Aktualisiert 27.08.2019 11:32

Darmkrebs mit 30Sonia will mit den Kindern zum Abschied ans Meer

Sonia G. (30) hat Darmkrebs im Endstadium. Wie viel Zeit ihr noch bleibt, ist unklar. Mit ihren Kindern will sie nun noch möglichst viel erleben – und sammelt Spenden für die Ausflüge.

von
S. Ulrich

Sonia Gurtner (30) leidet an Darmkrebs im Endstadium. (Video: G. Brönnimann/S. Ulrich)

Was macht es mit einem jungen Menschen, wenn er weiss, dass er bald stirbt? Wenn er weiss, dass er zwei kleine Kinder hinterlässt? Der noch so viele Träume und Wünsche hat?

Sonia G.*, Hausfrau und zweifache Mutter aus dem Oberaargau, kennt die Antworten auf solch quälende Fragen. Die 30-Jährige ist unheilbar krank. Darmkrebs im Endstadium. Wie viel Zeit ihr noch bleibt, ist unklar. Es könnten Jahre sein, vielleicht auch nur Monate. «Die Ärzte stellen heutzutage keine Prognosen mehr», sagt Sonia. Das sei auch gut so, fügt Mutter Pia (63) an: «Nur noch auf eine Deadline hinzuarbeiten, ist doch kein Leben.»

Sonias Leidensweg beginnt im Juli 2016, kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes. Wiederholt hat sie Blut im Stuhl. «Die Gynäkologin ging zunächst von Hämorrhoiden aus», sagt Sonia im Rückblick. Eine Darmspiegelung bringt schliesslich den erschütternden Befund: Im Enddarm hat sich ein bösartiger Tumor gebildet. «Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben und dachte: Für diese Krankheit bin ich doch noch viel zu jung.»

«Nur noch auf eine Deadline hinzuarbeiten, ist doch kein Leben», sagt Mutter Pia (links).

«Wir waren endlich im Leben angekommen»

Danach sei alles sehr schnell gegangen: Chemotherapie, Bestrahlung, Operationen. Erst während der Chemo und ihrer Nebenwirkungen – Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Kälteempfindlichkeit – wird ihr bewusst, wie krank sie wirklich ist. Ihre ganze Familie habe sie in dieser Zeit tatkräftig unterstützt. «Trotzdem versuchte ich, mich möglichst um alles selber zu kümmern: den Haushalt, die Kinder. Das war schon happig», sagt Sonia.

Nach einer erneuten Operation und einem Darmverschluss im Juli 2018 kehrt endlich wieder Ruhe in Sonias Leben ein. Im vergangenen April kauft sich die Familie ein Haus. «Wir waren endlich im Leben angekommen. Es hätte schöner nicht sein können.» Doch dann kommt der Krebs mit aller Wucht zurück: Bei einer Routinekontrolle im Juli stellt sich heraus, dass Sonias Körper von Metastasen übersät ist und sich die Krankheit nicht mehr aufhalten lässt. «Das hat mir komplett den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt sie. Nun ist auch klar: Für den Rest ihres Lebens wird sie auf Therapien angewiesen sein.

«Mami, wirst du jetzt wieder lange fort sein?» Auch für Sonias Kinder ist die Situation belastend.

Die Situation ist auch für Sonias drei- und fünfjährige Buben nicht einfach. Insbesondere dem älteren Sohn ist nicht entgangen, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt. Neulich, als sie das T-Shirt wechselte, sah er die grosse Narbe auf ihrem Bauch. Da habe er gefragt: «Mami, wirst du jetzt wieder lange fort sein?» Sie habe ihre Tränen nicht zurückhalten können, erzählt Sonia. Daraufhin habe der Bub ihre Finken geholt und sie ihr anziehen wollen. «Er glaubt, er müsse schon eine Aufgabe übernehmen. Dabei soll er doch einfach nur eine unbeschwerte Kindheit haben.»

Sorge um Zukunft der Kinder

Ihre Söhne spenden Sonia Kraft, zugleich sind sie ihre grösste Sorge. Was wird aus ihnen, wenn die Mutter nicht mehr da ist? «Das Schlimmste für mich wäre, wenn sie nicht bei meinem Mann bleiben könnten und fremdplatziert würden», sagt Sonia. Deshalb sei sie schon jetzt dabei, die Zukunft ihrer Kinder rechtlich zu regeln.

Neben der Familie sind auch die beiden Hunde eine wichtige Stütze. Vor allem Buddy, der ältere, sei ein gmerkiger. «Bereits Wochen vor der Hiobsbotschaft im Juli folgte er mir auf Schritt und Tritt, als wolle er mir sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist», erzählt Sonia. Daneben hält die gelernte Landwirtin auch Enten, Hühner und Kaninchen. «Die Tiere zaubern mir jeden Tag ein Lächeln aufs Gesicht und geben mir eine Aufgabe. Dadurch komme ich nicht zu oft ins Grübeln.»

Tiere, sagt Mutter Pia, seien ihrer Tochter schon immer etwas näher gestanden als die Menschen. Auch sonst tanze sie unter den vier Geschwistern am meisten aus der Reihe. «Es ist diese Andersartigkeit von Sonia, die ich am meisten vermissen werde, wenn sie nicht mehr da ist», sagt Pia mit zittriger Stimme. Um ihre Tochter zu unterstützen, hat sie ihr Arbeitspensum reduziert.

Ans Aufgaben denkt Sonia nicht: «Ich werde für meine Familie kämpfen bis zum Schluss.»

Ein Buch als Vermächtnis

Trotz düsterer Aussichten: Aufgeben ist für Sonia kein Thema. «Ich werde für meine Familie kämpfen bis zum Schluss.» Mit ihrem Mann und den Kindern will sie nun noch möglichst viele gemeinsame Erinnerungen schaffen. Weil wegen der kostenintensiven Therapien und Operationen keine Ersparnisse vorhanden sind, hat Sonia zur Finanzierung einiger Ausflüge ein Spendenkonto eingerichtet (siehe unten).

Dazu gehören etwa Badeferien in Italien oder Südfrankreich. Es wäre eine Premiere: Noch nie war Sonia mit ihrer Familie am Strand. Zudem möchten sie sich einen günstigen Wohnwagen beschaffen und damit durch die Schweiz reisen. Die Trips sollen möglichst bald in Angriff genommen werden. «Im Laufe der Therapien werde ich zunehmend schwächer und eingeschränkter sein.»

Als Letztes auf Sonias Bucket List steht ein Buch über ihr Leben, das sie mit professioneller Unterstützung schreiben möchte. Es soll eine Art Vermächtnis werden: «Meine Kinder sollen später einmal wissen, wer ihre Mutter war.»

*Name der Redaktion bekannt

Möchten Sie Familie Gurtner bei ihren Ausflügen finanziell unterstützen?

Spendenkonto:

Gurtner Christof

CH-4539 Rumisberg

IBAN CH95 0645 0388 5973 5784 6, Clientis Bank Oberaargau

Postcheckkonto: 30-38116-2

«Familienerlebnis»

Mehr über Sonias Leben mit dem Krebs erfahren Sie auf Ihrer Homepage. Dort findet sich auch ein Link zu ihrer Facebook-Seite, über die man sie kontaktieren kann. Sonia ist auf der Suche nach Menschen, die ihr beim Schreiben ihres Buches helfen.

Dritthäufigste Krebsart

Alter: Gemäss Zahlen der Krebsliga Schweiz sind 55 Prozent der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose 70 Jahre oder älter, 37% zwischen 50 und 69 Jahre alt. Rechtzeitig erkannt sind die Heilungschancen gut. Die Krebsliga Schweiz empfiehlt daher allen Frauen und Männern ab 50 Jahren die Darmkrebsfrüherkennung. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten für Darmkrebs-Früherkennungsuntersuchungen bei Personen im Alter von 50 bis 69 Jahren.

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