingekauft haben, um die in Deutschland bezahlte Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent zurückverlangen zu können.

Künftig muss man für mindestens 50 Euro eingekauft haben, um die in Deutschland bezahlte Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent zurückverlangen zu können.

Keystone/Ennio Leanza
Das hat das deutsche Finanzministerium in einem neuen Gesetzentwurf beschlossen. Nun muss der Bundestag diesem Entwurf nur noch zustimmen.

Das hat das deutsche Finanzministerium in einem neuen Gesetzentwurf beschlossen. Nun muss der Bundestag diesem Entwurf nur noch zustimmen.

Keystone/Martin Ruetschi

So günstig war Shopping ennet der Grenze schon lange nicht mehr: Am Montag lag der Eurokurs auf dem Zweijahrestief von 1.0863 Franken. Die Schweizer ziehts ins grenznahe Ausland – so gabs am diesjährigen Nationalfeiertag riesige Staus an den Grenzen.

Das deutsche Finanzministerium will den Einkaufstouristen nun eine Hürde in den Weg legen: Ab 2020 können sie nur noch für Quittungen ab 50 Euro die Mehrwertsteuer zurückverlangen. Das halten die 20-Minuten-Leser von der Massnahme – und so reagiert der Experte:

Gebühr statt Bagatellgrenze

Leser: Was, wenn man statt der Bagatellgrenze eine Gebühr fürs Abstempeln erheben würde? Ein Leser schlägt etwa vor, dass Konsumenten pro Stempel 5 Euro bezahlen sollten. Das Geld solle dann in die Infrastruktur investiert werden, die auch von den Einkaufstouristen genutzt werde.

Experte: Eine Gebühr würde Konsumenten sicher dafür sensibilisieren, dass es sich nicht für jeden Betrag lohne, einen Ausfuhrschein zu verlangen, sagt Wirtschaftsprofessor Tilman Slembeck von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Trotzdem würden die Deutschen nie so eine Gebühr einführen», so der Experte. Denn die würde noch mehr administrativen Aufwand und Kosten sowohl für die Behörden als auch Konsumenten verursachen. «Es wäre sicher nicht sinnvoll, durch die Berechnung einer Gebühr beim Zoll für das Stempeln noch mehr Bürokratie zu schaffen», sagt auch Susi Tölzel, Referentin Auslandsmärkte und Zoll bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein.

Rückforderung abschaffen

Leser: Warum kann man überhaupt die Mehrwertsteuer zurückfordern? «Ich wäre dafür, das ganz abzuschaffen», schreibt Lotti. Und Leser Fredo fügt hinzu: «Man kann die Steuer ruhig dalassen – schliesslich benutzt man die staatliche Infrastruktur in Deutschland.»

Experte: Der Grund, warum Konsumenten die Mehrwertsteuer zurückfordern dürften, sei, dass es sich dabei um eine Art Exportsteuer handle. «Der deutsche Staat erhebt bewusst keine Steuern auf Exporte, da er ja will, dass exportiert wird», so Slembeck. Damit dies für alle gleich gelte, dürften darum auch private Exporteure Waren ausführen, ohne besteuert zu werden. Bei der Bagatellgrenze gehe es lediglich darum, den administrativen Aufwand einzudämmen.

Höherer Grenzwert

Leser: Wer Waren in die Schweiz importiert, muss die Mehrwertsteuer bezahlen, wenn der Gesamtwert 300 Franken übersteigt. Warum setzt man die Bagatellgrenze nicht gleich auf diesen Wert? Dann könnte man die deutsche Mehrwertsteuer nur zurückfordern, wenn man diejenige in der Schweiz dafür nachzahlt.

Experte: Die beiden Grenzen haben nichts miteinander zu tun: Die Bagatellgrenze dient dazu, den administrativen Aufwand des deutschen Zolls zu reduzieren. Die Schweizer Freigrenze hingegen verhindert laut Slembeck, dass Reisende alles verzollen müssen, was sie dabeihaben: «Sonst müsste man jeden Kaugummi im Auto deklarieren.» Und aus deutscher Sicht ist eine so hohe Bagatellgrenze nicht erwünscht, weil die Erstattung der Mehrwertsteuer Schweizer Kunden ins Land lockt, wie es bei der IHK Südlicher Oberrhein heisst.

Grenze wird steigen

Leser: Dass es bei der Grenze von 50 Euro bleibt, bezweifeln viele Leser. Sie vermuten, dass der Wert in den kommenden Jahren steigen wird.

Experte: Ziel sei eher, dass die Grenze wieder abgeschafft werde, so Slembeck. Sobald die Behörden die Rückforderung mit einer digitalen Lösung abwickeln könnten, gelte das Hauptargument für die Bagatellgrenze – der hohe administrative Aufwand – nicht mehr. Eine solche Lösung strebe man in Deutschland an. «Im Gesetzentwurf ist derzeit vorgesehen, dass die Wertgrenze von 50 Euro so lange gilt, bis die Automatisierung der Erteilung von Ausfuhrkassenzetteln eingeführt ist», sagt eine Sprecherin des deutschen Bundesministeriums der Finanzen.

Nachteil für Kleine

Leser: Eine Bagatellgrenze könnte die Einkaufstouristen von kleineren Geschäften weglocken: Bei einem Metzger oder Bäcker etwa sind Einkäufe seltener 50 Euro wert als bei Aldi oder Lidl. Ist die Regelung also eine Gefahr für Kleinunternehmen?

Experte: Slembeck bezweifelt, dass kleine Einzelhändler vom Geschäft mit den Schweizern leben: «Die meisten, die im grossen Stil ihre Quittungen stempeln lassen, gehen für ihre Wocheneinkäufe sowieso schon zu den grossen Händlern.»

Einkaufstourismus lohnt sich nicht

Leser: Ist das Ausland wirklich billiger? «Wer gut hinschaut, kann in der Schweiz günstig einkaufen», findet Leserin Sellina. Und im Endeffekt würden Einkaufstouristen eh nicht sparen, sondern hätten nur zusätzlichen Stress.

Experte: «Allein fürs Einkaufen lohnt sich der Aufwand in vielen Fällen wirklich nicht», sagt Slembeck. Die Reisekosten, etwa für Benzin und Parkgebühren, schmälerten den gesparten Betrag. Zudem vergleichen viele Konsumenten die Preise gar nicht so genau, wie Slembeck sagt. Schweizer Rabattaktionen würden im Vergleich zum Ausland oft mehr Ersparnisse ermöglichen. Aber: Viele Einkaufstouristen verbinden laut dem Experten den Einkauf mit einem Ausflug. Dann spare man zwar insgesamt nicht viel, habe aber dafür noch ein Erlebnis.

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