Trotz neuen Gesetzen: Sommerferien sind die Zeit der Zwangsheirat

Aktualisiert

Trotz neuen GesetzenSommerferien sind die Zeit der Zwangsheirat

Wenn die Sommerferien vor der Tür stehen, beginnt für gewisse Migrantinnen die schlimmste Zeit des Jahres: In der alten Heimat droht ihnen die Heirat mit einem Fremden. Neue Gesetze sollen Betroffene schützen.

von
jbu
Am häufigsten kommt es in der Türkei, Sri Lanka und in Balkanländern zu Zwangsheirat.

Am häufigsten kommt es in der Türkei, Sri Lanka und in Balkanländern zu Zwangsheirat.

Vor den Sommerferien steht das Telefon bei der Beratungsstelle zwangsheirat.ch kaum mehr still. Pro Woche melden sich bis zu acht Mädchen, denen allen das selbe Schicksal droht: In den Ferien zwangsverheiratet zu werden, möglicherweise nie mehr nach Hause zurückzukommen.

Die Furcht vor der Reise in die alte Heimat beschert in den Sommermonaten auch dem Mädchenhaus in Zürich viele Anfragen von jungen Frauen. «Sie haben Angst, dass sie dort bleiben müssen oder verheiratet werden», bestätigt Karin Aeberhard, Co-Leiterin des Mädchenhauses in Zürich.

Passkopie als Sicherheit

Wenn der Wille der jungen Frau nichts zählt

Die Möglichkeiten, den Mädchen zu helfen, waren bislang begrenzt. Einzelne konnten im Mädchenhaus aufgenommen werden, der Rest begnügte sich mit Beratungen. Zu gross der Schritt, sich der Familie zu widersetzen oder diese gar zu verlassen.

Jenen, die die Reise in die alte Heimat antraten, konnten kaum mehr als gute Ratschläge auf den Weg mitgegeben werden. Etwa, bei einer Vertrauensperson in der Schweiz eine Passkopie zu hinterlegen, damit die Polizei eingeschaltet werden könnte, sollte sich das gefährdete Mädchen nach einer gewissen Zeit nicht melden.

Neue Gesetze

Seit Anfang Juli gelten nun strengere Gesetze: Wer jemanden zu einer Ehe zwingt, kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Dies gilt auch, wenn die Heirat im Ausland erfolgt ist.

Bei Verdacht auf eine Zwangsheirat darf der Ehemann nicht in die Schweiz nachkommen. Die Zivilstandsbeamten müssen Strafanzeige erstatten, wenn sie bei einer Eheschliessung die Ausübung von Druck feststellen. Dazu kommen weitere Bestimmungen. So können die Ehen etwa anschliessend annulliert werden – falls die Braut denn in die Schweiz zurückkehren kann.

Türkin ist wieder «unverheiratet»

Für eine junge Türkin bedeutet das neue Gesetz nach Angaben von zwangsheirat.ch bereits die Möglichkeit, ihrem Schicksal zu entkommen. Sie war vor zwei Jahren in den Ferien in ihrem Heimatdorf zur Heirat mit einem fernen Verwandten gezwungen worden.

Zurück in der Schweiz verliebte sie sich in einen anderen Mann. «Ihr Ziel ist nicht eine Scheidung, sondern eine Annullation der Zwangsheirat, damit ihr Zivilstand nicht als ‹geschieden› qualifiziert wird, sondern als ‹unverheiratet›», sagt Anu Sivaganesan, die Leiterin der Beratungsstelle. «Dank dem neuen Gesetz ist das möglich, obwohl die Hochzeit zwei Jahre zurückliegt.»

Problem noch nicht vom Tisch

Die neue Regelung ist ein Lichtblick für die betroffenen Mädchen. Bei den Beratungsstellen hofft man darauf, dass die drohenden Strafen bei den Eltern Wirkung zeigen. Hinweisen auf Zwangsheirat kann künftig besser nachgegangen werden. Trotzdem bleibe die neue Gesetzgebung «ein Tropfen auf den heissen Stein», so Aeberhard vom Mädchenhaus.

Bei zwangsheirat.ch bezweifelt man, ob die Zivilstandesbeamten in der Lage sind, den «freien Willen» des Brautpaars zu erkennen. Verbesserungspotenzial gebe es auch in den Fällen, in denen die Zwangsehe schon länger besteht. Dieser Fall werde im neuen Gesetz nicht berücksichtigt, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. «Das ist absurd.»

Von Zwangsheiraten betroffen sind vor allem junge Frauen ausländischer Herkunft, wie eine Studie der Universität Neuenburg zeigt. Häufigste Herkunftsländer der Opfer sind die Türkei, Sri Lanka und die Balkanländer. (jbu/sda)

Deine Meinung