Bier in Jugendtreffs: «Sonst decken sie sich am Kiosk mit Alkohol ein»
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Bier in Jugendtreffs«Sonst decken sie sich am Kiosk mit Alkohol ein»

In Schweizer Jugendzentren ist Alkohol kein Tabu mehr. So könne der Umgang gelernt werden. Suchtexperten sagen, der Schritt erfolge aus den falschen Gründen.

von
R. Landolt
Die moderne Jugendarbeit baut keine heile Welt auf, sondern orientiert sich am Gesetz und der Realität: Ivica Petrusic von der Zürcher Fachstelle für Jugendförderung.

Die moderne Jugendarbeit baut keine heile Welt auf, sondern orientiert sich am Gesetz und der Realität: Ivica Petrusic von der Zürcher Fachstelle für Jugendförderung.

Kein Anbieter/pd

Der Basler SP-Grossrat Thomas Gander macht sich für die Aufhebung des Alkohol-Verbotes in Jugendzentren stark. Denn: Ein Verbot verlagere den Konsum von Alkohol bloss «ins Geheime». Dass Alkohol in Jugendtreffs kein Tabu mehr ist, zeigt sich auch in anderen Schweizer Städten. «In den Zürcher Jugendzentren entstehen seit einigen Jahren immer mehr Präventions-Konzepte, die Richtung Alkoholausschank gehen», sagt Ivica Petrusic von der Zürcher Fachstelle für Jugendförderung.

Die moderne Jugendarbeite baue keine heile Welt auf, sondern orientiere sich an dem, was das Gesetz erlaube und der Realität entspreche: «In Wädenswil beispielsweise haben sich die Jugendlichen bis vor Einführung des kontrollierten Alkoholausschanks am Kiosk oder im Tankstellenshop mit Alkohol eingedeckt. Sie tranken ihn draussen im Versteckten und kamen dann alkoholisiert in den Jugendtreff oder zur Party zurück.» Die Jugendarbeiter hätten es dann mit angetrunkenen Jugendlichen zu tun, die dies bestreiten. Es gebe wenig Möglichkeiten, ihr Verhalten zu thematisieren.

Alkohol, damit der Jugendtreff attraktiver wird?

«Jugendlichen geht es meist um die Wirkung, nicht um den Genuss», sagt Philipp Frei, Mediensprecher des Blauen Kreuzes Schweiz. Deshalb könne es «schon Sinn machen, dass Jugendliche den Umgang mit Alkohol in Jugendtreffs lernen». Allerdings gelte dies nicht für überall. Es müsse auch Orte für Jugendliche geben, an denen ganz klar nicht getrunken werde. «Der Gruppendruck kann extrem hoch sein. Vor allem bei den unter 16-Jährigen.»

Mit eine Rolle für den Trend Richtung Alkoholausschank spielt laut Frei «bestimmt auch, dass der klassische Jugendtreff als ein Ort ohne Alkohol langsam ausgedient hat». Aus der Not heraus dürften sich Jugendtreffs aber nicht für den Alkoholausschank entscheiden. Denn: «Die Frage ist, ob man so nicht zu viel aufgibt, nur damit ein Jugendtreff attraktiver wird.»

«Jugendliche müssen Verantwortung übernehmen»

«Klar wird ein Jugendtreff als Nebeneffekt attraktiver, wenn wie an anderen Orten auch Alkohol getrunken werden darf», sagt Ivica Petrusic vom Dachverband der Zürcher Jugendarbeits-Organisationen. «Jugendliche finden einen Treff aber wegen vieler anderer Faktoren cool oder eben nicht. Dazu gehören die Atmosphäre, die Leute, die Projekte.» Er streitet aber nicht ab, dass die Jugendtreffs wesentlich weniger gut frequentiert sind als noch vor zehn, zwanzig Jahren.

Die Kinder- und Jugendfacharbeit Aaretal hat auf Wunsch der jugendlichen Veranstalter des Kulturkellers ein Alkoholkonzept eingeführt: «Für die Kulturveranstaltungen des Kulturkellers sind nur Jugendliche ab 16 Jahren zugelassen», sagt Projektleiter Toby Rüst. Es werde auch Alkohol verkauft, allerdings kein hochprozentiger. Und ein Bier koste viermal mehr als ein Mineralwasser. «Der Preis ist gleich wie in einem privaten Club. Nur sind unsere nicht-alkoholischen Getränke viel günstiger als anderswo.» Das Fazit nach acht Jahren Alkoholkonzept? «Wir haben gute Erfahrungen gemacht im Umgang mit dem Konsum. Auch die Gemeinde verlangt keine regelmässigen Berichte mehr.»

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