Tourismus Schweiz: Sommerferien im «Gefängnis» boomen
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Tourismus SchweizSommerferien im «Gefängnis» boomen

Ob Kloster, Baumhütte oder ehemaliges Gefängnis: Statt im Sommer in die Ferne zu reisen, suchen immer mehr Schweizer das Fremde in der Nähe.

Das Jailhotel in Luzern. (Bild: www.zisch.ch)

Das Jailhotel in Luzern. (Bild: www.zisch.ch)

Herbergen der ausgefallenen Art erleben hierzulande einen Boom. «Jedes Jahr kommen neue Angebote für ausgefallene Übernachtungsmöglichkeiten hinzu», sagt Véronique Kanel, Sprecherin von Tourismus Schweiz. Seit zwei Jahren hat die Organisation sogar eine spezielle Seite für solche Angebote auf ihrer Website.

Das Interesse sei augenfällig, sagt Kanel. Auch wenn es zurzeit keine genauen Zahlen dazu gibt, bestätigen einige Indikatoren die Tendenz. So nahmen die Übernachtungen der Organisation «Schlaf im Stroh», die im ganzen Land Ferien in Scheunen anbietet, innerhalb von zehn Jahren um 10 000 auf 42 000 im letzten Jahr zu.

Nischenangebote

Zudem verfügen aussergewöhnliche Hotels über einen Auslastungsgrad, der traditionellere Einrichtungen neidisch werden lässt. Baumhütten in Le Locle (NE) - mit Kochnische, Dusche, WC und Schwedenofen - sind 365 Nächte pro Jahr ausgebucht. Und für ein Wochenende im ehemaligen Eisenerzsilo in Herznach (AG) muss sechs Monate im Voraus reserviert werden. Ein Kloster in Fischingen (TG) empfängt Männer, die den Alltag mit den sieben Mönchen teilen wollen, die nach der Benediktinerregel «ora et labora» - bete und arbeite - leben. Das Jailhotel Löwengraben in Luzern, das bis 1998 als Gefängnis diente, bietet Zimmer an, die von der spartanischen Zelle bis zur kleinen Suite im früheren Direktorenbüro reichen.

Es handle sich um «eine Nische, die sich gut entwickle», bestätigt Roland Schegg, Lehrer an der Schweizerischen Tourismusfachschule in Siders (VS). Ob es sich um ein dauerhaftes Phänomen handle oder um ein Strohfeuer, müsse sich jedoch noch weisen. Ein Null-Sterne Hotel in St. Gallen etwa habe nach einem Jahr wieder schliessen müssen. Die Dachorganisation Hotelleriesuisse empfiehlt nach den Worten von Schegg jedoch originelle Angebote, da dafür eine Kundschaft bestehe.

Tapetenwechsel

Aber wer sind die Touristen und Touristinnen, die bereit sind, Geld zu bezahlen, um in einem Eisenbahnwagon oder in einem Riesenfass zu schlafen? Die Antwort: Vor allem Schweizerinnen und Schweizer und Touristen aus den Nachbarländern. Seit vier bis fünf Jahren hätten die Schweizer weniger Lust im Sommer in ferne Länder zu fliegen, erläutert Véronique Kanel. Sie zögen es vor, an die Sonne zu reisen, wenn es hier wieder kalt und grau sei. Aber auch während der Ferien in der Schweiz suchten sie ein Gefühl der Fremde.

«Es besteht ein Bedürfnis nach Tapetenwechsel», bestätigt auch Schegg. «Nach einer starken Industrialisierung des Tourismus mit standardisierten Angeboten, sucht ein Teil der Kundschaft neue, individuelle Erfahrungen.» Zudem dürfte auch die schlechtere Konjunktur eher den Tourismus in der Nähe fördern, vor allem während der Hochsaison. Dennoch lief laut Schegg das Geschäft mit Schweizer Touristen bei der inländischen Hotellerie auch während der Krise gut.

Ob auch ökologische Gründe mehr Schweizerinnen und Schweizer dazu veranlassen, ihre Ferien im eigenen Land zu verbringen, ist Kanel zufolge noch offen. Eine Studie soll dazu im nächsten Jahr Auskunft geben.

(sda)

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