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«Polizei zu bequem»Sommaruga soll die Sex-Mafia jagen

Die Zahl der Schweizer, die im Internet mit Nacktbildern erpresst werden, steigt massiv. Doch nur zwei Polizeikorps jagen die Täter wirklich. Jetzt soll Justizministerin Simonetta Sommaruga dafür sorgen, dass richtig ermittelt wird.

von
hal

Die Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) schlug vor kurzem Alarm: In den letzten Wochen habe es eine Welle von Erpressungsversuchen gegeben. Die Masche ist perfid: Eine junge Frau beginnt mit einem Schweizer über Facebook, E-Mail oder andere Kanäle einen Flirt, bringt ihn zu sexuellen Handlungen vor der Webcam und nimmt ihn dabei auf Video auf. Die Sex-Mafia droht dann mit der Veröffentlichung der kompromittierenden Bilder, sofern das Opfer nicht bis zu mehrere Tausend Franken zahlt.

Allein im Kanton Waadt wurden dieses Jahr schon 29 Opfer erpresst – im ganzen letzten Jahr waren es erst 26. Schweizweite Zahlen gibt es nicht, doch die Kobik spricht von einer Häufung der Fälle. Aufgeklärt werden indes fast keine. Bei den angefragten Deutschschweizer Polizeien heisst es, die Täter zu finden sei fast unmöglich, weil sie im Ausland sässen. Dasselbe teilen die Kobik und das Bundesamt für Polizei (Fedpol) mit.

Ermittler geben sich als Opfer aus

Die Waadtländer Polizei zeigt indes, dass es sehr wohl möglich ist, die Täter zu fassen. Die Ermittler haben sich dazu als naive Opfer ausgegeben, liessen sich von der Sex-Mafia aus der Elfenbeinküste reinlegen und überwiesen ihr insgesamt 1'000 Franken. Zwei Polizisten reisten dann in die Elfenbeinküste und liessen zusammen mit den Polizisten vor Ort die Handschellen klicken, als die Gangster das Geld auf der Bank abholen wollten. Zwei der Erpresser konnten so am 16. November 2012 verhaftet werden.

Einfach sei es zwar nicht, den Tätern auf die Spur zu kommen, sagt Philippe Jaton von der Waadtländer Polizei. «Sie kaufen nicht-registrierte SIM-Karten, haben Komplizen in den Banken und arbeiten von Internetcafés aus.» Doch auch dieses Jahr gelang es den Waadtländern bereits, mehrere Täter in der Elfenbeinküste verhaften zu lassen. «Wir konnten eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Behörden in der Elfenbeinküste aufbauen», so Jaton. Auch die Neuenburger Polizei konnte schon einen Erpresser ermitteln.

«Polizeien sind zu bequem»

Dass die anderen Polizeien trotz des Erfolgs der Romands behaupten, sie könnten nichts gegen die Sex-Mafia unternehmen, kann CVP-Sicherheitspolitiker Jakob Büchler nicht verstehen: «Sie sind offenbar zu bequem, etwas zu unternehmen. Dabei haben wir ja den Beweis, dass es geht.» Er fordert, dass der Bund die Polizeien zumindest zum Handeln animiert und die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen koordiniert. Er werde das Thema in der Sicherheitspolitischen Kommission einbringen, sagt der Nationalrat. «Justizministerin Simonetta Sommargua muss die Ermittlungen gegen die Internet-Erpresser in ihrem Department in die Hand nehmen.»

Zwar liegt die Polizeihoheit bei den Kantonen, die internationale Zusammenarbeit zwischen Behörden ist aber Sache des Bundes. «Wir können den Kontakt mit dem Ausland herstellen und die Ermittlungen koordinieren, wenn die Kantone das wollen», sagt Fedpol-Sprecherin Danièle Bersier. Martin Boess von der Schweizerischen Kriminalprävention nimmt den Bund und die Kantone aber auch in Schutz: «Wenn der Austausch noch nicht klappt, kann das auch daran liegen, dass das Thema noch relativ neu ist.»

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