Aktualisiert 09.12.2008 13:59

AusgeträumtSonderfall Schweiz existiert nicht mehr

Ein Schulsystem, das nicht für Chancengleichheit sorgt, und Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich seit zwanzig Jahren kaum verändert haben: Der Sozialbericht 08 sorgt für Ernüchterung. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten zeigt sich, dass die Schweiz keine Sonderstellung mehr einnimmt.

Der von der Schweizer Stiftung für die Forschung in den Sozialwissenschaften (FORS) getragene Sozialbericht wurde bereits zum dritten Mal verfasst. Er untersucht Bereiche wie Arbeit, Umwelt, Sozialleben und Politik und spiegelt den sozialen Wandel in der Schweiz wieder. Mitfinanziert wird er vom Schweizerischen Nationalfonds und der Universität Neuenburg.

Ungleichheiten machten die Autoren insbesondere bei den Einkommen, der Bildung und zwischen den Geschlechtern aus. So wurde festgestellt, dass die Schule nicht für Chancengleichheit sorge; einerseits wegen der «frühen und schwer korrigierbaren Selektion» an der Schwelle zwischen der Primarschule und der Sekundarstufe I sowie andererseits wegen des Umstands, dass eine grosse Minderheit der Schulabgänger keinen Zugang zu einer Lehre, zum Gymnasium oder anderen Ausbildungsmöglichkeiten der Sekundarstufe II finde. Das Risiko für diese Jugendlichen sei gross, frühzeitig aus der Bildungslaufbahn auszuscheiden, heisst es in dem Bericht. Zudem sei dieses Risiko stark an die Merkmale der sozialen Herkunft geknüpft.

Nach wie vor gross sind laut der Erhebung die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern. Bei gleicher Bildung verdienten Frauen immer noch weniger als Männer. Allgemein auffallend sei, dass die Einkommensverteilung während der letzten 20 Jahre im Grossen und Ganzen gleich geblieben sei.

Erstmals werden im Bericht auch Vergleiche zu anderen Ländern gezogen. Wie Co-Autorin Ursina Kuhn bei der Präsentation sagte, nimmt die Schweiz in vielen untersuchten Bereichen eine Mittelposition ein, während Spanien und Schweden die Extreme bilden. So etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zudem macht die Schweiz europäische Entwicklungen mit, auch wenn sie nicht zur EU gehört. «Die Schweiz nimmt keinesfalls eine Sonderstellung ein», sagte Kuhn. Auch die direkte Demokratie der Schweiz unterscheide sich immer weniger von anderen Ländern. Innerhalb der Schweiz sei ausserdem festzustellen, dass der Röstigraben - wo vorhanden - kleiner geworden sei. Allgemein habe auch das politische Engagement zugenommen, was etwa die seit 1995 gestiegene Wahlbeteiligung zeige. Kuhn führt diese Entwicklung auch auf die Polarisierung und Medialisierung in der Politik zurück.

Relativ wenig geändert hat sich in den letzten Jahren gemäss dem Bericht am ausgeprägten Umweltbewusstsein eines Grossteils der Schweizer Bevölkerung. Dennoch seien Klimaziele nur mit Lenkungsmassnahmen erreichbar, heisst es. Das Umweltbewusstsein sei keine Garantie, dass effizientere Autos nachgefragt würden oder bei Renovierungen in Energie sparende Modernisierungen investiert werde. Es erleichtere aber die Einführung von Massnahmen. (dapd)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.