Aktualisiert 19.10.2012 17:45

In Hamburg vor GerichtSomalische Piraten müssen in den Knast

Das Hamburger Landgericht hat zehn somalische Piraten zu insgesamt 52 Jahren Haft verurteilt. Sie hatten im Jahr 2010 ein deutsches Containerschiff mit Sturmgewehren und Panzerfäusten überfallen.

Bis zum Schluss appellierten die angeklagten Somalier an das Mitleid der Richter - vergeblich.

Bis zum Schluss appellierten die angeklagten Somalier an das Mitleid der Richter - vergeblich.

Ende eines Mammutprozesses: Nach fast zwei Jahren Verfahrensdauer hat das Hamburger Landgericht zehn somalische Piraten zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Angeklagten erhielten Strafen zwischen zwei und sieben Jahren Haft. Sie hätten sich bei dem Überfall auf das deutsche Containerschiff «Taipan» 2010 des Angriffs auf den Seeverkehr und des erpresserischen Menschenraubs schuldig gemacht, sagte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung am Freitag.

Dass ein deutsches Gericht über ausländische Piraten urteilt, ist ein bisher einmaliger Vorgang. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte unter anderem Anklage erhoben, weil die «Taipan» damals der Hamburger Reederei Komrowski gehörte und in der Hansestadt registriert war. Mit dem Urteil blieb das Hamburger Landgericht zum Teil unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, im Strafrahmen wären bis zu 15 Jahre Haft möglich gewesen. Insgesamt erhielten die zehn Somalier eine Gefängnisstrafe von 51 Jahren und 18 Monaten.

Überfall mit Panzerfäusten und Sturmgewehren

Bis zuletzt hatten die Angeklagten in ihren Schlussbemerkungen versucht, an das Mitgefühl der Richter zu appellieren. Sie seien zu dem Überfall gezwungen worden, hätten kranke und arme Familienmitglieder in Somalia und könnten die Haftbedingungen nicht ertragen. Ein Mann drohte sogar mit Selbstmord, nahm die Drohung aber wieder zurück, weil er in der Haft nicht isoliert werden wollte.

Die zehn Männer hatten die «Taipan» am Ostermontag 2010 tausend Kilometer vor der somalischen Küste auf Schnellbooten mit zwei Panzerfäusten und fünf Kalaschnikow-Sturmgewehren überfallen. Sie schossen auf das Containerschiff bevor sie es enterten. Die Besatzung der «Taipan» rettete sich in einen versteckten Sicherheitsraum, Stunden später eilten niederländische Marinesoldaten zu Hilfe und überwältigten die Piraten in einem Militäreinsatz. Verletzt wurde niemand.

Mit ihren Appellen fanden die Angeklagten bei den Richtern nur wenig Gehör. Die Somalier seien zu dem Gericht in ihren Darstellungen nicht ehrlich gewesen, hätten höchstens Teile der Wahrheit erzählt, kritisierte der Vorsitzende Richter. «Nach Ihrer Darstellung, hat es sich bei Ihnen um eine unmotivierte, inkompetente und unzuverlässige Truppe gehandelt. Das ist absolut unglaubwürdig», sagte er zu den Angeklagten in der Urteilsbegründung. Vielmehr sei es eine schlagkräftige, «quasi militärische» Einheit gewesen, die einen gut durchdachten Plan ausführte. Niemand sei dazu gezwungen worden.

Piraterie als wichtiger Wirtschaftszweig

Die katastrophalen Zustände in Somalia seien bei dem Urteil bedacht worden, sagte der Richter. Dort seien Grossteile der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zusammengebrochen, Gewalt gehöre zum Alltag der Menschen. Gleichzeitig warnte er davor, diese Zustände als Rechtfertigung für die Piraterie heranzuziehen. Diese sei in der Gegend inzwischen ein wichtiger Wirtschaftszweig und habe das Ausmass «organisierter internationaler Kriminalität» erreicht. Allein 2010 seien vor Somalia 60 Handelsschiffe gekapert und 1.000 Seeleute als Geiseln genommen worden. Im Durchschnitt wurden fünf Millionen US-Dollar Lösegeld pro Schiff und Besatzung erpresst.

Ob von dem Urteil nun eine Signalkraft ausgehe, sei «überhaupt nicht abzusehen», sagte der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft Wilhelm Möllers. Zunächst habe das Gericht die persönliche Schuld eines jeden Angeklagten feststellen müssen. Jeder von ihnen wurde durch zwei Rechtsanwälte verteidigt, zwei Dolmetscher übersetzten in der Verhandlung. Das Urteil fiel am Freitag am 105. Prozesstag. Die Hamburger Justiz habe das Verfahren professionell und fair gemeistert, sagte Möllers. «Natürlich kann man darüber nachdenken, ob derartige Fälle künftig vor einem internationalem Gericht verhandelt werden», sagte er und fügte hinzu: «Aber so ein Gericht gibt es noch nicht.» (dapd)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.